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Dresden: Lange Suche nach dem Kinderarzt

Eine hochschwangere Dresdnerin bekommt eine Absage nach der anderen. Warum Kinderarztpraxen keine Patienten annehmen und ob die Ärzte ausreichen.

Schon kurz nach der Geburt müssen Babys vom Kinderarzt untersucht werden, regelmäßige Check-ups folgen. In Dresden lehnen Kinderärzte neue Patienten aber durchaus ab.
Schon kurz nach der Geburt müssen Babys vom Kinderarzt untersucht werden, regelmäßige Check-ups folgen. In Dresden lehnen Kinderärzte neue Patienten aber durchaus ab. © dpa-Zentralbild

Dresden. Anfang April erwartet Susanne Buchheim ihr erstes Kind. Es wird ein Mädchen und die Freude der Eltern ist groß. Doch die Dresdnerin blickt auch mit Sorge auf die Geburt. "Ich bin hochschwanger und habe immer noch keinen Kinderarzt gefunden", erzählt sie. Die junge Frau versucht es weiter, täglich telefoniert sie die Dresdner Kinderärzte ab. Bislang ohne Erfolg.

"In der Neustadt sagen mir alle Ärzte, sie seien voll und nehmen keine neuen Patienten auf", berichtet die werdende Mutter. "In anderen Stadtteilen werde ich abgewiesen mit der Begründung, ich lebe nicht in deren Einzugsgebiet." Langsam wird die Erstmama nervös, denn bereits kurz nach der Geburt steht eigentlich die erste Untersuchung des Neugeborenen in einer Praxis an. Hat Dresden zu wenige Kinderärzte?

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Wie viele Kinderärzte gibt es aktuell in Dresden ?

Laut Arztregister der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) gibt es in Dresden momentan 78 Einträge für Kinderärzte. In der Neustadt sind es vier Praxen, zum Teil mit zwei oder drei Ärzten.

Ist der Bedarf damit gedeckt?

Theoretisch ja. Der Versorgungsgrad beträgt laut KVS 123,7 Prozent, also übererfüllt auf dem Papier. Diese Zahl beschreibt das Verhältnis der bedarfsplanungsrelevanten Einwohner, also der Kinder, zur Anzahl der Arztsitze, erklärt KVS-Sprecherin Katharina Bachmann-Bux.

"Damit kann die Versorgungssituation in der Stadt als gut bezeichnet werden", sagt sie. Laut KVS gab es mit Stand vom Juli vergangenen Jahres in Dresden insgesamt 94.364 Kinder, die betreut werden müssen. Rein rechnerisch sind das 1.200 Kinder, die ein Arzt behandeln müsste. Viele von ihnen kommen aber nur einmal jährlich zum Impfen oder zu einer Routineuntersuchung.

Dürfen Eltern auch Ärzte außerhalb ihres Viertels wählen?

Die Dresdner Mama berichtet, dass sie in der Neustadt und auch in den angrenzenden Stadtteilen immer abgewiesen wird. Ein Kinderarzt bestätigt das. "Wir nehmen generell noch Patienten auf, aber nur wenn sie in unserem Einzugsgebiet liegen. Das klären wir telefonisch mit den Eltern ab." Eine Warteliste gibt es demnach nicht. "Familien, die bereits Geschwisterkinder bei uns haben, werden ohne Bedingungen aufgenommen", so Kinderarzt Stephan Rupprecht, der seine Praxis auf der Radeberger Straße hat.

Die KVS teilt indes mit, dass für Dresden keine "Einzugsgebiete" existieren. So wie jeder Patient hätten auch die Eltern von Kindern in der Neustadt das Recht der freien Arztwahl. "Sollte die Arztpraxis in der unmittelbaren Nachbarschaft aufgrund hoher Auslastung keine neuen Patienten mehr annehmen, kann selbstverständlich auch bei Kinderärzten anderer Stadtteile nachgefragt werden", so Bachmann-Bux.

Zu diesem Zweck könne die Arztsuche auf der Website der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen genutzt werden. Hier werden neben den Kontaktdaten auch die besonderen Behandlungsschwerpunkte der Praxen aufgeführt.

Eine weitere Möglichkeit bietet die Terminservicestelle der KVS. Hier erfolgt die Vermittlung von Terminen bei Haus- sowie Kinder- und Jugendärzten, was auch Termine für die Gesundheitsuntersuchungen im Kindesalter, die sogenannten U-Untersuchungen, beinhaltet.

Finden Dresdner Kinderärzte Nachfolger?

Dr. Carola Hoffmann hat 30 Jahre lang ihre eigene Kinderarztpraxis in Gorbitz betrieben. Ende März ist Schluss, dann gehen sie und ihre Kollegin, mit der sie die Praxis unterhielt, in den Ruhestand. Es sei nicht einfach gewesen, Nachfolger zu finden. Der Job, der Stress, die Verantwortung – davon träume nicht jeder junge Mediziner, sagt sie.

Dass Dresdner Kinderärzte neue Patienten ablehnen, kann Carola Hoffmann verstehen. Kein Arzt sei auf neue Kinder in seiner Praxis angewiesen, wer zu viele behandle, müsse sogar mit Budgetkürzungen rechnen. Daher könne sie schon nachvollziehen, dass Kollegen Kriterien ansetzen, die über Neuaufnahme oder Ablehnung entscheiden. Ob das Geschwisterkind schon in einer Praxis versorgt wird, kann solch ein Kriterium sein, die Distanz zur Wohnung ein weiteres.

"Früher hatten wir kein Problem auch Kinder aus Radebeul anzunehmen", sagt Hoffmann. Zuletzt habe sie sich streng auf den Stadtbezirk beschränken müssen und auch hier nur Zuzügler angenommen. Ausgeschlossen waren Wechsel innerhalb Dresdens. Dafür reichten die Kapazitäten bei weitem nicht aus, so Hoffmann.

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Dass dies für Eltern problematisch ist, könne sie nachvollziehen. Zumal immer mehr Kollegen keine Neugeborenen mehr aufnehmen würden. Für diesen Fall rät die Kinderärztin, die Terminvermittlung der KVS zu nutzen.​

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