Dresden
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"Arielle war mein Idol"

Die Musicaldarstellerin Kerry Jean pendelt von der Schweiz, wo sie die Wüstenblume spielt, nach Dresden an die Staatsoperette und ist froh, dass "weiße Rollen" obsolet werden.

Von Nadja Laske
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Sängerin Kerry Jean kann heute viel mehr Rollen verkörpern, als es zu Beginn ihrer Karriere möglich schien.
Sängerin Kerry Jean kann heute viel mehr Rollen verkörpern, als es zu Beginn ihrer Karriere möglich schien. © Tanja Hall/PR

Dresden. Kerry erscheint. Sie kommt nicht einfach nur zur Tür herein. Und doch hat die Sängerin keinen Hauch von Allüren. Am Samstag wird "Pippin", die neue Inszenierung an der Dresdner Staatsoperette, Premiere haben - mit der gebürtigen Kalifornierin in der weiblichen Hauptrolle.

Die Musicaldarstellerin ist nicht geradewegs aus den USA nach Dresden gekommen. Seit vielen Jahren lebt und arbeitet sie in Deutschland und in der Schweiz. St. Gallen wurde ihr durch eine berühmte Rolle zur Heimat auf Zeit. Am dortigen Theater ist die Amerikanerin als Waris Dirie zu sehen, die mit ihrem ebenso kraftvollen wie erschütternden autobiografischen Roman "Wüstenblume" bekannt wurde. Seit 2019 ist die Geschichte der Frauenrechtlnerin und Menschenrechtsaktivistin auch als Musical zu erleben.

"Ich kannte ehrlich gesagt Waris Dirie und ihr Schicksal noch nicht, als mir die Rolle angeboten wurde", erzählt Kerry Jean. In den USA sei das Buch nicht so bekannt wie in Europa. Inzwischen ist sie schwer beeindruckt von der Autorin, ihrer Schilderung und Intention.

Dass Kerry überhaupt einmal auf großen Bühnen stehen würde, das wusste sie als Kind vielleicht insgeheim in ihren Mädchenträumen. "Meine Eltern hatten nichts mit Kunst zu tun, aber sie haben mich auf meinem Weg immer unterstützt." Der führte sie nach der Schule an die "School of Theater, Film, and Television" der Universität von Kalifornien in Los Angeles. "Als ich dort mit der Ausbildung fertig war, hatte ich ein Jahr keinen Job in meinem Fach." So schwer sei es gewesen, als noch ganz Unbekannte ein Engagement zu bekommen.

Doch Kerry ist zielstrebig und extrem diszipliniert. Auch ohne ständige Proben und Inszenierungsarbeit musste sie sich fit halten - stimmlich und körperlich. "Ich habe regelmäßig geübt und trainiert, bin viel gelaufen", erinnert sie sich. Schließlich konnte sie bei einem Vorsingen punkten und bei einem nächsten und nächsten. So nahm ihre Karriere Fahrt auf.

Allerdings schwamm Kerry Jean zunächst - mit einem Kreuzfahrtschiff über die Meere und verdiente zwei Jahre lang in den Shows des Luxusliners und auch in Disney-Musicals ihr Geld. Vor sieben Jahren kam sie schließlich nach Deutschland. Das war hier wie dort eine Zeit, in der sich eine junge, schwarze Sängerin durchaus Gedanken darüber machte, welche Rollen sie so gern einmal übernehmen würde - und welche für sie nicht infrage kommen, weil sie als weiß galten.

Kunst öffnet Türen zu neuen Sichten

"Das hat sich eigentlich erst seit etwa 2020 zu ändern begonnen", sagt sie. "Die Christine aus Phantom der Oper jemals zu spielen, schien bis dahin unmöglich. Aber es gibt absolut keinen Grund dafür, dass sie weiß sein muss" Nun sei Arielle die Meerjungfrau in der neusten Disney-Verfilmung, die im Mai in die Kinos kommt, farbig. "Arielle war als Kind mein absolutes Lieblingsmärchen und Idol. Ich finde es großartig, dass sie nun endlich auch schwarz sein darf."

Gerade Kunst und Kultur - Film, Theater, Musicals und Malerei haben Kerry Jean zufolge eine Vorreiterrolle, wenn es darum gehe, mit überholten, zum Teil unausgesprochenen Regeln zu brechen und neue Sichten zuzulassen, bis sie endlich als normal betrachtet werden. Die Kunst traue sich, zu hinterfragen und Türen zu öffnen, durch die früher oder später auch der Rest der Gesellschaft geht.

An der Dresdner Staatsoperette spielt Kerry Jean ab Samstag die verheißungsvolle Prinzipalin, die mit ihrer Künstlertruppe Prinz Pippin durch verschiedene Stationen der Charakterbildung führt, um ihn seinen Platz im Leben finden und "etwas Besonderes" werden zu lassen. "Ich habe mich intensiv mit der Figur beschäftigt, auf der Suche nach einer Antwort, wer sie eigentlich ist", sagt Kerry. Was sie entdeckt und wie sie das schillernde Traumgebilde energetisch auf die Bühne bringt, darf jeder selbst sehen.