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Ein Leben für und mit dem Konsum

Als Teenager begann Monika Stephan ihre Lehre beim Konsum in Dresden. Fast ein halbes Jahrhundert später verabschiedet sie sich - aber nicht ganz.

"Ein komisches Gefühl": Monika Stephan geht nach 47 Jahren im Konsum in den Ruhestand.
"Ein komisches Gefühl": Monika Stephan geht nach 47 Jahren im Konsum in den Ruhestand. © Sven Ellger

Dresden. Es gab mal Zeiten, da waren Tassen und Teller aus Porzellan mehr als ein Gebrauchsgegenstand. Sie waren auch Dekoration und ein Ausdruck von Lebensgefühl. In der DDR waren die Service so begehrt, dass die Menschen vor den Geschäften Schlange standen, wenn gerade neue Ware eingetroffen war.

"Meist war nach wenigen Stunden schon wieder alles raus", erinnert sich Monika Stephan. "Vor allem die Russen kauften viel." Die besten Stücke wurden natürlich unter dem Ladentisch vergeben. Besonders begehrt seien die Madonna-Service von Kahla, die Waren aus Lauscha und Kristallgläser gewesen, erinnert sich die 63-Jährige Dresdnerin. Die Kunden wussten, dass sie stets gute Kontakte hatte und im Großhandel auf der Breitscheidstraße immer einige Schätze auftrieb.

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In ihrem Konsum an der Kesselsdorfer Straße (Ecke Deubener Straße) in Löbtau sei deswegen auch immer was los gewesen, sagt Monika Stephan. In dieser Zeit hatte der Konsum in Dresden noch viele Filialen wie diese, in denen es ausschließlich Haushaltsartikel gab.

Monika Stephan (2.v.l.) 1984 mit ihren Kolleginnen im frisch renovierten Konsum-Geschäft an der Kesselsdorfer Straße.
Monika Stephan (2.v.l.) 1984 mit ihren Kolleginnen im frisch renovierten Konsum-Geschäft an der Kesselsdorfer Straße. © privat

Die Geschichte des Unternehmens reicht zurück bis ins Jahr 1888, als der Konsumverein "Vorwärts zu Dresden und Umgebung" aus der Taufe gehoben wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Genossenschaften neu gegründet und versorgten die Einwohner jahrzehntelang mit allem, was sie brauchten - und bekommen konnten.

Seit Januar 1976 war Monika Stephan an der Kesselsdorfer Straße Verkaufsstellenleiterin für Glas und Porzellan und teilte sich mit zwei Mitarbeiterinnen in die Schichten. Dabei hatte sie damals noch nicht mal ihre Leitungs-Schulung absolviert. Offenbar hielten ihre Chefs große Stücke auf die junge Frau, die 1973 ihre Konsum-Lehre in der Haushaltsware auf der Hofmühlenstraße begonnen hatte und die Ausbildung zwei Jahre später erfolgreich abschloss. 1977 bis 1978 holte Monika Stephan die Schulung nach und blieb dem Konsum bis heute treu. Stolze 47 Jahre lang.

Zu ihrem letzten Arbeitstag in der Filiale im Gorbitzer Sachsenforum gab es viele warme Worte, ein selbst gestaltetes Fotoalbum der Kollegen und das ein oder andere feuchte Auge. Allein hier ist die Dresdnerin 25 Jahre für die nicht essbaren Waren zuständig gewesen.

Kurz nach der Wende arbeitete sie im "Gut & Gern" an der Ecke Kesselsdorfer Straße / Malterstraße.
Kurz nach der Wende arbeitete sie im "Gut & Gern" an der Ecke Kesselsdorfer Straße / Malterstraße. © privat

Was sich verändert hat in den vergangenen fast 50 Jahren? Vor allem eines: Früher hat man die Waren schwer bekommen, und hatte keine Mühe, sie zu verkaufen. Heute gebe es alles im Überfluss, und die Kunst liege stattdessen darin, genügend Käufer zu finden.

Nun ist es Zeit für den Ruhestand. "Bis gestern war das bei mir noch gar nicht richtig angekommen", sagt sie. Statt im neuen Jahr noch einige Tage Urlaub zu nehmen, übernahm sie bis zum letzten Tag zuverlässig ihre Schichten. "Das ist jetzt schon ein komisches Gefühl. Nach all der Zeit."

Dabei sah es schon Anfang der 90er-Jahre danach aus, als ob ihre Konsum-Karriere ein schnelles und unschönes Ende nehmen würde. Wie viele andere Verkäuferinnen bekam sie die Kündigung, nachdem das Unternehmen die Non-Food-Läden 1992 abgegeben hatte. Damals war Monika Stephan im "Gut & Gern" auf der Kesselsdorfer Straße (Ecke Malterstraße) beschäftigt und hatte immer noch den festen Plan gehabt, im Konsum alt zu werden. "Ich habe die Arbeit in der DDR genossen und möchte die Zeit nicht missen", sagt sie.

Und nun sollte einfach Schluss sein? Ganz so einfach wollte sie sich nicht geschlagen geben, klagte auf Wiedereinstellung und bekam Recht. "Zu dieser Zeit hatte ich schon mit dem Gedanken gespielt, mich selbständig zu machen und eine Filiale auf der Alaunstraße zu übernehmen", erinnert sie sich. "Rückblickend muss ich sagen: Ich bin froh dass das damals nicht geklappt hat." Wer weiß, wohin sie ihr Weg sonst geführt hätte.

Zuletzt war Monika Stephan 25 Jahre lang für die Drogerie-Abteilung in der Konsum-Filiale im Gorbitzer Sachsenforum verantwortlich.
Zuletzt war Monika Stephan 25 Jahre lang für die Drogerie-Abteilung in der Konsum-Filiale im Gorbitzer Sachsenforum verantwortlich. © Sven Ellger

Langweile droht Monika Stephan nun ganz sicher nicht. Die Blumenbeete auf ihrem Wochenendgrundstück in Oelsa und fünf Enkel freuen sich jetzt schon auf mehr Aufmerksamkeit und auch ihr Ehemann, der selbst schon einige Zeit im Ruhestand ist, hat diesen Tag herbeigesehnt. Dennoch ist die 63-Jährige froh darüber, dass ihr Abschied vom Konsum nicht allzu abrupt ablaufen wird.

Freiberuflich wird sie künftig an zwei Tagen in der Woche die Regale für einen großen Kaffeehändler einräumen. Auch als Vertreter für die Genossenschaft will sie noch einmal kandidieren und zum Einkaufen ist der Konsum ja sowieso der Weg der Wahl. Für ihre lange Treue darf sie sich über eine lebenslange Konsum-Rente in Form von Gutscheinen über monatlich 50 Euro freuen.

Was ihr besonders in Erinnerung bleiben wird? Im vergangenen Jahr wahrscheinlich der zeitweilige Ansturm auf das Toilettenpapier, den sich Monika Stephan immer noch nicht erklären kann. Zeitweise musste auch sie die Abgabe auf eine Packung pro Person begrenzen. Ein bisschen wie früher, "nur Toilettenpapier gab es fast immer genug".

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