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"Dresden verunsichert die Gartenfreunde"

Dutzende Kleingärten müssen einem Wissenschaftspark weichen. Ein Vereinschef fordert mehr Unterstützung vor dem Zwangsumzug.

Steffen Pätzig glaubt noch nicht daran, dass in näherer Zukunft ein Wissenschaftspark in Dresden-Strehlen entsteht.
Steffen Pätzig glaubt noch nicht daran, dass in näherer Zukunft ein Wissenschaftspark in Dresden-Strehlen entsteht. © Sven Ellger

Dresden. Dieser Weg wird kein leichter sein. Und bis auf Weiteres auch kein besonders schöner. Direkt an der Bahntrasse in Strehlen führt er parallel zur Reicker Straße an Gärten und Tennisplätzen vorbei. "Sie müssten mal sehen, was hier manchmal los ist", sagt Steffen Pätzig, Vorsitzender des Kleingartenvereins Gartenfreunde Sommerland in Dresden.

Zwar sei der namenslose Weg nicht öffentlich. Dennoch würde er längst nicht nur von Anliegern, sondern von unzähligen Spaziergängern, Joggern und Radfahrern genutzt. Gern würde Pätzig den Zustand des Weges verbessern und sieht dabei die Stadt in der Pflicht. Im Rathaus wird er allerdings vertröstet. "Die sagen uns, dass wir hier eine schöne Straße bekommen, sobald der Wissenschaftspark gebaut wird."

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Der Wissenschaftpark Ost - seit Jahren ein Reizwort für viele der Kleingärtner in Strehlen und Reick. Auf einem Areal von rund 45 Hektar soll hier ein neuer Stadtteil mit Forschungseinrichtungen entstehen. Die Planungen dafür laufen seit zehn Jahren und schon lange ist klar: Für das gigantische Bauvorhaben müssen viele Kleingärtner ihre Parzellen aufgeben. Dafür stellt die Stadt in der Nähe Ersatzflächen zur Verfügung. Während der Verein Friedland mit seinen 63 Gärten fast komplett umziehen muss, gilt das nur für einen Teil von Pätzigs Sommerland-Gärtnern.

Auf dieser Fläche an der Reicker Straße in Strehlen sollen Dutzende neue Kleingärten entstehen.
Auf dieser Fläche an der Reicker Straße in Strehlen sollen Dutzende neue Kleingärten entstehen. © Henry Berndt

Lange kämpften die Vereine vergeblich dafür, ihre Parzellen behalten zu können. Inzwischen kann es für sie nur noch darum gehen, dass Beste aus der unglücklichen Situation zu machen.

Ohne Corona hätte der Verein Sommerland im vergangenen sein 100-jähriges Bestehen feiern können. Viele der 263 Mitglieder treffen sich regelmäßig zu Festen und Arbeitseinsätzen. Erst vor wenigen Tagen wurde wieder eine Pflanzenbörse veranstaltet. Einige Tage zuvor brachten Gärtner abgesägte Buchenäste zu den Elefanten im Zoo.

"Besonders froh sind wir, dass wir einen neuen Pächter für das Vereinsheim gefunden haben", sagt Pätzig. Vor dem Start machte der mächtig Budenschwung und baute für 4.000 Euro eine neue Küche ein. Wie lange hier noch gekocht werden kann, ist allerdings unklar, denn auch das Vereinsheim wird für den Wissenschaftspark weichen müssen.

Während alle Parzellen, die überbaut werden, bereits für die Entschädigung der Gärtner geschätzt worden sind, sei das Vereinsvermögen bislang nicht bewertet, ärgert sich Pätzig, der den Planern und Kommunikatoren im Rathaus insgesamt kein gutes Zeugnis ausstellt.

"Zeitplan völlig unklar"

"Das Einzige, was die Kommunalpolitik bislang erreicht hat, ist die Verunsicherung der Gartenfreunde", sagt er. Viel zu wenig Beachtung wird seiner Ansicht nach der ökologischen Bedeutung der Gärten in Zentrumsnähe geschenkt. "Wenn wir im Sommer früh hierherkommen, müssen wir aufpassen, dass wir auf keine Eidechse treten." Komplett neue Gärten brauchten aber 10 bis 15 Jahre, bis sie dieselbe ökologische Wirksamkeit erreichten.

Einen Wissenschaftspark sieht Pätzig in näherer Zukunft noch nicht entstehen und befürchtet, dass die Gärtner letztlich sogar umsonst umziehen könnten. "Der Zeitplan ist doch völlig unklar und bis jetzt gibt es keine Baugenehmigungen und keinen interessierten Investor."

Ganz so düster sieht es allerdings wohl nicht aus. Robert Franke, Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung, spricht von ersten Gesprächen mit Forschungseinrichtungen. Für die nötige Infrastruktur würden derzeit Baufirmen gesucht. Außerdem gebe es für einen ersten Bereich am Otto-Dix-Center bereits Baurecht.

Und klar ist auch: Erst wenn die Gärtner umgezogen sind, können Investoren konkrete Flächen angeboten werden.

Fünf Stunden Rundgang

Steffen Pätzig überzeugt das wenig. Kein einziges seiner Mitglieder sei bereit, auf der blanken Erde neu zu beginnen, was nicht heiße, dass sich nicht rasch neue Gärtner finden ließen. Pätzig geht es weniger um Zäune und Bäume, sondern mehr um den sozialen Zusammenhalt seiner Gemeinschaft.

Historisch gewachsen, ist seine Anlage sowieso schon ungewöhnlich zerklüftet. Die Parzellen sind vom Rudolf-Bergander-Ring fast bis zur Vogelsteinstraße verteilt. "Wenn ich morgens 9 Uhr meinen Rundgang beginne, bin ich erst 14 Uhr wieder zurück", sagt er. "Das ist schon anstrengend." Nun befürchtet er, dass die soziale Struktur in seinem Verein noch weiter auseinandergerissen wird.

Doch auch ganz rationale Dinge beschäftigen ihn. Bevor irgendwelche konkrete Baupläne umgesetzt würden, müsse klar sein, von wo aus jeder seiner Gärtner Strom und Wasser beziehen wird. Und dann ist da noch die Sache mit dem Weg am Bahndamm. Für 50.000 bis 60.000 Euro sollte man den sanieren, findet er. Und zwar jetzt und nicht irgendwann.

Verständnis für Zukunftsängste

Frank Hoffmann, Chef des Verbandes der Dresdner Kleingärtner, hat Verständnis für die Zukunftsängste der drei Vereine und setzt sich seit Jahren für einen offenen Diskurs ein. Allerdings kann er auch nicht jeden Wunsch nachvollziehen. "Den Weg kenne ich im jetzigen Zustand seit mehr als 30 Jahren und verstehe nicht, warum er jetzt unzumutbar ist", sagt Hoffmann.

Abgesehen davon seien die Forderungen, beim Ausbau des Weges keinen zusätzlichen Verkehr hier umzuleiten und keine weiteren verpachteten Parzellen zu opfern, bereits in den Planungen aufgegriffen worden.

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Bei der nächsten öffentlichen Sitzung des Kleingartenbeirats am Mittwoch nächster Woche im Rathaus wird es erneut unter anderem um den Wissenschaftsstandort Ost gehen. Auch Pätzig ist eingeladen und wird wohl ganz genau zuhören.

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