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"Spätestens im März ist Pumpe"

Als Günther und Hindrich machten zwei junge Dresdner preisgekrönte Filme und traten bei Comedy-Festivals auf. Jetzt sprechen sie beim Arbeitsamt vor.

Johannes Kürschner (l.) und Franz Müller denken darüber nach, ihre Kultfiguren Günther und Hindrich aufzugeben.
Johannes Kürschner (l.) und Franz Müller denken darüber nach, ihre Kultfiguren Günther und Hindrich aufzugeben. © Sven Ellger

Dresden. Eigentlich. Das ist eines dieser Wörter, die in Zeiten der Corona-Krise besonders häufig fallen. Eigentlich würden Günther und Hindrich gerade am Feinschliff für ihren neusten Film sitzen.

Eigentlich würden sie sich auf ein tolles Premieren-Jahr mit vielen Auftritten freuen. Eigentlich könnten sie jetzt gerade die Karriereleiter nach oben klettern. Doch die Leiter ist gesperrt - Corona-Schutzmaßnahme!

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Hinter den ursächsischen Witzfiguren Günther und Hindrich stecken die beiden Dresdner Filmemacher Johannes Kürschner und Franz Müller. Als Studenten landeten sie vor acht Jahren mit ihrem Kurzfilm "Simply clever" einen Überraschungserfolg.

Mit der Simson auf Bratwurstsuche in Portugal

Für den Nachfolger "Simply the Worst" fuhren sie im Trabi zur legendären "Lomnitzer Scharte" in die Hohe Tatra. Der Streifen brachte ihnen 2016 eine Nominierung für den Deutschen Kurzfilmpreis ein.

"Wir haben die letzten neun Jahre dafür gearbeitet, uns ein Image für Günther und Hindrich aufzubauen, waren gerade so ein bissel am Erblühen, und dann kommt die ganze Scheiße und macht dir alles zur Sau", sagt Johannes. Gemeint ist der Lockdown.

Als Günther und Hindrich fuhren die Dresdner im vergangenen Sommer im Duo nach Portugal.
Als Günther und Hindrich fuhren die Dresdner im vergangenen Sommer im Duo nach Portugal. © René Meinig

Vergangenen Sommer hatten die beiden zunächst Hoffnung geschöpft und das kleine Zeitfenster der Freiheit genutzt, um in einer Simson Duo, dem legendären dreirädrigen DDR-Krankenfahrzeug, bis an den südlichsten Punkt Portugals zu fahren - zur letzten Bratwurstbude vor Amerika.

Insgesamt waren das stolze 6.000 Kilometer, Höchstgeschwindigkeit: 83 Kilometer pro Stunde. Bergab.

An der Grenze zu Portugal mussten sie zwar zwei Tage bis zur Grenzöffnung warten und im Busch übernachten. Ansonsten sei die Reise jedoch ein voller Erfolg gewesen, nicht zuletzt Dank eines Begleitfahrzeuges, das sie mit Ersatzteilen und frischem Öl versorgte. "Bei Offroad-Aktionen und auf der Kartbahn haben wir einiges kaputtfahren", sagt Johannes. "Ansonsten lief die Maschine relativ solide."

"Kein Ziel vor Augen"

Um den Film zu finanzieren, hatten die beiden vor Beginn der Fahrt über eine Online-Kampagne mehr als 18.000 Euro von ihren Fans eingesammelt. Die bekamen dafür zwar schon kleine Präsente wie Bierdeckel, Tassen und Duo-Altreifen geschickt - auf den Film selbst aber werden sie noch eine Weile warten müssen.

Zwar haben Johannes und Franz alias Günther und Hindrich etwa 48 Stunden Filmmaterial mit nach Hause gebracht, sich aber seitdem kaum damit beschäftigt.

"Wenn man kein Ziel vor Augen hat, worauf man hinarbeiten könnte, gibt es auch keinen Antrieb, dort reinzugucken", sagt Johannes. "Sonst haben wir immer in der Nacht vor der Premiere alles fertig gemacht."

Die Veröffentlichung des Films "Mischn impossible - Zwei Deppen im Duo nach Portugal" haben die beiden bereits auf 2022 verschoben. "Es macht keinen Sinn, einen Reisefilm zu produzieren, wenn man den dann nur im Internet zeigen kann", sagt Franz.

"Von den 50 Euro bei Youtube im Monat können wir leider nicht leben." Im Januar war ein Auftritt bei "Bilder der Erde" im Alten Schlachthof geplant. Eigentlich.

"Ich hab mich noch nie irgendwo beworben"

Stattdessen denken die jungen Filmemacher nun ernsthaft darüber nach, ihre Figuren Günther und Hindrich aufzugeben. Und dann? "Mal gucken, was das Arbeitsamt hergibt", sagt Johannes.

"Ich habe mich noch nie irgendwo beworben und werde erstmal Zeugnisse scannen müssen." Er könne sich recht gut eine Ausbildung als Konstruktionsmechaniker vorstellen.

Allerdings sei auch klar: "Wenn wir jetzt anfangen zu arbeiten, dann wird es kaum möglich sein, nebenher noch irgendwas mit Kunst zu machen. Dafür braucht man Muße und Zeit." Abgesehen davon würden sie schnell aus der Künstlersozialkasse rausfliegen - und nur noch schwer wieder reinkommen.

So langsam ginge Franz und Johannes nun das Kleingeld aus, zumal Franz zu Hause auch ein Kind zu versorgen hat. Das Weihnachtsgeschäft in ihrem Onlineshop sei noch halbwegs passabel gelaufen. Dort gab es Günther-&-Hindrich-Räuchermännchen und selbst geschnitzte Schwibbögen.

Fans sind heiß auf ein neues Video

Im Januar sei aber auch dieses Geschäft schlagartig weggebrochen. Auf eine nennenswerte Unterstützung aus öffentlichen Töpfen können sie auch nicht hoffen. Die letzten Rücklagen würden sie gerade aufbrauchen. "Spätestens im März ist aber Pumpe", sagt Franz.

Unterdessen fragen sich viele Fans, wo Günther und Hindrich geblieben sind und wann denn endlich ein neues Video kommt. "Um in Corona-Zeiten ein Video zu produzieren, muss man sich ja schon in die Illegalität begeben", sagt Johannes.

Mit Mundschutz würden sie sich aber ganz sicher nicht vor die Kamera setzen. "Wie sollen wir da bitte Bier trinken und rauchen?"

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