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Wie ein Dresdner Startup dem Müll den Kampf ansagt

Mit ihrer Geschäftsidee "MealGood" wollen zwei Cousinen den Markt für Mehrwegverpackungen umkrempeln. Jetzt müssen sie die Gastronomen überzeugen.

Von Henry Berndt
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Laura-Marie Schulte (l.) und Eva-Maria Kappelhoff wollen sich nicht mehr nur auf Demos für die Umwelt einsetzen.
Laura-Marie Schulte (l.) und Eva-Maria Kappelhoff wollen sich nicht mehr nur auf Demos für die Umwelt einsetzen. © Christian Juppe

Dresden. Zugegeben, auf den ersten Blick sehen diese Schalen ziemlich genauso aus wie die, in denen Mama zu Hause nach dem Essen das übriggebliebene Kartoffelgratin in den Kühlschrank verfrachtet. Doch anders als die Billig-Dinger zu Hause sollen diese Schalen hier kleine Wunder sein - vielleicht sogar die Zukunft der Großgastronomie.

Die Gefäße, die die beiden Cousinen Laura-Marie Schulte und Eva-Maria Kappelhoff mitgebracht haben, fühlen sich an wie Plastik und sie können auch so viel wie Plastik. Sie dürfen im Geschirrspüler gespült, in der Mikrowelle erhitzt und vor allem viele Male wiederverwendet werden.

Der Clou ist allerdings: Sie sind zu 100 Prozent biologisch abbaubar. Innerhalb von drei Monaten würden sie sich auf einem Komposthaufen in organisches Material auflösen, versprechen die beiden jungen Erfinderinnen. Ihr Produkt und den Service dahinter haben sie MealGood getauft, auf Deutsch: "Gute Mahlzeit".

Neues Gesetz ab 2023

"Mit dieser Kombination sind wir die einzigen auf dem Markt", ist sich Eva-Maria sicher. Eine wichtige Voraussetzung dafür, womöglich den Markt für Mehrwegverpackungen mittelfristig umkrempeln zu können. Gründe dafür gibt es genug. Nicht nur, dass die Erde unter den Folgen des Klimawandels ächzt und jede nachhaltige Alternative an sich schon ein Gewinn ist. Ab 2023 werden außerdem Lieferdienste, Caterer und Restaurants ab einer bestimmten Größe gesetzlich dazu verpflichtet sein, Mehrwegverpackungen zumindest als Alternative für ihr Essen-to-go anzubieten.

Täglich fallen derzeit in Deutschland laut Bundesregierung 770 Tonnen Verpackungsmüll durch To-Go-Verpackungen an. Seit Beginn der Corona-Pandemie habe sich dieser Wert noch einmal deutlich erhöht. "Das kann und wird nicht so weitergehen", sagt Laura-Marie und schickt lächelnd hinterher: "Dafür wollen auch wir etwas tun."

Den Prototypen der dritten Generation sieht man nicht an, dass sie biologisch abbaubar sind.
Den Prototypen der dritten Generation sieht man nicht an, dass sie biologisch abbaubar sind. © Christian Juppe

Laura-Marie ist 29 und arbeitet als Wirtschaftspsychologin bei einem Energieversorger in Dresden, ihre Cousine Eva-Maria, 29, wohnt in Ingolstadt und hat Politikwissenschaft studiert. "Umwelt- und Naturschutz liegt uns beiden schon lange am Herzen, nicht erst seit es Greta Thunberg gibt", sagt Eva-Maria. Schon als Kinder haben sie sich ein Abzeichen der Umweltschutzorganisation BUND verdient und sind heute auf jeder Klima-Demo mit selbst gemalten Plakaten dabei. Jetzt wollen sie mehr: "Wir sagen dem Verpackungsmüll den Kampf an."

Etwa von einem Jahr, als sie sich gerade mal wieder über den vielen Verpackungsmüll nach einer Essensbestellung ärgerten, sprachen sie zum ersten Mal über eine mögliche Geschäftsidee. Von da an knüpfen sie Kontakte zur Dresdner Universität und den Startup-Helfern von Dresden exists, suchten sich Produktdesigner und Hersteller. Das Material in geheimer Zusammensetzung kaufen sie als Granulat ein.

Bis zu 150 Mal nutzbar

Bislang halten sie noch Prototypen der Schalen in ihren Händen, die sie innerhalb der vergangenen Monate immer weiter optimiert haben. Inzwischen sagen sie selbstbewusst: "Bis zum Herbst 2022 können wir mit der Produktion in größerem Stil beginnen."

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sie bis dahin auch ausreichend Kunden gewinnen können. Idealerweise sollte das nicht nur das Café um die Ecke sein, sondern auch der eine oder andere Anbieter aus der Großgastronomie.

"Mit MealGood bieten wir individualisierbare Mehrweglösungen für Speiseverpackungen", wirbt Laura-Marie schon mal. Form, Farbe und Aufdrucke seien frei wählbar. Sogar mit Pizza-Karton-Formaten experimentieren sie schon. Da die Schalen bis zu 150 Mal wiederverwendet werden könnten, seien sie am Ende sogar günstiger als Einwegverpackungen. Oder wie es in der Businesssprache heißt: ökonomisch effizient.

Die gastronomischen Betriebe sollen jedoch nicht einfach nur die Gefäße selbst kaufen, sondern ein Service-Paket. Das gesamte Kreislaufsystem bis zur Entsorgung der ausgedienten Schalen soll eines Tages über MealGood organisiert werden.

Noch sind das Träume, doch Eva-Maria und Laura-Marie wirken nicht so, als ob sie an ihrem Konzept zweifeln würden. "An so vielen Stellen in unserem Leben hat sich inzwischen ein Mehrwegsystem etabliert", sagt Laura-Marie. "Da muss das doch auch beim Essen zum Mitnehmen möglich sein."