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"Von uns sollte mehr Gutes zu hören sein"

Als 19-Jähriger kam Búi Truong Bình aus Vietnam in die DDR. Seitdem kümmert er sich um seine Landsleute und will die Community in Dresden sichtbarer machen.

Búi Truong Bình steckt viel Zeit und Kraft in den Zusammenhalt der vietnamesischen Community in Dresden - und in deren Engagement für die Stadt.
Búi Truong Bình steckt viel Zeit und Kraft in den Zusammenhalt der vietnamesischen Community in Dresden - und in deren Engagement für die Stadt. © René Meinig

Dresden. Der kleine, drahtige Mann verschwindet hinter einer Tür und ruft: "Schauen Sie, das muss ich Ihnen zeigen!" Er setzt sich an einen Computer und deutet auf den Bildschirm. Dort ist eine Bühne zu sehen, und jeder, der sich jetzt dem Schreibtisch nähert, findet sich plötzlich auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wieder.

Das tun sie nicht nur sprichwörtlich. "Wir haben dieses Programm entwickelt, um in der Coronazeit alle zusammen singen zu können", erklärt Búi Truong Bình. "Vietnamesen aus ganz Deutschland, Vietnam und auch anderen Ländern treffen sich hier in diesem virtuellen Veranstaltungsraum." Jeder Teilnehmer hat 20 Minuten Zeit für seine künstlerische Darbietung. "Inzwischen führe ich eine Warteliste, weil so viele mitmachen wollen."

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Die vietnamesische Community in Dresden sei gut organisiert und halte zusammen, betont Herr Bính. Organisation ist eines seiner Lieblingswörter. Sein ganzes Leben lang hat der 67-Jährige organisiert. Das war sein Job.

2.000 Vietnamesen im Verein

"Mein Vater war ein Befehlshaber der Arme, und ich sein einziger Sohn", erzählt er. Als Búi Truong Bình 1975 in die DDR kam, zeichnete sich das Ende des 20-jährigen Vietnamkrieges ab. "Wir wussten, wir gewinnen, müssen unser Land wieder aufbauen und brauchen Fachkräfte. Deshalb wurde ich ins Bruderland geschickt, um einen guten Beruf zu lernen."

Rund 60.000 vietnamesische Gastarbeiter kamen Mitte der 1970er-Jahre in die DDR, lernten und arbeiteten in etwa 700 Betrieben des Landes. Búi war gerade 19 Jahre alt, als er seine Heimat verließ, um zunächst Maschinenbauer für Agrartechnik zu werden. Drei Jahre blieb er, dann reiste er für fünf Jahre zurück nach Vietnam. "Ich habe mein Wissen dort weitergegeben", sagt er. Diese fünf Jahre als Lehrausbilder waren Teil eines straffen Personalplans. Ab dann sah die kommunistische Partei einen neuen Weg für ihn vor.

Die Kammer voller Ton- und Computertechnik, in der Búi regelmäßig Musikveranstaltungen mit Karaoke für Darsteller und Publikum im Netz vorbereitet, gehört zu den Räumlichkeiten des Vereins Vietnamesen in Dresden. Rund 2.000 Vietnamesen allein im Stadtgebiet gehören ihm an. Dazu kommen weitere aus der Umgebung der Landeshauptstadt.

Um das Vereinsdomizil zu besuchen, muss man Treppen hinunter in den Keller steigen und durch etliche Türen gehen. Die Luft ist klamm, Fenster gibt es nicht. "Aber wir sind sehr froh, dass wir diese Räumlichkeiten bekommen haben und uns ausbauen durften", sagt Búi Truong Bình und lächelt.

Viel Zeit, Mühe und Geld haben die Vereinsmitglieder in die Renovierung gesteckt. "Wir finanzieren uns komplett über Spenden und Vereinsbeiträge. Das ist nicht immer leicht." Mit großen Plakaten sind die weiß getünchten Wände geschmückt. Ein Panoramafoto mit lieblicher Landschaft begrüßt die Besucher: Inseln mit Bötchen und Strand in leuchtend blauem Wasser. Mit Bannern, die von Vietnamkrieg und großer Kommunistischer Partei erzählen, haben die Veteranen ein eigenes Zimmer ausgestaltet. Sie sind Teil des Vereins.

Als Búi 1983 zurück in die DDR kam, stand ihm eine immense Aufgabe bevor. "Ich habe in der Produktion gearbeitet und außerdem die Gastarbeiter im Bezirk Dresden betreut." Von der Ankunft auf dem Flughafen Schönfeld bis zur Verteilung in die Betriebe und Unterkünfte war er verantwortlich. "Ich hatte lange Listen, da stand genau drauf, wer wohin kommen soll."

Der Sonntag ist für Wäsche und Liebe da

Rund 11.000 vietnamesische Gastarbeiter arbeiteten in 125 Betrieben des Stadtbezirks. "Jeden Monat haben wir einen davon kontrolliert, ob alles gut läuft. Es war meine Aufgabe abzusichern, dass alle Arbeiter und alle Betriebsleiter zufrieden sind." Lief es mal nicht, stieg er in seinen Skoda und fuhr zum VEB. Dann habe er vor Ort Gespräche geführt und versucht, Lösungen zu finden. Bei Heimweh beispielsweise.

"Meine Landsleute wollten vor allem eine gute Arbeit, guten Lohn und am besten auch sonnabends arbeiten, um mehr Geld für die Familien zu Hause in Vietnam zu verdienen." Nach der Wende war für viele damit Schluss. Der wiedervereinigte Staat hatte kein Programm für die vietnamesischen Gastarbeiter der DDR.

Búi Truong Bình bekommt ein ernstes Gesicht, wenn er an diese Zeit denkt. Wer Arbeit und Unterkunft hatte, durfte bleiben. "Ich habe vielen geholfen, eine Wohnung zu finden und sich selbstständig zu machen." Rund 6.000 sei das gelungen. Zu arbeiten fast ohne Rast, das blieb für sie auch im neuen Staat so. Der Sonntag habe ausgereicht, sagt Búi - zum Wäschewaschen, ein bisschen ausruhen und für die Liebe, sagt Búi.

Er selbst fand die Liebe spät, in einer Hutfabrik. Mit seiner Frau hat Búi Truong Bình zwei Söhne. Der jüngere macht nächstes Jahr Abitur, der ältere studiert an der TU Dresden Wirtschaftsinformatik. Sie haben die deutsche Staatsangehörigkeit, sprechen neben Deutsch und Vietnamesisch Englisch und Französisch. "Beide sind so selbstständig, sie brauchen mich kaum noch", sagt ihr Vater und sieht mehr stolz als traurig dabei aus.

15.000 Masken nähen im Akkord

Anfang 2021 wollte Búi endlich in Rente gehen. Aber seine Firma brauche ihn noch. Er arbeitet für einen Hersteller von Sensortechnik in Ottendorf-Okrilla. Arbeit ist auch eins seiner Lieblingswörter. "Wir sind fleißige Leute", sagt er von seinen Landsleuten. Dass es zugleich recht still um seine Community ist, gefällt ihm nicht besonders. Zum einen sei das zwar gut, weil es keine negativen Vorkommnisse gäbe. "Aber wir würden uns wünschen, dass man mehr Gutes von uns hört."

Zum Beispiel, dass die Vereinsmitglieder zu Beginn der Pandemie 15.000 Stoffmasken genäht und an Kliniken, Seniorenheime und Behörden verschenkt haben. Zehntausend weitere Masken hat der Verein in Vietnam geordert und ebenfalls gespendet - als Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie, sagt Búi. Oder, dass ihre Musik- und Tanzgruppen mit ihren Programmen gern öffentlich auftreten. Und ganz besonders, dass sein Verein ein weltweites Fußballturnier in Dresden organisiert und sogar die vietnamesischen Nationalspieler dazu einlädt.

Die Belange der eigenen Leute liegen ihm am Herzen, aber nicht ihre allein. Auch im Integrations- und Ausländerbeirat der Stadt Dresden engagiert er sich seit sieben Jahren. Gerade hat der Beirat 25-Jähriges gefeiert. Er besteht aus 20 Mitgliedern, davon elf mit Migrationshintergrund und neun Stadträte. "Durch unsere Arbeit sind wir über alle Vorhaben der Stadt informiert, die sich auf die Ausländer in Dresden auswirken können, und haben die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen", erklärt er. Búi Truong Bình hat nicht vor, sich zur Ruhe zu setzen. Auch als Rentner wird er viel arbeiten und viel organisieren.

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