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Dresden hat Pegida satt

Hunderte haben am Sonntag gegen die fremdenfeindliche Bewegung demonstriert. Ist es der Wendepunkt?

In der Dresdner Innenstadt haben am Sonntag Hunderte Menschen für Toleranz und Weltoffenheit sowie gegen Pegida demonstriert.
In der Dresdner Innenstadt haben am Sonntag Hunderte Menschen für Toleranz und Weltoffenheit sowie gegen Pegida demonstriert. © Ronald Bonß

Dresden. Was Dresden in den vergangenen sechs Jahren aushalten musste, war eine Herausforderung. Da sind sich an diesem Sonntag alle einig – die Pfarrerin der Frauenkirche, der ehemalige Bundesinnenminister, der Oberbürgermeister und alle, die sich Pegida montags wieder und wieder in den Weg stellten. „Die Demonstrationsfreiheit fordert einen heraus, weil man Dinge aushalten muss, die man kaum ertragen kann“, sagt Dirk Hilbert (FDP). Das Stadtoberhaupt spricht am Sonntagnachmittag auf dem Dresdner Altmarkt vor rund 200 Menschen. Sie sind dem Aufruf von CDU, FDP und der Sächsischen Bibliotheksgesellschaft gefolgt. Das Motto der Demonstration: Demokratie braucht Rückgrat. Auf der anderen Seite der Wilsdruffer Straße, vor der Frauenkirche, stehen zur selben Zeit bis zu 700 Menschen. Ihr Anliegen ist dasselbe, sie drücken es nur mit anderen Worten aus: Herz statt Hetze.

Eigentlich wollte man an diesem Tag jener Bewegung trotzen, die vor sechs Jahren zum ersten Mal auf die Straße ging: Pegida. Doch die Demonstranten um Lutz Bachmann hatten abgesagt. Offiziell deshalb, weil man nicht im Zentrum hätte auftreten dürfen. Die Versammlungsbehörde hatte die Cockerwiese zugewiesen, da auf dem Neumarkt nicht sichergestellt werden könne, die Corona-Abstände einzuhalten.

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In der Dresdner Innenstadt ist am Sonntag für Toleranz und Weltoffenheit sowie gegen Pegida demonstriert worden.
In der Dresdner Innenstadt ist am Sonntag für Toleranz und Weltoffenheit sowie gegen Pegida demonstriert worden. © SZ/Alexander Schneider
Für gute Stimmung sorgt vor der Frauenkirche die internationale Dresdner Band "Banda Comunale"
Für gute Stimmung sorgt vor der Frauenkirche die internationale Dresdner Band "Banda Comunale" © SZ/Alexander Schneider
Auf dem Neumarkt versammelten sich mehrere Hundert Menschen.
Auf dem Neumarkt versammelten sich mehrere Hundert Menschen. © SZ/Alexander Schneider
Man habe sich die Straße von Pegida zurückgeholt, sagte Oberbürgermeister Dirk Hilbert am Sonntag auf dem Altmarkt.
Man habe sich die Straße von Pegida zurückgeholt, sagte Oberbürgermeister Dirk Hilbert am Sonntag auf dem Altmarkt. © René Meinig
Demonstranten mit Europaflagge und Deutschland-Fahne auf dem Dresdner Altmarkt.
Demonstranten mit Europaflagge und Deutschland-Fahne auf dem Dresdner Altmarkt. © René Meinig
Am Protest gegen Pegida und der Demo für Weltoffenheit hat sich auch Ex-Bundesinnenminister Thomas de Maiziere beteiligt.
Am Protest gegen Pegida und der Demo für Weltoffenheit hat sich auch Ex-Bundesinnenminister Thomas de Maiziere beteiligt. © René Meinig
CDU-Kreischef Markus Reichel sagte am Sonntag auf dem Altmarkt, der Rückhalt für die Spalter in Dresden bröckele.
CDU-Kreischef Markus Reichel sagte am Sonntag auf dem Altmarkt, der Rückhalt für die Spalter in Dresden bröckele. © René Meinig
Auf der Cockerwiese treten rund 1.000 Menschen für Toleranz ein, vor allem jüngere sind am Sonntag gekommen.
Auf der Cockerwiese treten rund 1.000 Menschen für Toleranz ein, vor allem jüngere sind am Sonntag gekommen. © SZ/Christoph Springer
Am Mittag hatten bereits Vertreter der Linke, der Grünen und des DGB vorm Dresdner Landgericht demonstriert.
Am Mittag hatten bereits Vertreter der Linke, der Grünen und des DGB vorm Dresdner Landgericht demonstriert. © SZ/Andreas Weller

Es sei ein großer Erfolg, dass die Pegida-Veranstaltung abgesagt wurde, sagte der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU): „Und ein wichtiges Signal: Dresden gehört nicht Pegida.“ Man solle sich aber nichts vor machen. Die Bewegung sei damit nicht weg. „Wir dürfen nicht wegschauen, wir müssen uns weiter mit Pegida und seinen Ursachen beschäftigen“, so de Maizière. Im Nachhinein betrachte er es als Fehler, vor sechs Jahren und auch danach Pegida ignoriert zu haben. Fakt sei, dass etwas getan werden müsse. Bei Pegida werde immer schlimmer gehetzt, gehasst und beleidigt. Allen Pegida-Anhängern, aber auch den Corona-Leugnern wünsche de Maizière ab und zu mal ein Lächeln.

Der Dresdner Demo-Sonntag hat schon am Mittag begonnen. Vorm Dresdner Landgericht versammelten sich schätzungsweise 80 Menschen, unter ihnen Linke-Chefin Katja Kipping. „Dem Klimawandel im gesellschaftlichen Klima muss man was entgegenhalten“, sagte sie. Das sei weltweit so, aber gehe auch von Pegida aus.

Die Demonstrationsteilnehmer zogen später weiter auf den Neumarkt, zum Bündnis „Herz statt Hetze“, dessen Aufruf Kirchen, Parteien, Vereine und andere Organisationen – insgesamt mehr als 50 – unterzeichnet hatten. Frauenkirchen-Pfarrerin Angelika Behnke sagt dort am Nachmittag, der Neumarkt mit der Frauenkirche im Hintergrund sei oft für Versammlungen benutzt worden. Dies fordere die Gemeinschaft heraus. Das Wort Pegida kommt ihr in ihrer Rede nicht über die Lippen, wenngleich sie vom sechsten Jahrestag spricht. Superintendent Albrecht Nollau von der evangelischen Kirche sagt, dass jede Form von Hass nicht mit dem Christentum vereinbar sei. „Ich will hier auf diesem Platz, auf dem schon so vieles gesagt wurde, wofür ich mich schäme, zu Seenotrettung nur eines sagen, was jüngst eine Kollegin gesagt hatte: Man lässt keinen Menschen ertrinken. Punkt.“ Nollau erhält Applaus.

Hilbert: "Radikalisierung und Ausgrenzung haben in der Stadt nichts zu suchen"

Für die Menschen, die sich montags Pegida entgegenstellen, spricht Gegendemonstrant Johannes Schumann. „Dieser Geburtstag soll Pegidas letzter gewesen sein“, ruft er. „Trotz vieler Differenzen gibt es jetzt einen breiten Gegenprotest. Das zeigt, dass es nie zu spät ist.“

Gut zu laufen hat Oberbürgermeister Dirk Hilbert. Er redet erst auf dem Neumarkt, später auf dem Altmarkt. Der Osten habe andere Erfahrungen mit Veränderungsprozessen gemacht, was für viele nicht leicht gewesen sei, so der OB. Man habe sich einen gewissen Wohlstand erarbeitet, den man nun als gefährdet sah. Die Folgen habe man auf der Straße sehen können. „Doch Radikalisierung und Ausgrenzung haben in der Stadt nichts zu suchen, so Hilbert. Heute sei ein sichtbares Signal gesetzt worden, dass sich die Bürger, die Zivilgesellschaft die Straße zurückholen.

Hilbert betont, Dresden sei offen und multikulturell. „Es kommen Leute in diese Stadt, die sich genauso in Dresden verlieben wie wir.“ Gerade deshalb sei es gut, dass es am Sonntag so viele Veranstaltungen gebe, die sich für Grundwerte wie Menschenwürde, Religionsfreiheit sowie Minderheitenrechte einsetzten. „Das muss eigentlich 365 Tage im Jahr sein, dass wir unsere Grundwerte verteidigen.“

Die Polizei spricht am Sonntagabend von einem störungsfreien Demo-Tag in Dresden. Dass sich Hilberts Partei, die FDP, und die Dresdner CDU auf der Straße für Weltoffenheit und Toleranz engagieren, ist nicht selbstverständlich. Im Februar hatten sie erstmals gemeinsam zur Pegida-Gegendemo aufgerufen, während Bündnisse wie „Dresden Nazifrei“ und „Nationalismus raus aus den Köpfen“ ergänzen regelmäßig gegen Bachmann und Co. auf die Straße gehen. „Wir sind es nicht gewöhnt, zu demonstrieren. Aber die CDU hat sich weiterentwickelt“, sagt der Kreisvorsitzende Markus Reichel. 2020 sieht er als das Wendejahr. „Der Rückhalt für die Spalter bröckelt. Es ist gelungen, Pegida aus dem Zentrum rauszuhalten.“ Symbole wie die Deutschlandfahne und die Nationalhymne lasse man sich nicht kapern.

Demos und Gegendemos in neuer Woche angekündigt

Allein die Teilnehmerzahlen auf Alt- und Neumarkt dürften der Hoffnung entgegenstehen, eine Wende in der Dresdner Stadtgesellschaft herbeigeführt zu haben. Am besten besucht ist bis zum Abend nur die Cockerwiese, auf der sich mehr als 1.000 Menschen tummeln. An ausgerechnet der Stelle, an der Pegida hätte demonstrieren sollen.

Pegida hat wiederum mehrere Veranstaltungen in dieser Woche angekündigt, unter anderem am Montag, Dienstag und Mittwoch. Die Rede war von einer „Geburtstagswoche“. Ob alle Kundgebungen stattfinden werden oder lediglich Platzhalter sind, um sich auf einen Tag zu konzentrieren, ist unklar. 

Aber auch hier ist schon klar: Pegida bekommt Gegenprotest. Es sind bereits Gegenveranstaltungen angemeldet. Rite Kunert von "Herz statt Hetze" kündigt an: "Es wird Gegenprotest geben." Pegida solle sich in Dresden nicht unwidersprochen versammeln können.

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Von CDU und FDP gibt es noch keine konkrete Anmeldung für Gegenprotest. "Das wird spontan entschieden", so FDP-Chef Hase. Parteimitglieder seien aber bereits dabei, etwas zu organisieren. Die CDU werde keine Demo anmelden, so Dresdens CDU-Chef Markus Reichel. "Wenn einzelne Mitglieder etwas organisieren, begrüßen wir das."

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