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Waldbaden in Dresden: "Man geht nicht weit, sondern tief"

Seit ein paar Jahren gehen immer mehr Menschen Waldbaden. Hokuspokus-Trend oder Heilmethode? Eine Dresdnerin erklärt, was sich hinter dem Begriff verbirgt.

"Waldbaderin" Diana Mirtschink zeigt, wie man sich im Wald seelisch erholen kann.
"Waldbaderin" Diana Mirtschink zeigt, wie man sich im Wald seelisch erholen kann. © Marion Doering

Dresden. Langsam spaziert die Dresdnerin Diana Mirtschink durch die Heide, links und rechts ragen die Buchen hoch in den Himmel. Ihre Schritte setzt sie bedächtig, den Blick auf das Grün gerichtet. Eine kleine Spinne webt entlang einer Astgabelung ein hauchdünnes Netz. Unten im Gebüsch hüpft eine Amsel durch das braun gefärbte Laub. Kleine zitronengelbe Blütenblätter fallen herab. Winzige Fliegen irren durch das Blätterdach. Daneben summt es laut. Eine Erdbiene bahnt sich ihren Weg in den Boden.

Mit Diana Mirtschink an der Seite nimmt man den Wald plötzlich anders wahr, die Sinne sind geschärft, der Atem ruhig. Fast könnte man es einen entspannten Spaziergang nennen, doch das Wort trifft es nicht, findet sie. "Eine Wanderung hat ein Ziel. Im günstigsten Fall mit einer schönen Einkehrmöglichkeit am Weg", so die Dresdnerin. "Beim Waldbaden geht es nicht darum, welche Strecke wir zurücklegen, sondern wie intensiv wir den Weg gehen." Es zählt also nicht die Kilometerzahl. "Man geht nicht weit, sondern tief."

Waldbaden hat wenig mit Wasser zu tun

Der aus Südostasien stammende Trend des Waldbadens hat sich in den 2000ern in Deutschland etabliert, mit Baden hat es wenig zu tun. Vielmehr leitet sich der Begriff vom japanischen Wort "Shinrin Yoku" ab, was so viel bedeutet wie "Eintauchen in die Waldatmosphäre". Für Diana Mirtschink war der Trend eine willkommene Herausforderung. Die Krankenschwester arbeitet mit Angstpatienten und Burn-out-Betroffenen in einer Psychiatrischen Klinik. "Ich habe neue Methoden gesucht und bin auf das Waldbaden gestoßen."

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Kurzerhand machte Diana Mirtschink, die schon immer gern durch den Wald joggte, eine einwöchige Ausbildung bei der "Deutschen Akademie für Waldbaden". Und sie stellte fest, was so mancher schon vorher intuitiv gesagt hätte: Der Wald kann so viel mehr, als nur ein Wanderziel sein.

"Ein Waldbesuch kann bereits ausreichen, um deutlich Stress abzubauen, die Konzentration zu fördern und die Stimmung auszugleichen." Der Wald in seinen vielen Grüntönen wirke nicht nur für die Augen entspannend, sondern auch für die Ohren. "Wir tauchen im Wald in eine Symphonie von Naturgeräuschen ein, die auf harmonisierenden Frequenzen basieren und die einen heilsamen Einfluss auf uns ausüben", erklärt Mirtschink. Vogelstimmen und Naturgeräusche tun Geist und Körper gut, so das Ergebnis vieler Studien, zuletzt veröffentlicht von der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften.

Seitdem Diana Mirtschink nebenberuflich Waldbaderin ist, joggt sie nicht nur durch den Wald, sondern bleibt auch mal eine Stunde zwischen den Bäumen stehen, legt sich zwischen die Baumstämme, besinnt sich auf die Stille zwischen den Geräuschen. Seit einem Jahr führt sie nicht nur Patienten durch das Dickicht, sondern alle, die wollen. Besonders als Mitarbeiterausflug ist ihre zwei- bis vierstündige Waldbaden-Tour durch die Dresdner Heide beliebt. "Dabei fällt mir häufig auf, wie schwer sich die Menschen tun, langsam zu gehen. Sich auf die Natur einzulassen. Wenn man zur Ruhe kommt, kommen plötzlich Gedanken hoch, mit denen man sich vielleicht gar nicht auseinandersetzen möchte."

Waldbaden - ein Hokuspokus-Trend?

So mancher kritisiert das Waldbaden als ein Programm, das Profit aus naturnaher Erholung schlage. Ein Spaziergang im Wald bekomme einen neuen Namen und könne als Marke gut verkauft werden. "Jetzt also, über den Umweg aus Japan, schwärmen wir von der Heilkraft des Waldes", schreibt ein Autor in der FAZ. "Ja, die hat er, auch spirituelle Magie. Aber herrje, das merkt doch selbst der größte Depp, das fühlen Kinder intuitiv. Früher, früher ging man, einfach so, im Wald spazieren. Um abzuschalten, tief durchzuatmen, kam erfrischt und befreit von Ärger zurück. Jetzt wird bedeutungsschwanger zum Waldbaden eingeladen."

Diana Mirtschink kann die Kritik durchaus verstehen: "Das Waldbaden ist vielleicht eher etwas für Großstädter. Ich denke, viele haben einfach verlernt, durch den Wald ohne Ziel zu gehen. Sich hinzusetzen und zu lauschen, die Augen zu schließen und mal das Moos unter den Füßen und Händen zu ertasten." Schnell klingt das nach Hokuspokus und Esoterik. Dennoch ist das Waldbaden eine in Deutschland anerkannte Therapiemethode - ein Waldspaziergang auf Rezept.

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Trotzdem weiß Mirtschink um die Grenzen des Waldbadens, denn nicht jeder könne sich darauf einlassen. "Ein Hauch von Spiritualität hilft hier sicherlich." Denn das Waldbaden kennt viele Übungen, die etwas Mut bedürfen – beispielsweise stellt man sich mit geschlossenen Augen an einen Baum und versucht sich selbst darin wiederzufinden. Tief verwurzelt mit dem Boden und stark aber auch flexibel genug gegen den Sturm, der einen niederwerfen könnte. "Beim Waldbaden braucht man kein Wissen über die Arten, man braucht einfach den Blick eines Fremden im Wald, ein Gast, der hier kurz verweilen darf."

Die Kurse bei der Waldbaderin kosten 25 Euro pro Person. Sie lädt jeden ein, es selbst auszuprobieren, ob mit oder ohne Kurs. "Ich kann nur Impulse setzen, die Menschen müssen sich selbst die Zeit dafür nehmen und es machen."

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