merken
PLUS Sachsen

Der große Klinik-Schwindel aus Dresden

Wissenschafts-Skandal in Sachsen: Ein Professor der TU Dresden soll Daten gefälscht und Mitarbeiter tyrannisiert haben. Der Bericht ist wie ein Krimi.

An der TU Dresden gibt es einen Wissenschafts-Skandal.
An der TU Dresden gibt es einen Wissenschafts-Skandal. © dpa

Dresden. Anfang 2019 bat jemand die SZ-Redaktion um ein vertrauliches Gespräch. Was die Redakteure zu hören bekamen, schien kaum zu glauben: Der renommierte Psychologe der TU Dresden, Hans-Ulrich Wittchen, sei ein Fälscher und arbeite mit Druck und Erpressung bis hin zum Psychoterror. Zwei Kollegen hätten sein Vorgehen nicht weiter mittragen wollen und sich an den Ombudsmann der TU gewandt. Da dort aber bereits mehrfach Beschwerden über Wittchen vorgetragen worden und folgenlos geblieben seien, suche man nun die Öffentlichkeit.

Die Redakteure haben daraufhin mehrere Mitarbeiter Wittchens mit den Vorwürfen konfrontiert und um vertrauliche Stellungnahmen gebeten. Niemand ließ sich darauf ein. Die Angst vor der Macht des Professors schien wirklich groß zu sein. Doch die Sorgen der „Whistleblower“ waren unbegründet: Noch im Februar 2019 setzte die TU eine Untersuchungskommission auf den Fall an. Jetzt liegt ihr Ergebnis vor. Es ist tatsächlich ungeheuerlich.

Anzeige
Jetzt Traumküche planen per Click & Meet
Jetzt Traumküche planen per Click & Meet

Eine neue Küche im Frühling? Kein Problem! Termin vereinbaren, vorbeikommen und Küchenträume wahr werden lassen.

Es geht um Fälschung. Um vorsätzliche und erhebliche Manipulationen. Nicht an irgendetwas, sondern an einer der größten medizinischen Studien, die bisher in Dresden bearbeitet wurden. PPP sollte die Psychiatrie sowie Psychosomatik in Deutschland neu ordnen, die Betreuung der Patienten verbessern.

Der renommierte Psychologe, Prof. Hans-Ulrich Wittchen, muss nun sogar mit einer Anklage rechnen.
Der renommierte Psychologe, Prof. Hans-Ulrich Wittchen, muss nun sogar mit einer Anklage rechnen. © PR

Wie viel Zeit braucht ein Arzt für einen Patienten? Wie muss die Ausstattung mit Personal für eine solche Station oder Klinik sein? Was an Bürokratie ist noch verkraftbar? Im Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA sitzen sie alle zusammen: Krankenkassen, Ärzteverbände, Kliniken und Patientenvertreter.

Dieser G-BA hat die PPP-Studie in Dresden bei der Gesellschaft für Wissens- und Technologietransfer (GWT) in Auftrag gegeben. Die ist strategisch verbunden mit der TU Dresden. Bei der GWT liefen bislang mehr als 1.000 Auftragsforschungen sowie klinische Studien. Nur diesmal lief es nicht.

Prof. Hans-Ulrich Wittchen, langjähriger Direktor des TU-Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie, war Studienleiter. Doch als ihm offenbar klarwurde, die teilnehmenden Kliniken reichen nicht aus für diese Studie, begann das große Kopieren.

Erst sollten 100 Kliniken teilnehmen, dann wurde einvernehmlich reduziert auf 90. Tatsächlich angesehen und interviewt wurden jedoch nur 71 Kliniken. Der Rest ist kopiert und verschoben aus anderen Datensätzen anderer Kliniken. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt die externe Untersuchungskommission. Auf 310 Seiten schildert sie minutiös, was da im Wissenschaftssystem Wittchen manipuliert wurde. An die zehn Prozent aller Daten seinen dupliziert worden. Von den im Projekt offiziell geführten 45 Mitarbeitern, so berichten Beteiligte, sollen aber tatsächlich nur 26 tätig gewesen sein.

Der Bericht ist wie ein Krimi

An ehrliche Aufarbeitung oder gar Unterstützung durch Wittchen war nicht zu denken, beklagt die Kommission. Im Gegenteil. Da wurde gelogen, falsch behauptet, vertuscht, der Zugang zu Daten teils mit Anwälten verhindert. Mitarbeiter sollten sich zur Verschwiegenheit gegenüber der Kommission verpflichten. Die Liste versuchter Vertuschungen ist lang. Auch daher dauerten die Untersuchungen ungewöhnlich lange: zwei Jahre.

Beim Blick in den Untersuchungsbericht wird klar, warum. Er liest sich wie ein Krimi. Dass darin für Krankenhäuser Daten vorgetäuscht wurden, die es so nie gegeben hat, wertet die Kommission als „Erfindung von Daten“. Es sollen mehrfach nachträglich Dokumente verändert worden sein, um die Manipulation zu verschleiern. Von „möglicherweise eingefügten Unterschriften“ wird berichtet und veränderten Teilnahmeerklärungen. „Die Manipulationen sind so erheblich, dass naheliegt, auch eine strafrechtliche Verantwortlichkeit zu überprüfen.“

TU-Rektorin Ursula M. Staudinger macht im SZ Gespräch klar, dass auch die eigentlich auf Lebenszeit verliehene Professorenschaft und damit Mitgliedschaft an der TU aberkannt werden könnte. „Unser Rechtsanwalt prüft jetzt sehr ernsthaft die möglichen dienstrechtlichen, zivilrechtlichen und strafrechtlichen Konsequenzen.“ Anklage oder nicht. Wahrscheinlich auch von der GWT, wo die 2,5 Millionen Euro teure Studie ja als Auftragnehmer lief. Ob sie das Geld der G-BA zurückzahlen muss oder ausstehende Beträge noch bekommt, wird bereits vor Gericht verhandelt.

Brüllen und beleidigen

Hans-Ulrich Wittchen glaubte sich wohl unantastbar als einer der weltweit meistzitierten Wissenschaftler seines Fachs und eine Säule bei der Elite-Bewerbung der TU Dresden. Im März 2017 ging er zwar in den Ruhestand, hat aber bisher immer noch Zugriff auf Uni-Ressourcen. Und Verbindungen hierher als Geschäftsführer der privaten Institutsambulanz und Tagesklinik für Psychotherapie. „Wir machen uns für gute Arbeitsbedingungen, reibungslose Abläufe, Qualitätssicherung ... in der IAP stark“, steht dort auf der Homepage. Das klingt zynisch, wenn man den Untersuchungsbericht danebenlegt.

Dass in Wissenschaft und Forschung heftige Kämpfe um Ansehen, Macht und Mittel herrschen und es auch menschlich hochproblematisch zugeht, dafür scheint Hans-Ulrich Wittchen ein beredtes Beispiel zu sein. In den von der Kommission gesammelten und als „glaubwürdig“ eingestuften Aussagen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die Rede von einem „chaotischen Führungsstil“, hemmungslosem Ausspielen seiner Position, massiver Ausübung von Druck, „Beleidigungen“, „Kündigungsandrohungen“ und emotionalem Zwang. Obendrein von „Wutausbrüchen“, „Brüllen und Tränen“, vom „Absprechen der wissenschaftlichen Kompetenz“ und mindestens einer Behauptung Wittchens über einen Kollegen, die „in der Grauzone einer strafrechtlich relevanten Verleumdung liegt“.

Mutige Entscheidung

Auch von Vorteilsnahmen für Familienmitglieder Wittchens wurde berichtet. Und: Mehrfach habe es während der Ermittlungen der Kommission „nächtliche(n) Übergriffe und Zugriffe auf die persönlichen PCs“ von Kollegen gegeben.

Die Ausführungen über das Verhalten des Professors während der Aufklärungsversuche klingen teils selbst wie ein psychiatrisches Gutachten: Demnach verfügt dieser über „erhebliches kontrafaktisches Behauptungs- und Beharrungsvermögen“ sowie die Bereitschaft, „durch Täuschungen und Manipulationen die Untersuchung von Beginn an in die Irre zu führen.“ Man habe „erstaunt“ zur Kenntnis nehmen müssen, „in welchem Ausmaß und mit welcher Entschlossenheit Prof. W an längst widerlegten Auffassungen festhält.“

Weiterführende Artikel

Was sagt der Gutachter zum Betrug des TU-Professors?

Was sagt der Gutachter zum Betrug des TU-Professors?

Nach zwei Jahren liegt der Bericht zu den Dresdner Fälschungen einer Krankenhaus-Studie vor. Sächsische.de sprach mit dem Chef-Ermittler.

Was folgt für die TU Dresden im Betrugs-Skandal?

Was folgt für die TU Dresden im Betrugs-Skandal?

Es ist der größte Wissenschafts-Betrug an der Universität seit der Wende. Was Rektorin Ursula Staudinger zur gefälschten Millionen-Euro teuren Studie sagt.

Gutachten: Dresdner TU-Professor fälschte Studie

Gutachten: Dresdner TU-Professor fälschte Studie

Nach zwei Jahren Untersuchung liegt der Abschlussbericht zu Daten-Manipulationen in einer großen Analyse zu psychiatrischen Kliniken in Deutschland vor.

Gegen die Projektmitarbeiter, die Wittchens Manipulationen zwar eine Weile mitgetragen, aber sich darüber beschwert und schließlich den Ombudsmann der TU eingeschaltet haben, erhebt die Kommission „keine Vorwürfe des Fehlverhaltens oder der Mitwirkung an einem Fehlverhalten“. Vielmehr hätten sie sich zwar spät, aber „völlig zu Recht an die Vertrauensperson gewandt“ und seien daraufhin „erheblichen Pressionen ausgesetzt“ gewesen. „Dieser Mut verdient Anerkennung, auch die Anerkennung der Institution.“

Das lässt sich auch als verklausulierter Kommentar zum Konfliktmanagement der TU Dresden lesen, die Wittchen trotz mehrerer Beschwerden beim Ombudsmann jahrelang unbehelligt ließ. Bis ein Skandal nicht mehr zu verhindern war.

Mehr zum Thema Sachsen