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Leben, wo andere in Dresden nur parken

Chillen statt parken: Ein mobiles "Parklet", das zum Verweilen einlädt, soll zeigen, wie der von Autos zugeparkte öffentliche Raum in Dresden sinnvoller genutzt werden könnte. Wie die Idee ankommt.

Von Dominique Bielmeier
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Catrin Weyers hat zusammen mit ihrem Kollegen Erik Berendes das Parklet konzipiert und gebaut. Gefördert wird es vom Projekt "Zukunftsstadt Dresden". Noch bis Ende des Monats steht der Anhänger auf der Kreuzstraße.
Catrin Weyers hat zusammen mit ihrem Kollegen Erik Berendes das Parklet konzipiert und gebaut. Gefördert wird es vom Projekt "Zukunftsstadt Dresden". Noch bis Ende des Monats steht der Anhänger auf der Kreuzstraße. © René Meinig

Dresden. Alle Parkverbotsschilder - deren Aufstellen allein über 1.000 Euro gekostet hat - haben nichts gebracht: Egal, ob an der Kamenzer Straße, der Jordan- oder auf der Louisenstraße - wo immer der Anhänger mit dem hellen Holzaufbau in der Äußeren Neustadt kurz ausgeparkt wurde, war die Lücke danach zu. "Das zeigt noch einmal deutlich, was für eine Parkfrustration bei den Autofahrern da ist", sagt Erik Berendes. "Wie rücksichtslos Lücken zugeparkt werden."

Der Anhänger, den der 35-Jährige mit seiner Kollegin Catrin Weyers vom Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme in seiner Freizeit nicht nur konzipiert, sondern auch selbst gebaut hat, nimmt seit September einen dieser kostbaren Parkplätze weg. Ganz bewusst. Denn was er dafür schenkt, ist ein neuer Ort in der Stadt - zum Ausruhen, für die Mittagspause in der Sonne oder ein Feierabendbier mit Freunden - der sonst von Anwohnern kaum sinnbringend genutzt werden könnte.

"In der Neustadt haben gerade einmal 25 Prozent der Menschen ein Auto", erklärt Berendes. Der begrenzte Straßenraum sei aber extrem von Fahrzeugen dominiert, hauptsächlich von Anwohnern, die für das Parken dank Anwohnerparkausweis wenig zahlten. "Deshalb spielt sich alles auf dem Fußweg ab, wo auch Restaurantplätze sind. Wenn man mit Freunden entlanggeht, muss man häufig ausweichen." Von Flächenversiegelung ganz zu schweigen. Dem wollte der Dresdner, der selbst in der Neustadt wohnt, zusammen mit Catrin Weyers aus Plauen etwas entgegensetzen.

So sieht das mobile Parklet vom Gehsteig der Kreuzstraße her gesehen aus. Mehrere Sitzplätze und eine Liege auf einer Fläche von 4 Metern mal 1,75 Metern laden zum Verweilen ein.
So sieht das mobile Parklet vom Gehsteig der Kreuzstraße her gesehen aus. Mehrere Sitzplätze und eine Liege auf einer Fläche von 4 Metern mal 1,75 Metern laden zum Verweilen ein. © René Meinig
Catrin Weyers hat das Parklet zusammen mit ihrem Kollegen Erik Berendes entworfen und gebaut.
Catrin Weyers hat das Parklet zusammen mit ihrem Kollegen Erik Berendes entworfen und gebaut. © René Meinig
Lange hat es gedauert, bis der Anhänger die ersten Schäden zeigte: Seine Rückseite ist mittlerweile besprüht - womit seine Erbauer ohnehin fest gerechnet hatten.
Lange hat es gedauert, bis der Anhänger die ersten Schäden zeigte: Seine Rückseite ist mittlerweile besprüht - womit seine Erbauer ohnehin fest gerechnet hatten. © René Meinig
Trägerverein des Projekts ist der BUND, gefördert wird es im Rahmen der "Zukunftsstadt Dresden".
Trägerverein des Projekts ist der BUND, gefördert wird es im Rahmen der "Zukunftsstadt Dresden". © René Meinig
Immer wieder bleiben Passanten neugierig vor dem Parklet stehen, manche lassen sich hier für eine Pause nieder oder treffen sich mit Freunden.
Immer wieder bleiben Passanten neugierig vor dem Parklet stehen, manche lassen sich hier für eine Pause nieder oder treffen sich mit Freunden. © René Meinig
Bevor der Anhänger begrünt wurde, hielten ihn viele während der Bauphase noch für eine mobile Sauna.
Bevor der Anhänger begrünt wurde, hielten ihn viele während der Bauphase noch für eine mobile Sauna. © René Meinig
Passanten konnten Kritik und Vorschläge in eine Box direkt am Anhänger einwerfen. Teilweise wurden die Vorschläge danach direkt umgesetzt, zum Beispiel noch ein Aschenbecher angebracht.
Passanten konnten Kritik und Vorschläge in eine Box direkt am Anhänger einwerfen. Teilweise wurden die Vorschläge danach direkt umgesetzt, zum Beispiel noch ein Aschenbecher angebracht. © René Meinig

Die Idee vom "Parklet" war geboren. So bezeichnet man ein Stadtmöbel auf einer ehemaligen Parkplatzfläche, das Fußgängern mehr öffentlichen Raum zur Verfügung stellt. Unter anderem in Stuttgart, München und Berlin gibt es bereits Parklets, für Dresden war die Idee eine Premiere - die in Rekordzeit umgesetzt werden musste: Kurz vor dem Ende des Ausschreibungszeitraums für Projekte im Rahmen der "Zukunftsstadt Dresden" reichten Berendes und Weyers, die den BUND als Trägerverein gewinnen konnten, ihre Idee mit dem Namen "Reclaim the Streets" - "fordert die Straßen zurück" - ein, Ende Mai kam die Zusage. Fördersumme: 19.000 Euro.

Die reine Bauphase beschränkte sich schließlich auf den August, jede freie Minute ihres Urlaubs und Feierabends verbrachten die beiden in der Holzwerkstatt des Konglomerat e. V., denn Anfang September sollte das Parklet spätestens fertig sein. "Nach 200 Stunden Arbeit habe ich aufgehört, mitzuzählen", sagt die 30-jährige Weyers. Durch das viele helle Holz - Douglasie - wurde das Parklet lange für eine mobile Sauna gehalten. "Diese Vorstellung wurde erst zerstört, als Pflanzen darauf kamen", sagt Berendes und lacht.

"Es ist schon gewünscht, den Lebensraum Straße anders zu nutzen"

Statt für ein Parklet an einem festen Ort hatten sich Weyers und Berendes für eine mobile Version auf einem möglichst schmalen, gebrauchten Autoanhänger entschieden, weil sie gehofft hatten, dafür keine Sondergenehmigung beantragen zu müssen. Die war jedoch trotzdem nötig und auch die vier Standorte - der letzte befindet sich aktuell auf der Kreuzstraße vor dem Rathaus - mussten genau festgelegt und mit den letztlich ignorierten Parkverbotsschildern abgegrenzt werden.

Das Feedback der Menschen - ob im direkten Gespräch oder über einen Kasten am Anhänger - sei sehr gut gewesen. "Wir haben gleich am Anfang auf der Kamenzer Straße gemerkt, dass es gut ankommt", sagt Catrin Weyers. "Es ist schon gewünscht, den Lebensraum Straße anders zu nutzen."

Bis Ende Oktober wird der Anhänger nun noch auf der Kreuzstraße stehen, danach wird er den Winter über eingelagert. Dafür, dass er dann rund zwei Monate lang unbeaufsichtigt im öffentlichen Raum stand, ist er noch überraschend gut in Schuss. "Wir hatten Sorgen, dass er gleich am ersten Tag abgefackelt oder anders zerstört wird", gesteht Berendes. Letztlich wurde er nur etwas besprüht, mit Stickern beklebt und ein paar Pflanzen wurden einmal herausgerissen. Alles halb so wild.

Ohnehin geht es weniger um den konkreten Anhänger, als um die Botschaft an sich: Straßenraum könnte anders genutzt werden, als nur dauerhaft ein vielleicht selten gebrauchtes Fahrzeug darauf abzustellen. Vor allem Autofahrer wollen Berendes und Weyers, die selbst auf Autos verzichten - der Anhänger wurde jeweils mit einem Teilauto umgeparkt - gerne davon überzeugen. Und das, ohne auf Konfrontation zu gehen. Deshalb wurde auch keiner der Falschparker abgeschleppt.