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Warum der Buchfink ein großes Bier will

Ein Schriftsteller und eine Biologin aus Dresden werden in der Corona-Zeit zum Vogel-Duo und bieten ornithologische Führungen an.

Das Vogel-Duo: Dirk aus Löbau und Nicole Grüsing in der Dresdner Stadtnatur. In der Corona-Zeit haben sie ihre Liebe zu den gefiederten Gesellen entdeckt.
Das Vogel-Duo: Dirk aus Löbau und Nicole Grüsing in der Dresdner Stadtnatur. In der Corona-Zeit haben sie ihre Liebe zu den gefiederten Gesellen entdeckt. © René Meinig

Dresden. Der Buchfink verlangt nach Bier. Der Kleiber klingt wie ein Mörser und der Grünspecht lacht ganz laut durch den Wald. Mit diesen Eselsbrücken hat es bei Nicole Rüsing (Nicci) angefangen. Die Biologiestudentin der Technischen Universität Dresden hatte mit Vögeln lange nichts am Hut. „Ich will in die Rechtsmedizin, dafür untersuche ich Köcherfliegenlarven.“

Dann kam Corona und plötzlich hatte die Biologiestudentin Zeit sich dem Gesang im Wald zu widmen. „Hört ihr das: Ich, ich, ich will ein großes Bier. Das ist der Buchfink“, sagt sie, und betont dabei besonders das Wörtchen „Bier“, so wie es wohl auch der häufig vorkommende Buchfink macht – zumindest nach Mensch-Interpretation.

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Damit ist er aber nicht der einzige: Fast jeder Vogel bekommt eine menschliche Anekdote angehängt. Über die Ringeltaube heißt es, sie gurrt fünfmal, die Türkentaube hingegen nur dreimal. Und der Schwarzspecht gibt einen hohen Ton von sich, als ob er heiser sei. Nicci hat sich das alles über Monate hinweg antrainiert. Dafür spazierte sie durch die Dresdner Parks und Gärten, unterbrach jedes Gespräch, sobald sie einen Vogel erkannte. Dann stand sie mit dem Fernglas in der Hand vor einem Baum und musste so lange warten, bis sich der putzige Geselle im Blätterdach zeigte.

Jetzt kann Nicci etwa 100 Vogelarten bestimmen, das klingt viel. Weltweit gibt es Schätzungen zufolge aber mehr als 10.000 Arten. Sie bezeichnet sich selbst als leidenschaftliche Hobby-Ornithologin. Wie man selbst zum Vogelexperten aufsteigt? Erstmal drei bekannte Vögel heraussuchen – also zum Beispiel Amsel, Buchfink und Rotschwanz, sich den Ruf anhören und ja nicht zu früh am Morgen rausgehen. „Da wird man als Anfänger verrückt bei den vielen Gesängen.“

Biologie müsse man dafür nicht studieren. „Es reicht, wenn man Lust drauf hat.“ Lust ist das Schlagwort für Dirk. Der junge Schriftsteller mit dem Künstlernamen "Dirk aus Löbau" ist bekannt für humorvolle kuriose Texte, zum Beispiel über die Verwendung von Taubenkot. Gemeinsam hatten die beiden Lust, Schriftstellerei mit Vogelexpertise zu verbinden und heraus kam eine Führung durch Wälder und Wörter.

Die Genies der Lüfte

Zu zweit bieten sie nun Spaziergänge durch Dresdens Natur, mit dem Fernglas in der Hand beobachtet Nicci die gefiederten Tierchen, während Dirk den Teilnehmern seine Prosa vorliest, sie handelt von den Meistern der Fliegerei und ihren wundersamen Eigenschaften. Sei das der Rekord im schnellsten, höchsten oder längsten Flug – übrigens sind das der Wanderfalke (der Schnellste), Sperbergeier (der Höchste) und die Pfuhlschnepfe (Längster Flug von Alaska nach Neuseeland).

Viele dieser herausragenden Flugkünste können sich die Forscher nicht erklären, und genau das fasziniert Nicci und Dirk besonders. Die Gewissheit, wie wenig die Menschen über die Natur tatsächlich wissen. „Sie sind die Genies der Lüfte“, sagt Nicci und benennt dabei gleich ein Buch, das ihr die Geheimnisse der Vogelwelt nähergebracht hat: "Die Genies der Lüfte" von Jennifer Ackermann.

"Wenn wir wollen, dass etwas geschützt wird, müssen wir es kennen"

„Ohne die Vögel hätte es bestimmt nicht den Traum vom Fliegen gegeben“, fügt Dirk hinzu, der sich eher mit den Wörtern statt mit den Stimmen auskennt. „Ich finde es spannend, meine Umwelt neu zu wahrzunehmen. Wenn wir wollen, dass etwas geschützt wird, müssen wir es kennen.“ Und wer die Umwelt nicht beobachte, bemerke die Veränderung nicht, die der menschengemachte Klimawandel und die Umweltverschmutzung schon angerichtet haben.

Biologiestudentin Nicci lauscht derweil schon wieder dem Wald. Sie engagiert sich nicht nur für Vögel, sondern auch für andere Lebewesen: Auf dem Gelände der TU Dresden kartiert sie mit mehreren Naturbegeisterten zweimal pro Woche Pflanzen und Tiere – eine Art Campus-Inventur. Niemand wisse bisher, was dort alles wächst, kriecht und umherschleicht. Auch als Dresdner Naturschutzhelferin ist sie aktiv und kümmert sich um ein Waldstück bei Pillnitz. Hier im Wald steht die Tierexpertin aber etwas verwirrt zwischen den vielen Stimmen, als ob sie den Vogel vor lauter Federn nicht mehr sieht.

„Ich bin im Verwirrungsstadium angekommen“, sagt sie grinsend. Den Punkt würden alle erreichen. „Dann muss man weitermachen.“ Jetzt im Sommer singen die Vögel nicht mehr so häufig, sie rufen in anderen Tonlagen. Ihr nächstes Ziel ist es, einen Gimpel zu sehen, aber der fliegt nicht so häufig in der Stadt umher. Welcher Vogel denn besonders oft in Dresden auftaucht? Dirk verkneift sich ein Lächeln: „Die Schnapsdrossel?“

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Die nächste Führung bieten sie am Sonntag, 19.September, um 16 Uhr an. Treffpunkt ist der Südeingang vom Hechtpark (Nähe Bushaltestelle Dresden Buchenstraße). Ferngläser mitbringen erwünscht. Wer bis dahin mehr über Vogelstimmen lernen möchte, kann das über die Webseite www.deutsche-vogelstimmen.de oder die Apps Birdnet der TU Chemnitz sowie die Nabu-Vogel-App.

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