merken
PLUS Dresden

"Insektenhotels allein bringen nichts"

Seit 2014 ist Dresden offiziell Bienenstadt, doch das Insektensterben geht weiter. Wie insektenfreundlich ist die Stadt eigentlich? Die Aussagen von Experten überraschen.

"Weniger Rasen, mehr Schmetterlingswiesen", fordert die Wildbienenexpertin Mandy Fritzsche.
"Weniger Rasen, mehr Schmetterlingswiesen", fordert die Wildbienenexpertin Mandy Fritzsche. © René Meinig

Dresden. Im Frühjahr hört man nicht nur die ersten Vögel wieder singen. Auch die Bienen, Hummeln und Käfer kommen aus ihren Ecken hervorgekrochen und beginnen zu summen. Doch der Gesang wird immer leiser: Mehr als 70 Prozent aller Wildbienen sind in Sachsen bereits ausgestorben oder stark gefährdet, sagt die Rote Liste vom Freistaat. Was die Stadt gegen das Artensterben tut und warum Insektenhotels allein nichts bringen.

Wieso müssen Insekten eigentlich geschützt werden?

Ohne Insekten fehlen die Bestäuber. 80 Prozent der einheimischen Kulturpflanzen werden von Insekten bestäubt, sagt die Wissenschaft. Ohne Insekten kein Raps, keine Kirschen, keine Erdbeeren.

Elbgalerie Riesa
Hier macht Shoppen glücklich!
Hier macht Shoppen glücklich!

"Alles bekommen. In Riesa." – dieses Motto lebt die Elbgalerie Riesa.

Und nicht nur das: Wildbienen, Schmetterlinge und Käfer gehören zur Nahrungsgrundlage vieler Fische, Reptilien, Vögel und Fledermäuse. Gerade Städte würden hier als Rückzugsorte fungieren, erklärt die Wildbienenexpertin Mandy Fritzsche. Sie seien blühende Oasen und letzte Rückzugsorte für bedrohte Arten, die in der Agrarlandschaft keinen Lebensraum mehr finden.

Was macht die Stadt Dresden?

Seit 2014 ist Dresden offiziell Bienenstadt. Mit über 62 Prozent Wald- und Grünfläche ist sie eine der grünsten Städte Europas. Trotzdem gehen auch hier die Insektenbestände seit Jahren zurück. Deshalb hat die Stadt im Jahr 2016 einen Maßnahmenkatalog beschlossen, Dresden insektenfreundlicher zu gestalten.

Ein großer Punkt: Die städtischen Wiesen sollen viele verschiedene Pflanzen beherbergen und seltener gemäht werden. So könnten die Pflanzen auch wirklich blühen und die Insekten mit Nektar ernähren. Seitdem sieht man an zahlreichen Stellen in Dresden blühende Wiesen und keinen kurz gemähten Rasen, zum Beispiel entlang der Petersburger Straße oder an den Elbwiesen am Blauen Wunder.

Auch weitere Maßnahmen hat die Stadt ergriffen: Sie verzichte weitestgehend auf Pestizide und pflanze besonders viele heimische Arten, erklärt Jörg Lange vom Amt für Stadtgrün.

Zeigen die Maßnahmen Erfolg?

Fragt man den Schmetterlingsexperten Matthias Nuß und die Wildbienenexpertin Mandy Fritzsche, dann sind beide optimistisch. Ihre Erhebungen zeigen: Es leben mehr Insekten auf den Wiesen als zuvor. Sogar ein ausgestorben geglaubtes Exemplar wurde wieder entdeckt: der Alexis-Bläuling - ein türkisfarbener Schmetterling.

Was plant die Stadt?

Die Stadt möchte noch insektenfreundlicher werden. "Schwerpunkt soll neben der Umstellung weiterer Flächen die Änderung der Mahd-Technologie sei", erklärt Jörg Lange. Der normale Rasenmäher wird im Fachjargon Rotationsmäher genannt. Wenn er über die Wiese fegt, dann ist zwar die Wiese kurz gemäht, die wenigsten Insekten überleben aber den Schnitt. Laut Insektenexperten wären sogenannte Balken- und Tellermähwerke besser. Solche Maschinen möchte die Stadt zukünftig anschaffen.

Kostet es mehr Geld, die Wiesen insektenfreundlich zu bewirtschaften?

Entgegen der Annahme, dass die Stadt damit Geld einspart, wenn die Wiesen weniger gemäht werden, kostet der Insektenschutz mehr Geld, sagt Fritzsche. Denn nicht nur die Umstellung der Rasenmäher ist teuer. Auch die angestellten Gärtner müssten genauso oft mit dem Rasenmäher ausrücken, dann aber immer nur abschnittsweise.

Heißt, wenn der Gärtner sonst einmal hingefahren ist, um die Wiese komplett abzuschneiden, muss er jetzt ein kleines Stück mähen, einen Monat warten, dann den nächsten Bereich kürzen und so weiter. So könnten die Insekten Stück für Stück von einer Teilwiese zur nächsten wechseln.

Wie steht Dresden im Vergleich zu anderen Städten da?

"Im Vergleich ist Dresden schon sehr insektenfreundlich", sagt Wildbienenexpertin Mandy Fritzsche. Sie begrüßt, dass sich die Stadt verpflichtet habe, umliegende städtische Ackerflächen nur noch an Landwirte zu verpachten, die sich dem Insektenschutz verpflichten und auf Pestizide verzichten. Gerade in kleineren Städten gestalte es sich schwieriger, eine insektenfreundliche Politik zu etablieren. Dort fehle es oft an Hintergrundwissen und nötigen finanziellen Mitteln.

Was könnte die Stadt dennoch tun?

"Weniger Rasen, mehr Schmetterlingswiesen", sagt Mandy Fritzsche. Derzeit werden knapp 45 Prozent aller städtischen Grünflächen abschnittsweise gemäht, sagt Jörg Lange vom Stadtgrün Dresden. Auch andere wie Wohnungsgenossenschaften oder private Immobilienbesitzer müssten nachziehen. Außerdem bräuchte es mehr Gelder für den Insektenschutz. "Es ist noch einiges zu tun, das Artensterben in unserer Natur zu stoppen", sagt auch Schmetterlingsexperte Matthias Nuß vom Senckenberg-Museum. 13 Prozent der sächsischen Tagfalter seien bereits ausgestorben, noch einmal so viele vom Aussterben bedroht.

Was kann man selbst gegen das Insektensterben machen?

"Insektenhotels allein bringen nichts", sagt Fritzsche und kritisiert den derzeitigen Trend. Viele der bedrohten Insekten bräuchten mehr "unordentliche" Stellen im Garten mit offenem Boden und Totholz. Außerdem brauche jeder, der in einem Hotel wohnt Nahrung, so auch Insekten. Mandy Fritzsche empfiehlt blühende Wiesen mit vielen verschiedenen Pflanzenarten: Krokusse im Frühling, Lavendel im Sommer, Herbstaster im Spätsommer. "Je größer die Vielfalt, desto insektenfreundlicher." Sie verweist außerdem auf das neu gestartete Projekt "Dresdner Wildbienengärten" der Stadt und des BUND. Interessierte Kleingärtner werden dabei beraten, ihre Gärten in insektenfreundliche Oasen umzugestalten.

Weiterführende Artikel

Immer mehr Städte testen Blühwiesen

Immer mehr Städte testen Blühwiesen

Die Innenstädte werden bunter. Viele Kommunen sammeln Erfahrungen mit Pflanzen, die Insekten Nahrung bieten. Die ersten sind nicht nur positiv.

Die Bienen-Retter aus Leipzig

Die Bienen-Retter aus Leipzig

Forscher suchen Ursachen des Bienensterbens. Mikrochips auf den einzelnen Insekten sollen deren Flugverhalten verfolgen.

So wird aus dem Garten ein Wildbienen-Paradies

So wird aus dem Garten ein Wildbienen-Paradies

Insektenhotels sind nicht für alle Arten eine gute Lösung. Wichtig ist das richtige Angebot an Nahrung und Verstecken.

Kies-Ärger in Dresdner Kleingartenanlage

Kies-Ärger in Dresdner Kleingartenanlage

Meistgelesen: Die Freude über ihr Kies-Beet währte bei Heike Lindner nur kurz. Erst senkte der Vorstand den Daumen, dann hagelte es böse Kommentare im Netz.

Matthias Nuß empfiehlt, Baumarten wie Trauben- und Stieleiche, Sommer- und Winterlinde, Weißdorn und Obstbäume zu pflanzen. Hier könnten viele Singvögel zugleich Nistplatz und Nahrung für ihre Küken finden. "Grüner Rasen, Koniferenhecken und Geröll-'Gärten' sind vertane Chancen, unseren einheimischen Arten Lebensraum zu bieten. Aber das lässt sich ja ändern."

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden