merken
Politik

Tätowierer kritisieren die EU

Die Farbpigmente Blau 15 und Grün 7 sind aus Tattoostudios kaum weg zu denken. Die EU will sie dennoch vom Markt nehmen.

Farbige Tattoo-Motive könnten bei einem Verbot bestimmter Pigmente der Vergangenheit angehören.
Farbige Tattoo-Motive könnten bei einem Verbot bestimmter Pigmente der Vergangenheit angehören. © dpa/Daniel Bockwoldt

Von Taylan Gökalp

Brüssel/Berlin.  Die einen nennen es Kunst, die anderen eine Gefahr für den Körper, aber den wenigsten ist das Thema egal: Tätowierte Haut ist auch ein Politikum. Zwei Farbpigmente, die sich besonders oft auf der Haut von Tattoo-Liebhabern finden, könnten bald verboten sein: Blau 15 und Grün 7. Ein entsprechender Vorschlag der Europäischen Chemikalienagentur Echa soll in den nächsten Wochen von der EU-Kommission verabschiedet werden, wie es aus EU-Kreisen heißt. Für Tätowierer könne ein Verbot existenzgefährdend sein, sagt Gordon Lickefett vom Bundesverband Tattoo.

Anzeige
Spaß und Nervenkitzel pur
Spaß und Nervenkitzel pur

Im Laserland Dresden können auch Erwachsene mal wieder Kind sein: Ein einzigartiges Erlebnis für Kollegen, Freunde und Familie und ideales Geschenk!

Schätzungsweise zwölf Prozent aller Europäer sind tätowiert, darunter auch eine deutlich steigende Zahl von Jugendlichen, wie es aus EU-Kreisen heißt. Einheitliche Regeln über die in Tätowiermitteln enthaltenen Stoffe gibt es bisher hingegen nicht. Der Vorschlag der Echa sieht vor, mehr als 4.000 bedenkliche Substanzen bei Tattoo-Farben und permanentem Make-up zu beschränken. Darunter auch die Farbpigmente Blau 15 und Grün 7, die in zwei Dritteln aller Tätowierfarben enthalten sind.

Die Echa moniert nach Angaben eines Sprechers vor allem, dass es nicht genug Informationen gebe, die den sicheren Gebrauch der Pigmente garantierten. Hinzu kommt, dass sowohl Blau 15 als auch Grün 7 in bestimmten Kosmetika bereits verboten sind. Die Echa argumentiert, dass ein Stoff, der auf der Haut verboten ist, unter der Haut nicht erlaubt sein dürfe.

Gordon Lickefett hält diese Argumentation für falsch. Er wirft der Echa vor, sich nicht genügend mit der Sachlage befasst zu haben. Bevor man einer Branche die Arbeitsmittel verbiete, hätte man für die beiden Pigmente zunächst Sicherheitsdossiers erstellen sollen. "Erst wenn die Sicherheitsdossiers erstellt wurden und die Pigmente labortechnisch genauestens untersucht wurden, weiß man ob die Pigmente gefährlich sind oder nicht", sagt Lickefett.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR betrachtet die Datenlage zu den beiden Pigmenten als unvollständig, wie es in einer Stellungnahme schreibt. Dort heißt es jedoch auch: "Beide Pigmente weisen eine geringe akute Toxizität auf." Laut BfR werden beide Pigmente seit über zehn Jahren in Tätowiermitteln eingesetzt, ohne dass Auffälligkeiten bekannt seien. "In der Literatur gibt es keine Berichte über Allergien oder Irritationen auf diese Pigmente." Berücksichtigt werden müsse auch, dass bei einem Verbot von Blau 15 und Grün 7 möglicherweise noch weniger gut untersuchte Ersatzstoffe zum Einsatz kämen, die eventuell noch gesundheitsschädlicher sein könnten, aber nicht vom Verbot erfasst sind.

Der Hautarzt Gerd Kautz findet, dass die Forderung nach validen Studien am Thema vorbeigeht. "Da muss es keine Studien geben, wie viel Prozent es betrifft. Wenn an der Sache nur einer stirbt, reicht es schon aus", sagt der Sonderreferent für Lasertherapie beim Berufsverband der Deutschen Dermatologen.

Kautz schlägt vor, dass Tätowierer nur noch Farbpigmente zum Beispiel auf Grundlage von Kohlenstoff verwenden oder nur Pigmente benutzen die auch für die Anwendung auf der Haut zugelassen sind. "Kohlenstoff ist eine Substanz, die ohnehin in unserem Körper ist, damit können wir leben. Oder es müssen Farbstoffe sein, die auch für die Einnahme im Körper zugelassen sind. Hier ist die Farbindustrie gefordert." In seiner Laserpraxis hat Kautz nach eigenen Angaben jedes Jahr 10 bis 15 Patienten, die gesundheitliche Probleme nach Tätowierungen hätten.

Aber welche Auswirkungen hätte es auf die Gestaltung der Motive, wenn es Blau 15 und Grün 7 nicht mehr gebe? Gordon Lickefett ist sich sicher, dass Tätowierungen farbloser und einzelne Tattoostile gar nicht mehr möglich wären. Einer der beliebtesten Farbstile, der Farbrealismus, sei nach Inkrafttreten der Beschränkungen nicht mehr zu tätowieren. "Aber auch andere Stilrichtungen, wie beispielsweise der asiatische Tattoostil, in denen grüne und blaue Farben eine fundamentale Rolle spielen, werden nicht mehr möglich sein", sagt Lickefett. Hinzu käme, dass auch andere Inhaltsstoffe durch die Beschränkung derart in ihrer Menge limitiert würden, dass ihre Wirkung verloren ginge. "Daraus resultiert ein extremer Qualitätsverlust der Farben hinsichtlich Haltbarkeit und Farbbrillanz."

Für die Echa stehen die grundsätzlichen gesundheitlichen Risiken von Tattoofarben außer Frage. Es gehe jedoch nicht um ein Verbot von Tätowierungen, sondern darum, das Tätowieren sicherer zu machen, sagte ein Sprecher. "Die gefährlichen Chemikalien in den Farben können zum Beispiel schädliche Hauteffekte verursachen." Denkbar seien auch gesundheitliche Folgewirkungen, die lebenslang andauern könnten. "68 Prozent der tätowierten Menschen haben nachgewiesene Hautprobleme, 6 Prozent davon berichten von dauerhaften Hautsymptomen." Von den Beschränkungen erwartet Echa deshalb klare gesundheitliche Vorteile, ohne bedeutende wirtschaftliche Auswirkungen.

Weiterführende Artikel

Vielen Tattoo-Farben droht ein Verbot

Vielen Tattoo-Farben droht ein Verbot

Zwei Pigmente sollen gesundheitlich bedenklich sein. Die Tattoo-Szene wehrt sich gegen ein europaweites Aus.

Darf der Chef Tattoos verbieten?

Darf der Chef Tattoos verbieten?

Prinzipiell kann jeder selbst entscheiden, ob er sich etwas stechen lässt. Doch es gibt Ausnahmen.

Bis zum 18. Oktober wurde der Entwurf für die von der Echa vorgeschlagenen Beschränkungen von EU-Parlament und dem Rat der EU-Staaten geprüft, wie es aus EU-Kreisen hieß. Im nächsten Schritt soll das Verbot von der EU-Kommission verabschiedet werden. Der Entwurf sieht jedoch eine Übergangszeit von zwei Jahren für die Branche vor, um Alternativen für die beiden Pigmente zu finden. (dpa)

Mehr zum Thema Politik