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"Mal Bettelkind, mal Wadenbeißer"

Kein Geld für den Spielplatz? Anwohner in Großdubrau und Malschwitz wollen das nicht hinnehmen und packen selbst mit an. Auch wenn es manchmal schwierig ist.

Seit 18 Jahren hegt der Dorfclub "Kleine Spree" rund um Silvio Kschischan den Dorfplatz in Pließkowitz. Um das Angebot zu erhalten, braucht es vor allem ehrenamtliches Engagement und Kreativität bei der Geldbeschaffung.
Seit 18 Jahren hegt der Dorfclub "Kleine Spree" rund um Silvio Kschischan den Dorfplatz in Pließkowitz. Um das Angebot zu erhalten, braucht es vor allem ehrenamtliches Engagement und Kreativität bei der Geldbeschaffung. © Steffen Unger

Großdubrau/Malschwitz. Die Wippe ist erst einen Monat alt. Die Bücherzelle kam im letzten Jahr dazu. Sie ist nach Kenntnis des Pließkowitzer Ortsvorstehers Silvio Kschischan bislang die einzige in der ganzen Gemeinde Malschwitz. Auf dem Dach des Spielturms sind zwei Bretter undicht. Bis zum kommenden Frühjahr müssen sie noch durchhalten. "Dann machen wir das ganze Dach einmal neu", sagt Kschischan, der sich mit dem kleinen Verein Dorfclub "Kleine Spree" Pließkowitz schon seit 2002 ehrenamtlich um den zentralen Platz im Ort kümmert.

Freizeit- und Vereinsangebote, das zeigt die Umfrage Familienkompass, werden in Gemeinden wie Malschwitz und Großdubrau überdurchschnittlich schlecht bewertet. Viele Einwohner in den kleinen Ortschaften wollen das nicht einfach hinnehmen - und werden selbst aktiv. Leicht ist das nicht immer, wie das Beispiel aus Pließkowitz zeigt.

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Silvio Kschischan erinnert sich 18 Jahre zurück: "Damals gab es in Pließkowitz noch mehr Kinder. Auch unsere eigenen waren noch im Spielplatzalter." Einen Spielplatz gab es allerdings nicht. Genau das, einen Ort, an dem sich Eltern und Kinder treffen können, wollten die Pließkowitzer deshalb damals schaffen. Für den Anfang gab es 1.000 Euro Zuschuss von der Kreissparkasse Bautzen. Spielturm und Rutsche wurden davon angeschafft. Kontinuierlich wuchs das Angebot im neuen alten Dorfzentrum: Ein Kletternetz in Form einer Spinne kam dazu, ein Federwipper, eine Reckstange und eine Sitzbankgruppe. Für die Schüler, die sich hier am Morgen per Bus auf den Weg in die Schule machen, entstand eine regensichere Blockhütte. Das Angebot in der Bücherzelle wird häufig gewechselt - und rege genutzt.

Verein leistet 80 bis 100 Arbeitsstunden

"Wir sind stolz, dass wir das Angebot schon so lange halten", sagt Silvio Kschischan. Unterstützung von der Gemeinde gibt es wenig. Seit einigen Jahren macht die immerhin den Rasenschnitt, zahlt auch den Tüv. Dafür, dass dessen Auflagen eingehalten werden, ist wiederum der Dorfclub verantwortlich. Das kostet Geld: "Öffentlich zugelassene Spielgeräte sind natürlich viel teurer als solche für den privaten Gebrauch", sagt Silvio Kschischan. Kein Wunder, dass der Verein "von der Hand in den Mund lebt."

Notwendige finanzielle Mittel, erzählt Kschischan, habe der Club bisher aus den Erlösen von Dorffesten generiert. Aber auch die können nur noch selten kostendeckend durchgeführt werden. Der Verein sucht deshalb kreative Wege, um an das fehlende Geld zu kommen. Manche Spende kommt aus dem Ort selbst. Auch Einwohner sind bereit, mit anzupacken. Und dann wären da noch die emsigen Vereinsmitglieder. 80 bis 100 Arbeitsstunden im Jahr, schätzt Kschischan, stecken die in den Pließkowitzer Dorfplatz.

Fast am Anfang steht da noch eine Bürgerinitiative im Nachbarort Malschwitz. Seit drei Jahren kämpft die neunköpfige Gruppe um einen Spiel- und Begegnungsplatz im Ortszentrum, erzählt Mitinitiatorin Adele Grafe. 2002 zog sie mit ihrer Familie nach Weimar und erkannte dort: "Der Spielplatz ist der Ort, an dem man Kontakte knüpfen kann." Als sie vor vier Jahren nach Malschwitz kam, fehlte ihr ein solcher Begegnungsort. Sie sagt: "Es hat zwar jeder sein eigenes Trampolin und seine Schaukel im Garten stehen, aber Kindern macht es doch viel mehr Spaß, zusammen zu spielen."

Selbst Geschaffenes wird mehr geachtet

Sie und ihre Mitstreiter gingen mit ihren Ideen auf die Gemeinde zu. Die Zusammenarbeit sei manchmal zäh, sagt sie, zeigt aber auch Verständnis: "Malschwitz ist eine riesen Gemeinde und hat natürlich wahnsinnig viele Spielplätze." Die Bürgerinitiative hakte nach, war "manchmal bettelndes Kind und manchmal Wadenbeißer", wie Adele Grafe lachend sagt - und kam schließlich zum Ziel. Die Gemeindeverwaltung reichte den Förderantrag für den Spiel- und Begegnungsplatz ein. Im November beginnen die Bauarbeiten. Dass all das kein Selbstläufer ist, findet Grafe nicht schlimm: "Es bringt doch nichts, wenn wir faule, träge Etwase werden, die nur noch erwarten. Es macht doch viel mehr Spaß, wenn man mitmacht."

Ähnlich sieht das auch Großdubraus Bürgermeister Lutz Mörbe (parteilos): "Wenn man selber etwas schafft, erhält man's auch", sagt er und blickt dabei gedanklich in den Großdubrauer Ortsteil Jetscheba. Dort gab es vor einigen Jahren den Wunsch, einen kleinen Platz im Dorf zu gestalten. Die Gemeinde steuerte Material bei. Auch einige Fördermittel flossen. Der Rest passierte in Eigeninitiative. 

Wo eins ein verschlammter Teich war, entsteht derzeit im Großdubrauer Ortsteil Brehmen ein neuer Treffpunkt. Bürgermeister Lutz Mörbe setzt dabei auch auf Impulse der Einwohner.
Wo eins ein verschlammter Teich war, entsteht derzeit im Großdubrauer Ortsteil Brehmen ein neuer Treffpunkt. Bürgermeister Lutz Mörbe setzt dabei auch auf Impulse der Einwohner. © Carmen Schumann

Einen ähnlichen Vorstoß gab es im Ortsteil Brehmen. Drei bis vier Jahre dauerte es, bis aus dem Wunsch nach einem Dorfplatz eine Baustelle wurde. Ein kleiner Spielplatz soll hier unter anderem entstehen. Mit Blick auf die klammen Gemeindekassen sagt Lutz Mörbe: "Man kann nix Großes erwarten." Aber manchmal seien es die kleinen Impulse, die zur Aufwertung des ganzen Umfeldes führen. Ein Beispiel dafür hat Lutz Mörbe noch: Wo heute der Sdierer Dorfplatz ist, war einst eine unbefestigte Wiese. "Dort kamen immer die Nahversorger, also Bäcker, Fleischer, mit ihren Wagen. Wir haben dann den Untergrund ein bisschen befestigt, eine Bank und eine Fahrrad-Anlehnstelle errichtet. Jetzt stehen die Leute wenigstens nicht mehr in der Pampe." Mit wenigen Mitteln, schließt Mörbe, kann so aus einem zentralen Ort im Dorf ein Treffpunkt werden, der sich sehen lassen kann.

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