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Sachsen will bei Kinderbetreuung aufholen

Der Freistaat gehört zu den Schlusslichtern, was die Personaldecke in Kitas angeht. Kultusminister Christian Piwarz deutet Verbesserungen an.

Der Betreuungsschlüssel muss ehrlicher werden, sagen nicht nur Sachsens Eltern. Auch Kultusminister Christian Piwarz sieht das so. Im Interview erklärt er, wie sich die Kita-Betreuung verbessern soll.
Der Betreuungsschlüssel muss ehrlicher werden, sagen nicht nur Sachsens Eltern. Auch Kultusminister Christian Piwarz sieht das so. Im Interview erklärt er, wie sich die Kita-Betreuung verbessern soll. © Thomas Kretschel/kairospress

Dresden. Regelmäßig fährt Sachsen Spitzennoten für die Schulausbildung ein. Doch wenn es um die Betreuung der Kinder geht, gehört der Freistaat zu den Schlusslichtern. Ein Erzieher müsse sich um deutlich zu viele Kinder kümmern, stellte zuletzt die Bertelsmann-Stiftung in ihrem „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme" fest. Sachsens Familien sehen das ähnlich. Die für den Familienkompass Sachsen befragten Eltern vergaben die Durchschnittsnote 3,4 für die Personalausstattung in den Kitas. Wann wird sich das bessern? Kultusminister Christian Piwarz (CDU) spricht im Interview von einem ehrlicheren Betreuungsschlüssel, zu vollen Schulklassen und den Unterrichtsausfall in der Corona-Krise.

Herr Piwarz, Eltern loben das große Engagement der Erzieher, sind aber unzufrieden mit der Personaldecke in den sächsischen Kitas. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

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Ich freue mich über das Lob für die qualitativ hochwertige Arbeit in den Kindertageseinrichtungen. Das ist zuallererst ein Lob für die Erzieherinnen und Erzieher. Aber in der Tat, mit der Personalsituation und dem Betreuungsschlüssel befinden wir uns deutschlandweit gesehen im hinteren Bereich.

Wird es denn bald mehr Erzieher geben?

Wir haben in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen und die Betreuungsschlüssel verbessert. Darüber hinaus ist im vergangenen Jahr ein deutlicher Schritt zur Entlastung der Erzieher gemacht worden. Einen Teil ihrer Arbeitszeit können sie nun nutzen, um die Arbeit mit den Kindern vor- und nachzubereiten. 

"Es gibt Tätigkeiten in Kitas, für die nicht zwingend eine Fachkraft notwendig ist."

Beide Maßnahmen zusammen haben allein 4000 zusätzliche Erzieherstellen geschaffen und damit die Betreuungssituation verbessert. Wir wissen aber, dass dies noch nicht das Ende der Fahnenstange ist.

Woran liegt es, dass der Betreuungsschlüssel nicht weiter verbessert wird?

Wenn wir über mehr Erzieher sprechen, ist das einerseits eine finanzielle Dimension. Hier müssen alle zustimmen – auch die Eltern, die das über die Elternbeiträge mitbezahlen. Andererseits müssen wir uns fragen, ob wir die Erzieher überhaupt bekommen. Wir können den Bedarf mit aktuell etwa 2.000 fertig ausgebildeten Erziehern pro Jahr geradeso decken.

Kein Wunder, die Ausbildung dauert lange und sie ist teuer für die Auszubildenden.

Wir haben uns im Koalitionsvertrag geeinigt, die Ausbildung kostenfrei machen zu wollen. Der Gesetzesentwurf wurde vom Kabinett verabschiedet und befindet sich jetzt im Landtag zur Beschlussfassung. Ich hoffe, dass wir im Dezember rückwirkend – zu Beginn dieses Schuljahres – das Schulgeld allen erstatten können, die an privaten Schulen eine Ausbildung zum Erzieher machen. Dann müssen wir junge Leute für den Beruf begeistern und ausbilden.

Es wird also auf absehbare Zeit mehr Erzieher geben?

Der Betreuungsschlüssel berücksichtigt bisher nicht, wenn Erzieher in den Urlaub gehen, krank sind oder eine Weiterbildung absolvieren. Das muss zwingend mitgedacht werden. Wir wollen in dieser Legislaturperiode den Einstieg finden, den Schlüssel ehrlicher zu machen, also so zu verbessern, dass er der tatsächlichen Situation in den Kitas gerecht wird.

Über welchen Zeitraum sprechen wir da?

Wir haben bei den staatlichen Schulen im vergangenen Jahr bereits 200 Ausbildungsplätze zusätzlich geschaffen. Diese Erzieher sind frühestens 2022 fertig. Es kann nur Schritt für Schritt funktionieren. Außerdem sollen Assistenzkräfte eingesetzt werden können, wie das in den Krippen schon lange der Fall ist. Es gibt Tätigkeiten in Kitas, für die nicht zwingend eine Fachkraft notwendig ist. Die Erzieher sollen sich auf die Kinderbetreuung konzentrieren können.

Hat Sachsen bei den Kitaplätzen seine Hausaufgaben erledigt?

Die größten Schwierigkeiten sind vorbei. Im Vergleich zu anderen Bundesländern sind wir derzeit gut ausgestattet. Man muss aber weiter auf die Geburtenzahlen schauen, ebenso auf die Binnenwanderungen. Die erweiterten Speckgürtel um die großen Städte werden Boom-Regionen. Familien gehen aus der Stadt raus und ziehen in das Umland. Dort wachsen die Kinderzahlen sehr schnell, sodass plötzlich ein größerer Bedarf an Kitaplätzen und später an Schulen entsteht. Große Dynamik gibt es zum Beispiel im westlichen Teil des Landkreises Bautzen, aber auch in der Region südlich von Leipzig. Dort müssen die Planer vor Ort sehr zügig arbeiten.

Eine weitere Kritik von Eltern ist, dass sie die Schulklassen als vollgestopft empfinden. Können Sie den Familien hier ebenfalls Hoffnungen machen?

Ich bin mit dem Begriff „vollgestopft“ vorsichtig. Denn wir befinden uns mit einem Klassenteiler von 28 Schülern deutschlandweit im vorderen Mittelfeld. Natürlich, im großstädtischen Bereich sind die Schulen eher voll. Aber gerade im Grundschulbereich befinden sich sachsenweit im Schnitt 21 Schüler in einer Klasse. An den weiterführenden Schulen sind es um die 24. Pädagogisch ist es wünschenswert, kleine Klassen zu haben. Da sind wir uns, denke ich, alle einig.

Aber?

Hier gilt das Gleiche wie bei den Kitas. Wenn ich den Klassenteiler heruntersetze, erhöhe ich den Bedarf an zusätzlichen Lehrern in einem vierstelligen Bereich. Es ist nicht realistisch zu versprechen, das bis zum Ende der Legislaturperiode 2024 zu ändern.

Finden Sie denn inzwischen genug Lehrer, um den Unterricht heute abzudecken?

Mit der Verbeamtung ist das Fundament gelegt, damit wir deutschlandweit ein konkurrenzfähiges Angebot unterbreiten können. Die Bewerberzahlen sind besser als zuvor. Es gelingt uns auch, mehr Lehrer einzustellen. Aber wir haben immer noch mit Ungleichgewichten zu kämpfen.

Welche sind das?

Wir haben insbesondere in Dresden und Leipzig sehr viele Bewerber, die sich vorstellen können, dort Lehrer zu werden. In anderen Regionen – in Ostsachsen, im Erzgebirge und in Chemnitz zum Beispiel – haben wir dagegen eine unterdurchschnittliche Nachfrage. Das ist schwierig. Besonderen Bedarf gibt es außerdem im Oberschulbereich und bei den Förderschulen.

Können Sie das auf kurze Sicht ändern?

Wir müssen dafür sorgen, dass die Lehrer, die überzählig sind, etwa im Gymnasialbereich, an den Oberschulen eingesetzt werden. Das machen Gott sei Dank eine ganze Menge. Zum Schuljahresanfang haben wir über 100 Gymnasiallehrer für andere Schulen gewinnen können. Wir bieten außerdem während des Referendariats eine Anwärter-Sonderzulage an. 

"Wir werden den Schwimmunterricht nachholen"

Wenn also jemand sagt, dass er bereit ist, außerhalb von Dresden und Leipzig zu arbeiten, zahlen wir etwas mehr als 1.000 Euro zusätzlich. Das sind die bestbezahlten Referendare in ganz Deutschland. Es sind mehr geworden, die sich das vorstellen können. Aber wir müssen hinterherbleiben. Genauso müssen die Regionen ihre Vorzüge herausstellen.

Die Corona-Krise sorgt für weiteren Lehrer- und damit auch Unterrichtsausfall. Quarantäne ist das eine. Auf der anderen Seite ist für schwangere Lehrerinnen ein Beschäftigungsverbot angeordnet worden. Was heißt das für den Schulalltag?

Wir haben noch keine verlässlichen Zahlen, aber es stimmt. Schwangere müssen automatisch ins Beschäftigungsverbot gehen, obwohl viele noch gerne arbeiten würden. Aber unsere Betriebsärzte haben sich dagegen ausgesprochen. Hier werden wir wahrscheinlich höhere Ausfallzahlen haben. Das kann aber keine Blaupause für einen Normalbetrieb sein. 

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Wir müssen dafür Sorge tragen, weiterhin genügend Lehrer einzustellen, damit wir die Soll-Zahlen erreichen. Und wir müssen schauen, dass den Schülern keine Nachteile entstehen, die ihren Abschluss dieses oder nächstes Schuljahr machen wollen.

Es wird also Ausfall in niedrigeren Klassenstufen zugunsten der höheren geben?

Nein, es wird generell nicht so sein, dass die kleineren Klassen das Nachsehen haben werden. Man muss sehen, wie man mit den vorhandenen Lehrern die Stunden am sinnvollsten verteilen kann. Wenn es wirklich Ausfall in einem bestimmten Fach geben sollte, kompensieren wir das vor allem in den Abschluss- und Vorabschlussklassen, um Schülerinnen und Schülern einen guten Abschluss zu ermöglichen. Dort bleibt sonst wenig Raum, um zu korrigieren. 

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Gerade für die jüngeren Schüler haben wir die Möglichkeit, Unterrichtsausfall über die kommenden Schuljahre auszugleichen. Ein gutes Beispiel ist der Schwimmunterricht. Für die Zweitklässler, die wegen Corona letztes Jahr keinen Schwimmunterricht haben konnten, werden wir diesen bis zum Ende der Grundschulzeit nachholen. Derzeit erarbeiten wir ein Konzept, damit das gelingt.

Wann rechnen Sie wieder mit einem normalen Schulbetrieb?

Ich hoffe sehr, dass wir im Laufe des nächsten Jahres in einen wirklichen Regelbetrieb übergehen können, spätestens mit dem nächsten Schuljahr.

Die Fragen stellte Sandro Rahrisch.

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