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Helfende Hände im Haushalt

Warum Kinder angemessene Aufgaben übernehmen sollten, erklärt Sylvia Lemm, Leiterin des Dresdner Jugendamtes.

Von Birgit Hilbig
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Klassiker bei der Hilfe im Haushalt: Geschirr spülen
Klassiker bei der Hilfe im Haushalt: Geschirr spülen © Foto: Adobe Stock

Vom Geschirrspüler bis zum Saugroboter gibt es heute jede Menge maschineller Haushaltshelfer. Warum sollten sich Kinder trotzdem noch an der Hausarbeit beteiligen?
Ziel einer liebevollen Kindererziehung ist es letztendlich, Kinder in die Selbstständigkeit zu begleiten. Dazu gehören auch die Lernprozesse, Ordnung zu halten, Sachen zu pflegen und Verantwortung für das Zusammenleben mit anderen Personen zu übernehmen. Die Mitarbeit im Haushalt ist dafür sinnvoll und notwendig, um dies schon im Kleinen zu üben. Die Aufgabe sollte konkret benannt werden und es sollte klar sein, bis wann das Kind sie zu erledigen hat. Dabei ist es wichtig, dass es vom Entwicklungsstand her bereits in der Lage ist, die Aufgabe zu erfüllen.

Welche positiven Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung haben häusliche Pflichten? Und welche Defizite können entstehen, wenn Kinder gar nichts tun müssen?
Zur Veranschaulichung der Unterschiede bei häuslichen Pflichten nachfolgend zwei Beispiele aus den Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Familien: Ein alleinerziehender Vater von zwei Kindern im Alter von zehn und zwölf Jahren ist der Meinung, dass es gut sei, seine Kinder von lästigen Haushaltspflichten fernzuhalten, weil sie durch die Schule schon genug gefordert seien. Demgegenüber schildert eine Mutter, wie fasziniert sie als Kind gewesen sei, als ihre Schulfreundin schon Schnitzel braten konnte, während sie selbst aus der Küche verwiesen wurde. Bei ihren eigenen Kindern habe sie deshalb schon früh auf Mithilfe im Haushalt gesetzt und ihnen vieles gezeigt. Kinder wollen und können oft mehr, als ihnen zugetraut wird. Angemessene Aufgaben im Haushalt können positive Entwicklungsanreize setzen. Dabei entwickeln Kinder Selbstständigkeit und Unabhängigkeit sowie ein Bewusstsein für Werte und die eigenen Fähigkeiten.

Ab welchem Alter können Kinder erste kleine Aufgaben übernehmen? Welche sind da besonders geeignet?
Getreu dem Motto „Früh übt sich, wer ein Meister werden will“ können und sollten bereits kleine Kinder in die Hausarbeit eingebunden werden; oftmals wollen sie dies sogar. So können sie frühzeitig ihre Grenzen und Fähigkeiten kennenlernen und Freude bei der Erledigung von Aufgaben entwickeln. Bereits ab dem ersten Geburtstag kann man Kinder zum Beispiel dabei begleiten, Spielzeug zurück in die Kiste oder den Schrank zu legen, mit dem Lappen über den Tisch zu wischen, verschiedene Gegenstände zu holen oder den Stuhl nach Benutzung an den Tisch zu schieben. Kinder ab etwa zwei Jahren lieben nachahmende Tätigkeiten. Idealerweise sollten Eltern sie daher in die Handlungen im Haushalt einbeziehen, zum Beispiel die Vorbereitung von Speisen, das Decken des Tisches oder das Sortieren von Wäsche. Erste eigene Aufträge können spielerisch erteilt werden, wie das Herstellen von Tischkarten oder das Saugen eines Spielteppichs. Kinder im Vorschulalter gehen ganz im Rollenspiel auf und können über diesen Weg in komplexere eigenständige Handlungen einbezogen werden. Hier bieten Restaurant, Lieferdienst, Wäscherei und Müllabfuhr geeignete spielerische Rahmen. Im Alter von etwa sechs Jahren können Kinder beispielsweise die Blumen gießen und Haustiere füttern.

Wie sollte sich das „Pensum“ steigern, und welche Grenzen werden empfohlen?
Nach und nach verstehen Kinder, dass ihre Mithilfe eine Unterstützung für die gesamte Familie darstellt und so möglicherweise auch mehr Zeit für gemeinsame Spiele bleibt. Kinder ab dem Schulalter entdecken ihre Werkfreude und zunehmend ihr Verantwortungsbewusstsein. Sie werden durch Übung immer geschickter.
Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass Kinder bestimmte Risiken, wie zum Beispiel der Umgang mit heißem Wasser oder Reinigungsmitteln in seinen Gefahren noch nicht vollkommen überblicken können, und hier immer wieder Begleitung erforderlich ist. Jugendliche können die meisten Tätigkeiten im Haushalt eigenständig erledigen. Doch mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit ist es hier wichtig, Aufgaben zu wählen, die als nutzbringend für sie und die Familie zu erkennen sind. In der Art und Weise der Erledigung bzw. dem Zeitraum sollten hier Spielräume vorgegeben werden, die ihrem Erleben von Selbstständigkeit bzw. Autonomiebedürfnis entgegenkommen und die Kooperation erleichtern. Der Gesetzgeber hat ab 14 Jahren eine Mithilfe bis zu einer Stunde täglich vorgesehen.

Wie motiviert man Kinder am besten?
Kinder bringen in der Regel von Geburt an Neugier mit. Diese Wissbegierde als Quelle der Motivation ist besonders wertvoll. Ein weiteres wichtiges Bedürfnis ist das bereits benannte Autonomiebedürfnis. Kinder wollen sich beteiligen, mitbestimmen und sich einbringen. Die Übertragung von Verantwortung für das selbstständige Erledigen von Aufgaben erleben viele Kinder als sehr reizvoll. Eltern sind gut beraten, wenn sie diese inneren Bedürfnisse von Kindern frühzeitig entwickeln und verstärken. Es wird nahezu aussichtslos sein, erst in der Pubertät damit anzufangen. Eine Reihe von Untersuchungen legt nahe, dass Sanktionen oder Belohnungen von außen die inneren Quellen der Motivation eher trockenlegen.