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"Stumpi" will auch mit 75 die Füße nicht stillhalten

Wolfgang Stumph legt zum Geburtstag im neuen „Stubbe“-Krimi im ZDF den Finger auf eine Wunde: den Umgang unserer Gesellschaft mit älteren Menschen.

Tauschen im neuen „Stubbe“ die Hauptrolle: Stephanie Stumph und ihr Vater Wolfgang.
Tauschen im neuen „Stubbe“ die Hauptrolle: Stephanie Stumph und ihr Vater Wolfgang. © Foto: ZDF / Rudolf Wernicke

Wolfgang Stumph hat immer viel zu tun. Momentan besonders viel, denn zwei nicht eben unwichtige Ereignisse in seinem Leben stehen an: Am Sonnabend läuft im ZDF sein zweites „Stubbe Special“ über den neuesten Fall des dienstältesten deutschen TV-Kommissars. Dessen Anlass ist ein halbrundes Jubiläum: Am Sonntag wird Wolfgang Stumph 75 Jahre alt. Kein Wunder also, wenn sich bei dem Unruheständler seit Wochen die Termine häufen. Interview-Anfragen trudeln reihenweise ein, auch Pressetermine für den neuen „Stubbe – Tödliche Hilfe“ wollen absolviert werden. Das Interesse ist verständlich. Denn der Leib- und Seelen-Dresdner Wolfgang Stumph ist einer der beliebtesten Schauspieler Deutschlands und neben der Bundeskanzlerin das wohl bekannteste Gesicht des „Ostens“.

Seit vielen Jahren liegt ihm das Miteinander von West und Ost am Herzen, er engagiert sich als Brückenbauer, in Vereinen für notleidende Kinder, als Unicef-Botschafter, als Vermittler. Einst Mitgründer des Dresdner Studentenkabaretts „Die Lachkarte“, eroberte Wolfgang Stumph später die Bühne der Herkuleskeule und schließlich die TV-Show „Showkolade“ als regelmäßiger Gast von Gunter Emmerlich. Bundesweit bekannt wurde er 1991 mit der inzwischen legendären Kinokomödie „Go Trabi Go“.

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Mit "Go Trabi Go" und der Figur des Udo Struuz (l.) begann 1991 die bemerkenswerte gesamtdeutsche Karriere des Wolfgang Stumph.
Mit "Go Trabi Go" und der Figur des Udo Struuz (l.) begann 1991 die bemerkenswerte gesamtdeutsche Karriere des Wolfgang Stumph. © Foto: ARD

Ich bin jetzt "der Vater von" ...

Es war der Startschuss für eine bemerkenswerte Karriere. Im ZDF schlug Wolfgang Stumph erst 24 Folgen lang den „Salto Postale“ und legte noch einmal 26 Folgen „Salto Kommunale“ nach. Dutzende Filme folgten, darunter „Bis zum Horizont und weiter“ (1998), „Der Job seines Lebens“ (2003), „Salami Aleikum“ (2009) und die Kinokomödie „100 Dinge“ (2018). Sein Kommissar Stubbe hat zwischen 1995 und 2014 nicht nur 50 Fälle gelöst, sondern auch den Nachwuchs erzogen: Christiane Stubbe, gespielt von Wolfgang Stumphs Tochter Stephanie.

Die 36-Jährige ist längst eigenständig und selber eine vielbeschäftigte Schauspielerin geworden. Seit 2015 steht sie als Kommissarin Lorenz an der Seite von „Der Alte“; die erste weibliche Ermittlerin in dem kultigen TV-Team. Die Zeiten, als sie in Medien gerne mit „die Tochter von“ bezeichnet wurde, sind vorbei. Wer Lust auf solche Klischees habe, sagt Wolfgang Stumph, dem biete er ein neues an: „Ich bin jetzt ,der Vater von‘.“ Konsequent steht im neuen Stubbe „Tödliche Hilfe“ Christiane im Zentrum. Als Journalistin reist Christiane Stubbe nach Dresden, um dort undercover in einem Pflege-Unternehmen zu recherchieren, wo es nicht mit rechten Dingen zugeht. Wir sprachen mit Wolfgang Stumph über den neuen Stubbe, aber auch über die Brisanz des Themas und die Frage: Wie gehen wir mit unseren alten Menschen um?

Im neuen "Stubbe - Tödliche Hilfe" muss der Pensionär erst lernen, dass seine dauernden Geschichten von der Semperoper die Enkelin langweilen. Anders als das Herumbrausen mit den Schwalbe.
Im neuen "Stubbe - Tödliche Hilfe" muss der Pensionär erst lernen, dass seine dauernden Geschichten von der Semperoper die Enkelin langweilen. Anders als das Herumbrausen mit den Schwalbe. © Foto: ZDF

Herr Stumph, wir müssen gerade auf vieles verzichten. Schmerzt es Sie eigentlich sehr, dass Sie zum 75. keine große Party schmeißen können?

Nein, schmerzt mich nicht. Ich feiere eigene Anlässe ungern, lieber die der anderen. Corona verhindert ja eine Party, also bleibe ich eben ein Jahr länger 74. Nächsten Januar schmeiße ich dafür eine kleine Party.

In ihrem neuen Film steht immerhin dem Ex-Kommissar Stubbe Familienbesuch ins Haus: Seine Tochter kommt gewissermaßen entlang der Elbe von Hamburg zu ihm nach Dresden. Auch wenn ich an Ihre 50 Stubbe-Krimis denke: Kann es sein, dass Sie die Elbe und deren unterschwellige Bedeutung als Bindeglied ziemlich fasziniert?

Die Elbe hat für mich eine große Symbolik, weil sie durch fünf Bundesländer fließt und somit geografische Verbindungen zwischen Dresden und Hamburg und zu Menschen schafft. Die Stubbe-Reihe erzählt die Familiengeschichte eines ganz normalen Kriminalkommissars aus Dresden, der elbabwärts nach Hamburg zieht. Seit 1995 wird der berufliche und familiäre Weg dieses Kommissars bis zum Jahr 2020 widergespiegelt. Christiane Stubbe hatte im 50. Stubbe als selbstständige Journalistin mit einem Kleinstkind und einem Freund das Elternhaus in Hamburg verlassen, und Stubbe hat es zurück in seine Heimatstadt gezogen.

Auch Ihre Fiilmfguren, so unterschiedlich sie sind, verbindet vieles. Nicht nur, dass ihre Namen fast alle mit „St“ beginnen: Erwin Strunz, Thomas Stille, Walter Steinhoff ...

In vielen meiner Filme geht es um Menschen, die biografische Brüche erleiden. Die zum Beispiel arbeitslos werden und manchmal heimatlos. Das sind Themen, die viele Schicksale verbinden, auch in Ost und West. Das Verbindende aufzuzeigen ist eine Aufgabe.

War es eigentlich für Stubbe ein großer Schritt, auch für das Herz, als er damals zum Eintritt ins Pensionsalter Hamburg wieder den Rücken kehrte und seiner Liebe folgte?

Stumph hat sein Dresden, seine Heimatstadt nicht verlassen, und wenn im Stubbe der Stumph-Sinn steckt, war klar, dass Dresden wiederholt eine Spielfläche wird.

Christiane Stubbe (Stephanie Stumph) recherchiert als Journalistin undercover in einem Pflegedienst, bei dem es nicht mit rechten Dingen zugeht. Beim Klettern kommen sie und der Assistent des Dienstleiters sich näher. Hat der nette Alex Wolkow (Sebastian
Christiane Stubbe (Stephanie Stumph) recherchiert als Journalistin undercover in einem Pflegedienst, bei dem es nicht mit rechten Dingen zugeht. Beim Klettern kommen sie und der Assistent des Dienstleiters sich näher. Hat der nette Alex Wolkow (Sebastian © Foto: ZDF

Jetzt spielt Stephanie Stumph die Hauptrolle

Im neuen Stubbe treten Sie hinter Ihre Tochter zurück in die zweite Reihe und überlassen ihr die Hauptrolle. Ich weiß, dass Sie beide vieles gemeinsam aushandeln. War dieser Positionstausch Ihrer beider Idee?

Ich habe ja wie Stubbe eine Tochter, und dessen Tochter wird von der Schauspielerin Stephanie Stumph gespielt, und das seit ihrem neunten Lebensjahr. Nicht nur Stubbe wird im neuen Film 27 Jahre älter sein. Es ist ein Geschenk, eine Fernsehfamilie über 27 Jahre begleiten und entwickeln zu können. Stephanie war damals neun Jahre alt, als sie die Rolle der Christiane Stubbe 1994 übernommen hat. Bis zum gemeinsam beschlossen Ende der Reihe mit der 50. Folge 2014. Ihre Filmtochter ist jetzt so alt. Beide sind durch ihre schauspielerische Leistung der Mittelpunkt des Filmes geworden. Das ist von uns so gewollt.

Bei Stubbe ging es immer auch um gesellschaftlich relevante Themen, die kontrovers diskutiert werden. Nun also um Altenpflege, um unseren Umgang mit alten Menschen. Musste Stubbe erst selber Rentner werden, um zu erkennen, wie viel Brisanz in dem Thema steckt?

Wir haben immer versucht, in den Filmen ein gesellschaftliches Spiegelbild zu zeichnen, um die Wirklichkeit mit künstlerischen Mitteln wiederzugeben. Als wir diesen Stoff mit Peter Kahane 2018 entwickelten, war uns Corona noch kein Begriff, aber die Wichtigkeit der Pflegeberufe in den Mittelpunkt zu stellen war uns schon damals ein Anliegen. Wir wollten einerseits die Achtung vor deren Leistung zeigen, aber auch die möglichen Fehler in den Strukturen offenlegen. Aber auch Empathie und Sensibilität vermitteln für die Menschen, die unser Leben lebenswert machen.

Inzwischen wird leider oftmals ganz anders über das Leben und über den Wert des Lebens alter Menschen diskutiert, der jetzt sogenannten „Risikogruppe“. Was hat Sie damals dazu bewogen?

Es gab weit vor Corona schon viel zu hören über das Thema Pflegenotstand, Klagen über die Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Die Tatenlosigkeit führte zur um sich greifenden Ökonomisierung und zur Privatisierung. Der Pflegenotstand hat unter anderem dazu geführt, dass die sogenannte Ausgliederung von Pflege auch dazu führen kann, wie ein Berliner Fall aufzeigt, dass es zu Abrechnungsfälschungen und Betrug auf Kosten der alten Menschen kommt. Daraus ist unsere Idee entstanden.

Der Tod von Olga Müller (Christine Schorn, l.) gibt Stubbes Freundin Marlene (Heike Trinker) und Kommissar Zabel (Stephan Grossmann) Rätsel auf.
Der Tod von Olga Müller (Christine Schorn, l.) gibt Stubbes Freundin Marlene (Heike Trinker) und Kommissar Zabel (Stephan Grossmann) Rätsel auf. © Foto: ZDF

Corona? Uns ist das Ding entglitten.

Diese Idee hat inzwischen natürlich noch zusätzlich an Aktualität gewonnen …

Ja, und Corona zeigt uns jetzt sehr deutlich, wie überfällig dieses Thema schon lange gewesen ist. Es zeigt aber auch, wie nötig es ist, den Menschen in Alten- und Krankenpflegeberufen endlich die Achtung und den Respekt entgegenzubringen, die sie verdienen. Und zwar nicht nur durch Applaus. Zumal die Menschen eine materielle Anerkennung noch nicht wirklich genießen konnten.

Welchen Lerneffekt würden Sie sich durch unsere schmerzhaften Erfahrungen mit der Krise erhoffen?

Wenn man die jetzige Situation ehrlich bilanziert, muss man es in Berlin zugeben: Uns ist das Ding entglitten. Und nicht nur das Ding. Nachsitzen ist angesagt. Auch wir sollten uns vorbereiten auf den halbwegs normalen Alltag, der kommen wird, auf dass wir den sozialen Instinkt und die Empathie für ein achtungsvolles Miteinander wachhalten.

Wird Sie das Thema weiter verfolgen? Oder anders gefragt: Wird der 75-jährige Wolfgang Stumph das Thema weiter verfolgen?

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Stubbe ist zwar in Rente geschickt worden, aber auch er setzt sich ja nicht zur Ruhe und mischt weiter mit. Stumph hat ja auch viel von Stubbe und umgekehrt. Bei vielen Berufen ist die Altersgrenze von 65 ohnehin nicht von Bedeutung. Was die Zahl 75 betrifft, so kann ich Ihnen nur sagen: Aufgrund meiner Einstellung zum Leben sehe ich keinen Grund, mich meinem Alter entsprechend zu verhalten. Ich werde also auch weiterhin die Füße nicht stillhalten können.

Die Fragen stellte Oliver Reinhard.

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