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Geflügelfleisch mit Keimen belastet

Leichtfertiger Umgang mit Antibiotika in der Tierhaltung kann Menschen schaden. Diese Lebensmittel sollten gefährdete Personen meiden.

Ursache Massentierhaltung: Tausende Jungtiere in einem Hähnchenstall.
Ursache Massentierhaltung: Tausende Jungtiere in einem Hähnchenstall. © dpa

Von Patrick Siebenrock und Stephanie Wesely

Putenfleisch ist immer noch häufig mit multiresistenten Krankheitserregern belastet, bei denen Antibiotika nicht mehr wirken. Das ist das Ergebnis einer von der Universität Greifswald durchgeführten Stichprobe im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die Putenfleisch der Haltungsform 2 („Stallhaltung plus“) untersucht hat. Knapp ein Drittel der Stichproben aus den Discountern Aldi und Lidl waren demnach belastet.

„In Deutschland ist es nach wie vor erlaubt, Fleisch zu verkaufen, das antibiotikaresistente Keime trägt. Wir waren daher wenig überrascht, aber nach wie vor entrüstet, als das Labor der Universität Greifswald uns die Ergebnisse präsentiert hat“, sagte Reinhild Benning, Agrarexpertin der Deutschen Umwelthilfe, am Dienstag bei der Vorstellung der Ergebnisse. Beunruhigend sei, dass in vielen Proben auch Keime, die gegen Reserveantibiotika resistent sind, gefunden wurden. Reserveantibiotika sind Medikamente, die bei der Behandlung von Infektionskrankheiten verwendet werden, wenn herkömmliche Antibiotika nicht mehr wirken.

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Leichtfertiger Gebrauch gefährdet Menschen

Diese müssen stärker reglementiert werden, fordert der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Montgomery: „Wir brauchen die Beschränkung der Reserveantibiotika auf den Einsatz beim Menschen.“ Es dürfe nicht zugelassen werden, dass durch den leichtfertigen Gebrauch von Antibiotika in der Tieraufzucht Resistenzen auftreten, die beim Menschen nicht behandelbar oder sogar tödlich seien, so Montgomery.

Bereits im Juli hat der Umweltausschuss des Europaparlaments die EU-Kommission in einem Änderungsantrag zu einer strengeren Regulierung von Reserveantibiotika aufgefordert. Die Folge wäre, dass diese Antibiotika nicht mehr in der industriellen Tierhaltung verwendet werden dürfen. Eine Einzeltierbehandlung etwa für kranke Haustiere soll nach Angaben von Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament, von der geplanten Regelung ausgenommen werden. Das EU-Parlament wird über den Vorschlag Mitte September entscheiden.

Fleischsaft auf dem Salat

Nach einem aktuellen Bericht mehrerer europäischer Gesundheits- und Lebensmittelbehörden ist der Einsatz von Antibiotika in der Fleischproduktion allerdings rückläufig. Der relative Verbrauch von Antibiotika in der Lebensmittelerzeugung genutzten Tieren ist laut Bericht zwischen 2016 und 2018 erstmals geringer als in der Humanmedizin.

Wie viele Menschen durch antibiotikaresistente Keime im Fleisch Schaden nehmen, ist unklar. Denn übertragen werden die Erreger nicht durch das Essen, wenn Fleisch gut durchgegart ist. Risiken gibt es eher bei mangelhafter Küchenhygiene in Restaurants und auch zu Hause. Beim Waschen oder Auftauen des Fleischs könnten zum Beispiel Spritzer auf Schneidbretter gelangen. Wenn dort auch Lebensmittel – zum Beispiel Salate – geschnitten würden, die roh gegessen werden, könnten die resistenten Keime über Mahlzeiten in den Darm gelangen.

Die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen hat im vergangenen Jahr vor allem in Fisch und Fischerzeugnissen sowie in Honigen Antibiotikarückstände festgestellt. Auch bei vorgeschnittenen Fertigsalaten aus der Tüte werden laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) regelmäßig multiresistente Keime gefunden. Über die Gülle von Tieren, die mit Antibiotika behandelt werden, gelangen sie in den Boden und damit in die Nutzpflanzen.

Auf Vorgeschnittenes verzichten

Menschen mit einem schwachen Abwehrsystem können davon krank werden. Zwar seien die Keime an sich zunächst harmlos. Doch sobald eine Antibiotikabehandlung erforderlich werde, zeigten sie ihre besonderen Fähigkeiten, so das BfR. Denn Darmbakterien, die solche Resistenzgene haben, besitzen einen Überlebensvorteil und vermehren sich stärker als ihre Konkurrenten.

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Diese Bakterien haben aber noch eine weitere gefährliche Gabe: Sie können ihre Gene an andere krankmachende Darmkeime weitergeben. Deshalb sollten Schwangere und Personen mit einem geschwächten Immunsystem vorsichtshalber auf vorgeschnittene und verpackte Salate verzichten, rät das Bundesinstitut. Salate sollten besser aus frischen, gründlich gewaschenen Zutaten zubereitet werden, getrennt von Fleisch und anderen Risikolebensmitteln.

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