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Im Weinberg ist was faul!

Eigentlich ist die Lese der schönste Zeitpunkt der Weinsaison. Diesmal freuen sich die Winzer nicht so richtig darauf. Das liegt aber nicht am Wetter.

Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar.
Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar. © Thomas Kretschel

In diesem Jahr haben die Winzer so richtig die Nase voll – und das mehr als sprichwörtlich! Nicht selten sieht man unsere Weinbauern derzeit durch ihre Weinberge gehen, die Nase rümpfen und heftig schimpfen. Und das nicht ohne Grund. Pure Verzweiflung treibt sie an. Und das so kurz vor der Lese.

Eigentlich ist die Lese der schönste und freudigste Zeitpunkt der Weinsaison. Doch wenn man erst mal den Lohnbeutel des Jahres zu öffnen beginnt, sieht man in dessen Inneren Fäule. Ja, Sie lesen richtig – Fäule. Wo auch immer man heute durch den Weinberg läuft, riecht man sie schon. Geschuldet diesem besonderen, harten Jahrgang. Denn den Winzern blieb bis dato nichts erspart: streckenweise Frost, Insektenbefall und im schlimmsten Fall Wespenfraß. Hinzu kommen letztlich noch die schon einmal im vorletzten Jahr angesprochenen Probleme wie die verheerende Kirschessigfliege, Mehltau, Schimmel und damit einhergehend Fäulnis. Und das ausgerechnet 2021, in einem Jahr, in dem man wie selten gerackert hat. Denn durch den vielen Regen und die zugleich warmen Sommertage wuchsen die Rebpflanzen ohne Gleichen und mussten im Zaum gehalten werden.

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Selten gab es ein Jahr, in dem der Winzer so viel Arbeit im Weinberg hatte wie in diesem. Und am Schluss bleibt nichts! Oder zumindest viel weniger als es die viele Arbeit wert war. Ich betone das so, weil es mir in der Seele wehtut, man damit aber auch die Tücken und den enormen zusätzlichen Aufwand der nördlichen Weinbaugebiete erklären kann, wie wir ihn hier in Sachsen haben.

Aufgrund der reduzierten Feuchtigkeit hat man in südeuropäischen Weinbaugebieten viel weniger Verluste und kann die Weine damit auch wesentlich günstiger produzieren. Das nur als Randnotiz für alle, die sich wundern, warum es innerhalb der EU oder der sonstigen Welt eine so starke Preisdifferenz gibt.

Dann kommt auch noch eine verhasste Fliege

Aber zurück zur aktuellen Lage und dem Problem, dass der Winzer die gerade perfekt gereiften Früchte seines Jahreswerkes vor sich hinfaulen sieht. Die Ursachen dafür heißen Trichothecium, Aspergillus, Penicillium – im Volksmund auch Grünschimmel genannt – oder Cladosporium, bekannt als unangenehm riechender Schwarzschimmel in vielen Kellern. All dies findet sich derzeit in den hiesigen Weinbergen. Oft über Nacht sehen die Weinbauern die Hälfte ihrer Ernte dahinfaulen und können nichts tun, außer weinen.

Was dann kommt, wünscht man keinem, wenn sie versuchen, den Rest der Ernte vor dem nicht minder unattraktiven Totalverlust zu retten. Denn dann kommt sie, die so verhasste Essigfliege, setzt sich auf die durch unterschiedliche Schimmelpilze befallenen Träubchen und gibt ihnen den Rest, zum endlichen Verderb.

Die finale Rebstock-Krankheit wird indirekt durch die Essigfliege verursacht, die Weintrauben mit ihren Eiern belegt und dabei mit Essigsäurebakterien infiziert. Das heißt nicht anderes, als dass die Essigfäule in Kombination mit verschiedenen Arten der Traubenfäule auftritt. Die Beeren enthalten zahlreiche Larven, die sich lebhaft bewegen. Reifende Beeren verfärben sich bei Weißweinsorten grünlich bis rötlich, bei Rotweinsorten braun bis violett. Diese enthalten weniger Zucker, aber zu viel Essigsäure und Gluconsäure. Im fortgeschrittenen Stadium ist ein penetranter Geruch nach Essig wahrnehmbar. Im Endstadium sind die Beeren leer und haben eine mumifizierte Haut.

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Solche Trauben müssen ausgesondert werden, da sie im Wein den Weinfehler Essigstich verursachen können. Und das Aussortieren ist eine unbeschreiblich lästige, zeitaufwendige und nervenaufreibende Arbeit: Bei jeder Traube zu entscheiden, welche der ohnehin wenigen Beeren dem letztlichen Wein Geschmack oder seinen Verderb mit auf den Weg geben würden. Für uns „normale“ Weintrinker wäre es, als müssten wir jeden Geldschein, den wir als Monatslohn bekommen, prüfen und entscheiden, ob dieser echt oder gefälscht ist. Umso mehr nennt man dieses Jahr 2021 ein Winzerjahr, bei dem es darum geht, wie akribisch, sorgfältig und genau unser Lieblingswinzer gearbeitet hat. Was für ein Jahr, dieses 2021.

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