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„Ich vermisse Dich, Mama“

Maria wollte nie wie ihre Mutter Ilse leben. Heute, selbst 60 Jahre alt, kann Maria viele ihrer Schwächen nachvollziehen – und bedauert vor allem eines. Eine Erinnerung.

Mutter Ilse, Jahrgang 1935, mit Tochter Maria um 1961, die fast 60 Jahre später ihre Erinnerungen an ihre Mutter aufschreibt.
Mutter Ilse, Jahrgang 1935, mit Tochter Maria um 1961, die fast 60 Jahre später ihre Erinnerungen an ihre Mutter aufschreibt. © Familienalbum

Denke ich an meine Mutter, taucht zuerst dieses Bild in der Erinnerung auf: Sie sitzt auf einem Holzstuhl in der Küche und weint. Ich sehe ihr Gesicht nicht, nur ihre schwarzen, lockigen Haare. Hinter ihr, an das Küchenbüfett gelehnt, steht mein Vater, regungslos. Ich verhalte mich ganz still. Ich weiß, dass mein kleiner Bruder Matthias gestorben ist. Er liegt nebenan im Wohnzimmer in seinem Kindersarg. Matthias sieht aus wie eine Babypuppe. Er ist erst neun Wochen alt.

Mit dieser Trauer im Herzen verbinde ich viele Erinnerungen an meine Mutter. Sie war eine schöne, temperamentvolle Frau. Doch mit Beginn meiner Schulzeit und bis zu meiner Jugendweihe erlebte ich meine Mutter vorwiegend als strenge, oft strafende Frau. Viele Male fühlte ich mich ihr ausgeliefert. Mein Vater war auf Montage und kam lange Zeit nur am Wochenende nach Hause. Ich musste schon früh viel Verantwortung auch für meine jüngeren Geschwister übernehmen. Klappte bei denen etwas nicht, war ich die Schuldige. Ab dem vierzehnten Lebensjahr begehrte ich auf. Ich war frech zu meiner Mutter und warf ihr Dinge an den Kopf, die auch mein Vater oft zu ihr sagte und von denen ich wusste, dass sie sie verletzten. Aber sie hatte auch eine leichte, erfrischende und mitreißende Seite. Sie konnte wunderbar singen und Gitarre spielen. Sie dachte sich Späße aus, von denen sie selbst am meisten entzückt war. Dafür liebte ich sie.

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Die Schwäche meiner Mutter nervte mich

Mein Vater, ein Frauenheld, zeigte keine Treue. Meine Mutter litt Jahre darunter. Mit zunehmendem Alter versuchte ich sie zu trösten. Aber was kann ein Kind schon ausrichten gegen etwas, das es noch nicht einordnen kann. Mein Vater trank auch oft zu viel. Kam er dann nach Hause, war er streitsüchtig und brutal oder handzahm und einsichtig. Man wusste es nicht. In der Erinnerung sehe ich meine Mutter oft am dunklen Fenster stehen und in die Finsternis schauen. Einmal versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Zwischen meinem 16. und 20. Lebensjahr nervte mich die Schwäche meiner Mutter. Ich konnte nicht nachvollziehen, dass sie meinen Vater nicht verließ. Heute tut mir das sehr leid.

Nach meinem Schulabschluss zogen wir mit unserer Familie von Thüringen nach Dresden. Mein Vater bekam eine leitende Stellung, baute uns das zweite Haus, und meine Mutter hoffte erneut, dass nun alles besser würde. Wurde es nicht. Er war noch weniger anwesend. Nach vierundzwanzig Jahren reichte meine Mutter die Scheidung ein. Für diesen mutigen Schritt hatte sie meine volle Bewunderung. Sie war 44 Jahre alt und begann nun ihr eigenes Leben mit meinen Geschwistern. Ich war inzwischen Mutter einer Tochter geworden. Ihr Vater war längst über alle Berge. Weder meine Mutter noch mein Vater ergossen sich in Moralpredigten. Dafür bin ich beiden dankbar.

Der Kontakt zu meiner Mutter war nun nicht mehr von Tuchfühlung geprägt, und mit dem Abstand entwickelten wir ein Freundinnenverhältnis.

Ich suchte lange nach meiner Sicherheit als Frau

Kurz vor der Wende zog meine Mutter nach Baden-Baden. Sie bekam Arbeit in einem Hotel. Von diesem Zeitpunkt an wurde der Kontakt unregelmäßiger. Ich heiratete, studierte und war mit dem eigenen Nestbau beschäftigt. So sahen wir uns einmal, manchmal zweimal im Jahr. Ich denke heute, dass meine Mama nie so richtig ankam im Süden. Sie lebte allein, obwohl sich einige Männer nach wie vor von ihr angezogen fühlten. Eine wirklich feste Beziehung hatte sie nie mehr. Die hätte ich ihr so sehr gewünscht. Es war kein Mann dabei, der ihr die ersehnte Leichtigkeit und den Frohsinn ins Leben gebracht hätte. In den letzten Lebensjahren war meine Mutter sehr einsam. Ihr Herz wurde schwächer und kränker.

Zu uns zurückziehen wollte sie auch nicht mehr. Wir haben telefoniert, und das viel zu selten. Ich mochte diese Gespräche über ihre fragile Gesundheit nicht. Sie belasteten mich.

Meine Mutter starb an einem blauen Tag im Mai. Ich ahnte es. Noch kurz vor meinem letzten Besuch rief ich sie im Krankenhaus an. In diesem Telefonat sagte ich ihr, wofür ich dankbar bin. Heute bedauere ich, nicht öfter mit ihr gesprochen zu haben. Jetzt, wo sie nicht mehr da ist, möchte ich gern stundenlang mit ihr sprechen, auch über ihre Krankheiten.

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Das Verhältnis zu meiner Mutter beschäftigte mich viele Jahre. So wie sie wollte ich nicht leben, und ich suchte lange nach meiner Sicherheit als Frau. Heute kann ich vieles in ihrem Verhalten nachvollziehen. Die Abhängigkeiten waren zu groß und die Räume zu eng für ein selbstbewusstes und unabhängiges Frauenleben. Und doch hat sie das Beste daraus gemacht. Manchmal beobachte ich an mir Vorgehensweisen, die denen meiner Mutter gleichen. Dann lächle oder weine ich in mich hinein, und ich spreche mit ihr. Ich vermisse dich, Mama.

Gekürzter Auszug aus dem Buch „Geschichten vom Gehen und Wiederkommen“.

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