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Herr Ärztepräsident, würden Sie Sterbehilfe leisten?

Ärzte in Sachsen dürfen jetzt Sterbehilfe leisten. Wie denkt der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck, darüber? Ein Interview.

Ärzte in Sachsen dürfen jetzt Sterbehilfe leisten.
Ärzte in Sachsen dürfen jetzt Sterbehilfe leisten. © dpa

Es gibt Situationen im Leben, in denen manche Menschen keinen anderen Ausweg sehen als den Selbstmord. Wer sie dabei unterstützte, machte sich in Deutschland strafbar – bis zum Februar 2020. Da erklärte das Bundesverfassungsgericht das Verbot einer „geschäftsmäßigen Beihilfe“ für nichtig. Nun hat die Sächsische Landesärztekammer das Verbot auch aus ihrer Berufsordnung gestrichen. Was das für die Praxis bedeutet, erklärt der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck, im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung.

Herr Bodendieck, wie oft sagen Ihnen Patienten, dass sie nicht mehr weiterleben möchten?

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Das kommt nur sehr selten vor.

Was antworten Sie diesen Menschen?

Ich möchte erst einmal den Grund für diesen Wunsch erfahren. Beispielsweise gibt es Menschen im hohen Alter, die noch bei klarem Verstand sind und ihr körperliches Siechtum nicht mehr ertragen – oder umgekehrt. Oder der Partner ist verstorben, mit dem man sein ganzes Leben geteilt hat. Wenn ich den Grund kenne, kann ich gemeinsam mit dem Patienten nach einem Ausweg suchen. Es gibt viele Möglichkeiten, etwas gegen ein Leiden oder gegen die Vereinsamung zu tun.

Wurden Sie auch schon mal um Unterstützung bei einer Selbsttötung gebeten?

Ich bin Palliativmediziner, habe also öfter als andere Ärzte mit Menschen zu tun, die unter einer unheilbaren Krankheit leiden. Mit diesen Patienten bespreche ich die Behandlung sehr gründlich. Nur eine ganz kleine Gruppe lehnt jede lebenserhaltende Maßnahme ab. Ich habe es aber noch nie erlebt, dass jemand seinem Leben früher als nötig ein Ende bereiten wollte.

Gibt es einen Beweggrund, den Sie als Selbstmordmotiv nachvollziehen können?

Ich habe mir darüber schon viele Gedanken gemacht und versucht, mich in so eine Situation hineinzuversetzen: Was würde ich beispielsweise tun, wenn eines meiner Kinder bei einem Unfall oder an einer schweren Krankheit verstirbt? In meinen Augen gibt es aber keinen Grund, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Da gibt es noch die Enkelkinder, die Freunde oder den Wunsch, etwas von dem weiterzugeben, was ich erlebt habe.

Erik Bodendieck (54) führt die Sächsische Landesärztekammer als Präsident. Er ist Hausarzt, Palliativ- und Suchtmediziner.
Erik Bodendieck (54) führt die Sächsische Landesärztekammer als Präsident. Er ist Hausarzt, Palliativ- und Suchtmediziner. © Robert Michael

Bisher war es Ärzten untersagt, Hilfe zur Selbsttötung zu leisten. Nun hat die Sächsische Landesärztekammer diesen Satz aus der Berufsordnung gestrichen. Warum?

Ausgangspunkt war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im vergangenen Jahr, mit dem das Verbot der geschäftsmäßigen Suizid- und Sterbehilfe aufgehoben wurde. Wir haben die Auswirkungen in der Bundesärztekammer und in den Gremien der Sächsischen Landesärztekammer ausführlich diskutiert. Der diesjährige Deutsche Ärztetag hat daraufhin die Musterberufsordnung geändert. Wir haben das jetzt so auch in die ärztliche Berufsordnung der Sächsischen Landesärztekammer übernommen.

Was bedeutet das konkret?

Einerseits spricht die neue Regelung für den Respekt vor der Entscheidung des einzelnen freiverantwortlich handelnden Menschen, sein Leben beenden zu wollen. Andererseits macht sie aber auch klar, dass eine Beihilfe zum Suizid nicht zu den ärztlichen Aufgaben gehört oder gar eine Berufspflicht ist. Ärztliche Aufgabe ist und bleibt es, Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen, Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand zu leisten.

Macht die neue Regelung Ihre Arbeit leichter? Oder eher schwerer, weil Sie vielleicht häufiger mit einem Suizidwunsch konfrontiert werden?

Nach dem Urteil gab es tatsächlich mehr Anfragen nach dem Motto: „Ihr dürft doch jetzt ...“. Das hat sich inzwischen wieder gegeben. Aber ja, auf uns Ärzte könnte mehr Gesprächsaufwand zukommen.

Würden Sie einem Menschen diesen letzten Wunsch versagen?

Ich kann mir derzeit keinen Grund vorstellen, der die Hilfe bei einem Suizid für mich rechtfertigen könnte. Für mich bleibt das Leben das höchste Gut.

Wenn Sie es nicht tun, fragt der Patient den nächsten Arzt.

Das Bundesverfassungsgericht hat betont, dass niemand verpflichtet werden kann, Suizidhilfe zu leisten. Es ist damit den Ärztinnen und Ärzten überlassen, aufgrund individueller Gewissensentscheidungen insbesondere schwer kranke Patienten bei einem Suizid zu unterstützen. Es gibt Ärzte, die das in jedem Fall von vornherein ablehnen. Dazu gehöre ich nicht. Ich zähle mich zu den Menschen, die niemals Nie sagen. Schwierig fände ich es, wenn es eine Gruppe von Ärzten gäbe, die mit dem assistierten Suizid kein Problem hat und sich quasi darauf spezialisiert.

Ist das aber nicht immer noch besser, als wenn Menschen Hilfe bei einer Sterbehilfeorganisation suchen?

Für diese Organisationen ist der Tod ein Geschäft. Für Ärzte, ich sage es noch einmal, steht das Leben an höchster Stelle. Das Problem ist, dass das Sterben – ganz im Gegensatz zur Geburt – stark tabuisiert ist. Ein Lebensmüder passt nicht in unsere Hochleistungsgesellschaft hinein. Wir müssen uns mehr mit diesem Thema beschäftigen, und mit wir meine ich auch uns Ärzte. Junge Kollegen müssen frühzeitig an solche ethischen Fragen herangeführt werden. Vor allem wir Hausärzte sind nicht nur Mediziner, sondern beraten unsere Patienten in vielen Lebenssituationen und haben, vor allem hier im Osten, auch Funktionen der Kirche übernommen.

Wie würde ein ärztlich begleiteter Suizid ganz praktisch ablaufen?

Der Arzt stellt ein Rezept aus, der Patient oder ein Pfleger wird das Medikament abholen. Alles andere liegt in den Händen des Patienten.

Was ist bei einer Palliativtherapie anders?

Diese Patienten erhalten schmerzlindernde Medikamente oder eine palliative Sedierung, die das Leben verkürzen kann, aber nicht das Ziel hat, Leben zu beenden.

Manchmal bleibt es beim Selbstmordversuch, und die Betroffenen können gerettet werden. Wie gehen Ärzte damit künftig um?

Prinzipiell nicht anders als bisher. Ärzte müssen versuchen, den Betroffenen zu retten. Nur dann, wenn zweifelsfrei feststeht, dass dies dem Willen des Suizidenten nicht entspricht, darf auch der Arzt keine Wiederbelebungsversuche unternehmen. Das kann eine Patientenverfügung, die auf den konkreten Sachverhalt der Unterlassung lebenserhaltender Maßnahmen nach Suizid anwendbar ist, oder – im Falle noch bestehender Einwilligungsfähigkeit – eine ausdrückliche Ablehnung ärztlicher Maßnahmen sein.

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Dass der ärztlich begleitete Suizid nicht zur ärztlichen Aufgabe wird. Ärzte müssen frei entscheiden können, und das soll so bleiben.

Das Gespräch führte Steffen Klameth.

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