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Niesky

Glockenkenner auf Napoleons Spuren

Der Nieskyer Michael Gürlach schreibt Bücher. Unter anderem über den Kaiser von Frankreich in der Region Görlitz.

Michael Gürlach hat ein Buch über Napoleon geschrieben. Der gebürtige Görlitzer wohnt seit sechs Jahren in Niesky. © Nikolai Schmidt

Bis aus Paris bekam Michael Gürlach Anfragen, ob denn sein Napoleon-Buch noch zu haben sei. Vor einigen Jahren hatte er seine erste Version über die Aufenthalte des französischen Kaisers in Görlitz und Umgebung geschrieben. Jetzt hat er diese Fassung überarbeitet, ergänzt, mit einigen neuen Fotos versehen und vom Görlitzer Verlag Gunter Oettel neu verlegen lassen.

Einiges sei natürlich allgemein bekannt über Napoleon in der Oberlausitz, sagt Gürlach. Etwa, dass er im Barockhaus auf dem Görlitzer Obermarkt 29 logierte, von dessen Balkon die Truppenparaden abnahm und bei der Schlacht zwischen Reichenbach und Markersdorf gegen russische Truppen seinen Oberhofmarschall und engen Freund General Duroc verlor. Aber Michael Gürlach hat noch vieles mehr zusammengetragen, was Napoleon mit Görlitz und Umgebung verbindet.

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Viele Jahre lang war Gürlach Glockensachverständiger des katholischen Bistums Görlitz. Auch heute noch, im Ruhestand, den er in Niesky verbringt, um näher bei seinen Kindern und Enkel zu sein, berät er kirchliche Gremien zu Glockengeläuten und gibt Wertgutachten für meist kirchliche Immobilien ab. Auch aus Mecklenburg, Westsachsen und Polen wird er angefragt. Nebenher hat er in den vergangenen Jahren einige Bücher veröffentlicht. „Damit halte ich mich geistig fit“, sagt der 70-Jährige. Über Glocken in Görlitz, Glocken an der Via Regia schrieb er, über Görlitz als Filmdrehort und eben über Napoleon. Dafür las er Bücher über dessen Leben und Feldzüge, schaute in historischen Quellen wie Chroniken, Heimatblättern und frühen Lexika nach und fand viel beim Görlitzer Ratsarchivar Richard Jecht, der bereits 1913 ein Buch über „Görlitz in der Franzosenzeit 1806–1815“ veröffentlicht hatte.

Die Region rund um Görlitz habe in dieser Zeit der napoleonischen Eroberungskriege sehr gelitten, sagt Gürlach. Die damals 8 500-Einwohner-Stadt musste immer wieder durchziehende Truppen, Zehntausende Soldaten, mitversorgen, ihnen Quartier geben und ertragen, dass sie ansteckende Krankheiten wie Typhus, Ruhr und Scharlach mitbrachten. Der Arzt Christian August Struve etwa, nach dem auch eine Straße benannt ist, starb 1807 an Typhus. Besonders nach Napoleons gescheitertem Russlandfeldzug hatte die Bevölkerung viel zu leiden, als Görlitz monatelang von Soldaten besetzt war, Verwundete in zahlreichen Lazaretten versorgt werden mussten und Leichtverletzte in den Wohnungen der Bürger einquartiert wurden.

An die vielen, die an Krankheiten oder Erfrierungen starben und auf der Viehweide südlich der mittelalterlichen Stadtmauer ohne Sarg fern ihrer Heimat beigesetzt wurden, erinnert bis heute an dieser Stelle im Görlitzer Stadtpark ein Granitstein mit der eingemeißelten Jahreszahl 1813. In Görlitz starben noch bis 1814 Einwohner an den eingeschleppten Krankheiten. Die umliegenden Ortschaften dies- und jenseits der Neiße, ob Königshain, Markersdorf oder Leopoldshain (Lagow), litten vor allem unter Vandalismus und Plünderungen der Soldaten, die sogar Kirchen nicht verschonten und Menschen, die nicht fliehen wollten oder konnten, massiv unter Druck setzten, misshandelten, töteten.

Zahlreiche überlieferte Anekdoten teilt Gürlach mit: dass Napoleon bei seinem ersten Aufenthalt in Görlitz die Familie Oettel am Untermarkt 2 besuchte und dort möglicherweise dem damals neunjährigen späteren Begründer der Rassegeflügelzucht Robert Oettel begegnete, einem Vorfahren des linken Politikers Gregor Gysi. Wie Napoleon nach seiner Niederlage in Russland seinen Truppen voraus nach Paris eilte und die Pferde an der Görlitzer Post Ecke Obermarkt/Steinstraße umspannen ließ, ohne erkannt werden zu wollen. Wie er um seinen engsten Vertrauten Oberhofmarschall Duroc so sehr trauerte, wie man es diesem Kriegstreiber nie zugetraut hätte. Oder wie über Generationen das Gerücht weitergegeben wurde, dass der Kaiser im Hanspach’schen Gut in Markersdorf, wo Duroc starb, „etwas Kleines“ hinterlassen habe.

Anders ließ sich nicht erklären, dass Napoleon dem Bauern einige Monate später 4 000 Taler vermachte. Was nicht im Buch steht: Michael Gürlach versuchte, dem möglichen Markersdorfer Nachfahren Napoleons nachzuspüren. Evelin Mühle, die Leiterin des Städtischen Friedhofs Görlitz, fand für ihn heraus, dass 1853 ein Mann begraben wurde, unter dessen sieben Vornamen sich „Napoleon“ und „Bonaparte“ fanden. Und ein Kind so zu nennen, sei damals nur mit gutem Grund erlaubt gewesen.

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