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Lukas Rietzschel: Wie schwer es ist, Ost-Erklärer zu sein

Mit seinem zweiten Roman gilt der in Görlitz lebende Schriftsteller mehr denn je als Stimme aus dem Osten. Manche zählen ihn zu den 50 wichtigsten Ostdeutschen.

Der Schriftsteller Lukas Rietzschel fühlt sich in Görlitz, wo er seit sechs Jahren wohnt, heimisch.
Der Schriftsteller Lukas Rietzschel fühlt sich in Görlitz, wo er seit sechs Jahren wohnt, heimisch. © MDR/Hoferichter & Jacobs

Das erste Buch von Lukas Rietzschel "Mit der Faust in die Welt" schlagen wurde 2018 sofort zu einem Erfolg. Sein Roman schaffte es auf die Spiegel-Bestsellerliste, wochenlang war er Thema in den Medien.

Doch der damals 24-jährige Schriftsteller war sich zu der Zeit unsicher, ob der Applaus wirklich seinem Talent und seinen literarischen Fähigkeiten galt oder ob sein Buch nur zufällig im richtigen Moment erschienen war. Die Ausschreitungen in Chemnitz als Reaktion auf die Flüchtlingskrise lagen bei Erscheinen des Romans erst wenige Tage zurück. Und diese junge Stimme aus dem Osten, die den Hang zum Rechtsradikalismus in Sachsen zu erklären schien, kam wie gerufen.

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Rückmeldung der Leser ist größter Erfolg

Ende Juli wurde Rietzschels neues Buch "Raumfahrer" zum ersten Mal vorgestellt: In Görlitz mit einer Lesung in dem soziokulturellen Zentrum "Werk 1".
Ende Juli wurde Rietzschels neues Buch "Raumfahrer" zum ersten Mal vorgestellt: In Görlitz mit einer Lesung in dem soziokulturellen Zentrum "Werk 1". © André Schulze

Rietzschels neues Buch "Raumfahrer" gelangte nicht per Medienhype unter die 20 meistgekauften Bücher, nur für kurze Zeit war es unter den ersten 50. Doch der heute 27-Jährige, der seit sechs Jahren in Görlitz lebt, ist keineswegs enttäuscht darüber.

"Es kommt ja darauf an, was man unter Erfolg versteht", sagt er. "Verkaufszahlen, gute Kritiken oder die Resonanz der Leser?" Ihm seien die Rückmeldungen der Leser am wichtigsten. Und die seien zahlreich. Überwiegend positiv, einige aber auch kritisch, genau wie die Rezensionen in den großen Zeitungen. Ihm bedeute es etwas, sagt Lukas Rietzschel, dass er offenbar über Themen schreibe, die Menschen bewegen.

"Wenn sich ein Buch gut verkauft, ist das natürlich auch schön", sagt er. Aber wenn man vom Schreiben lebe, seien Lesungen und Einladungen zu Podiumsdiskussionen oder Talkshows ohnehin wichtiger für den Verdienst als die Buchverkäufe. Was diese Veranstaltungen angeht, ist Lukas Rietzschel für die kommenden Monate genauso ausgebucht, wie er es nach Erscheinen seines Debütromans war.

Ein Moment nach dem ersten großen Bucherfolg: Lukas Rietzschel vor dem Görlitzer Kondensatorenwerk, in dessen Industriebrache bis 2026 das neue deutsch-polnische Forschungsinstitut Casus einziehen wird.
Ein Moment nach dem ersten großen Bucherfolg: Lukas Rietzschel vor dem Görlitzer Kondensatorenwerk, in dessen Industriebrache bis 2026 das neue deutsch-polnische Forschungsinstitut Casus einziehen wird. © kairospress

In DDR-Geschichte eingetaucht

Hatte er darin beschrieben, wie sich junge Menschen in Ostsachsen radikalisieren und den Frust der Elterngeneration wie den eigenen über die Perspektivlosigkeit nach der Jahrtausendwende mit Hass auf Fremde mischen, geht es ihm diesmal um die Vergangenheit seit 1945. Und darum, wie sie über 1990 hinweg bis heute viele ostdeutsche Biografien prägt – mit all den Enttäuschungen, den Selbstzweifeln und dem Stolz im Herzen.

Dass Lukas Rietzschel inzwischen um einige Geschichten und Erfahrungen reicher ist als 2018 und sein Talent weiter entfalten konnte, wird schon auf den ersten Seiten deutlich, die spannend sind und Lust aufs Weiterlesen machen. "Ich hatte diesmal aber auch eine gute Begleitung durch meine Lektorin", sagt Rietzschel. Seit das Manuskript des ersten Romans bereits fertig gewesen war, als er es an Verlage schickte, habe er den zweiten Text schon in einem frühen Stadium für den Verlag dtv geöffnet und sich beraten lassen.

Der Schriftsteller Lukas Rietzschel im Park des Friedens in Görlitz.
Der Schriftsteller Lukas Rietzschel im Park des Friedens in Görlitz. © Martin Schneider

Einer der 50 wichtigsten Ostdeutschen

Doch in beiden Büchern nimmt er eine Perspektive ein, die nicht so häufig ist und ihm das Image des "Ost-Verstehers" und "Ost-Erklärers" eingebracht hat. Auch seine besondere Empathie für eine ostdeutsche Männlichkeit wird ihm nachgesagt. Die Super-Illu hat ihn gar in ihre Liste der "50 wichtigsten Ostdeutschen" aufgenommen, in der sich auch Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer als zweiter Görlitzer befindet.

Als Ost-Erklärer möchte sich Lukas Rietzschel aber nicht prinzipiell verstanden wissen, dazu ist er bescheiden genug. "Es gibt zahlreiche DDR-Biografien, so völlig unterschiedliche Erfahrungen", sagt er. "Es gibt nicht 'die DDR-Geschichte', die man erklären kann. Meine Sicht ist nur ein Puzzlestück darin, das keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt."

Lukas Rietzschel in der Diskussion mit dem Görlitzer Soziologen Raj Kollmorgen.
Lukas Rietzschel in der Diskussion mit dem Görlitzer Soziologen Raj Kollmorgen. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Zwei Jahre Recherche in Archiven und Stasiunterlagen

Nach wie vor gibt es Stimmen, die behaupten, er sei zu jung und könne gar nicht über "den Osten" schreiben. "Aber viele Autoren schreiben über Dinge, die sie nicht selbst erlebt haben", sagt Rietzschel. "Außerdem ist mein Buch kein Erfahrungsbericht, sondern es steckt viel Recherchearbeit darin." Dass sich das gelohnt hat, erkennt er daran, dass viele Leser sagen, sie fänden in seinen Romanen ihre eigene Wahrnehmung der Welt beschrieben.

Zwei Jahre lang hat er an seiner Geschichte gearbeitet, in der es auch um die Familie des Malers Georg Baselitz geht, hat in Archiven recherchiert und in Stasiunterlagen geforscht. Angesiedelt ist die Handlung wieder in Kamenz, wo Lukas Rietzschel aufgewachsen ist und wo auch der als Hans-Georg Kern geborene Georg Baselitz herstammt.

Dass Rietzschel unter die "50 wichtigsten Ostdeutschen" geraten ist, bringt den Schriftsteller eher zum Lächeln. "Es ist ja ganz schön, aber ich habe keine Ahnung, wie diese Liste entstanden ist", sagt er, "und ich hätte auch nicht gedacht, dass die Super-Illu überhaupt ein kulturell interessiertes Publikum anspricht."

"Meine Romanfiguren würden nicht SPD wählen"

Lukas Rietzschel mit der grünen Landespolitikerin Franziska Schubert beim zweiten Ostritzer Friedensfest.
Lukas Rietzschel mit der grünen Landespolitikerin Franziska Schubert beim zweiten Ostritzer Friedensfest. © www.foto-sampedro.de

Was ihn hingegen freut, ist das Wahlergebnis vom vorletzten Sonntag, genauer: der große Zuspruch, den die SPD diesmal erfahren hat. Lukas Rietzschel ist 2017 in diese Partei eingetreten, ohne sich jedoch stärker politisch darin zu engagieren. "Es war mir wichtig, den sozialen Gedanken zu unterstützten, aber auch eine Partei zu stärken, die als Verliererin galt." Dieses letztere Argument fehle jetzt zwar. "Deshalb muss ich den Erfolg der SPD erst einmal verarbeiten." Grundsätzlich sei er eher ein Kritiker aller etablierten Parteien.

Die starke Anhängerschaft der AfD im Landkreis habe ihn nicht überrascht, sagt er, das sei nicht neu. "Dass die CDU so an Wählern eingebüßt hat, hingegen schon. Vermutlich hat Angela Merkel noch lange die CDU als Identifikationsfigur im Osten zusammengehalten." Wie viele andere empfindet er Ministerpräsident Michael Kretschmers Äußerung, aus diesem Wahlergebnis könne die CDU keinen Regierungsauftrag ableiten, als mutig. "Er war wirklich der einzige, der so offen gesprochen hat, und liegt damit völlig richtig."

SPD-Mitglied oder nicht – mit seiner Arbeit als Schriftsteller habe seine private politische Einstellung nichts zu tun, sagt Lukas Rietzschel. "Die Figuren in meinen Büchern sind eher Menschen, die nicht gerade die SPD wählen würden."

In Los Angeles neue Kraft schöpfen

Auf die Arbeit an einem dritten Buch kann er sich im Moment noch nicht konzentrieren. Zwischen Lesungen und Diskussionen im ganzen Land sei im Moment wenig Platz für kreatives Arbeiten, sagt der Schriftsteller. Dazu werde er voraussichtlich erst Anfang 2022 kommen, wenn er dank eines Stipendiums drei Monate in Los Angeles verbringen darf. "Ich freue mich vor allem darauf, mal durchatmen zu können, die Sonne zu genießen, neue Kraft zu schöpfen und meine Bekannten aus San Francisco wiederzutreffen." 2017 hatte Lukas Rietzschel dort fünf Monate lang als Praktikant beim Goethe-Institut gearbeitet.

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Sein Wohnsitz soll aber Görlitz bleiben, wohin er 2015 von Kassel aus für sein Masterstudium Kulturmanagement gezogen war. Seine Begeisterung für die Stadt an der Neiße ist seitdem ungebrochen. "Ich will nirgendwo anders mehr hin", sagt Lukas Rietzschel. "Ich bin in Görlitz sehr glücklich."

Am 21. November ist Lukas Rietzschel um 19 Uhr im Görlitzer Theater zu Gast und liest aus seinem Roman "Raumfahrer".

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