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Kreis Görlitz: Warum sterben so viele an Corona?

Seit Beginn der Pandemie sind im Kreis über 800 Menschen gestorben. Die Sterberate liegt höher als in den USA. Die Gründe für ein Drama.

Ob im Ordinariat oder zu Hause: Bischof Wolfgang Ipolt zündet jeden Freitagabend eine Kerze für die Toten an.
Ob im Ordinariat oder zu Hause: Bischof Wolfgang Ipolt zündet jeden Freitagabend eine Kerze für die Toten an. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Heute Abend wird der katholische Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt, wieder eine Kerze anzünden und ins Fenster stellen. So wie vorigen Freitag und an dem davor, entweder bei sich daheim oder, wenn er abends noch arbeitet, im Ordinariat in Görlitz. So will er es auch in der kommenden Zeit halten. Das Licht im Fenster soll erinnern an die Menschen, die den Kampf gegen Corona verloren haben. "Bei aller Vorsicht für uns und Rücksicht aufeinander dürfen wir die Toten nicht vergessen", sagt Bischof Ipolt, der selbst an Covid-19 erkrankt war.

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier hatte zu diesem Gedenken, dem "Lichtfenster", aufgerufen. Ein Aufruf, dem auch der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu folgte. Um an die Toten in der Corona-Pandemie zu erinnern, aber auch, um an diejenigen zu denken, "die in diesen Wochen um ihr Leben kämpfen oder als Angehörige bangen und trauern", so Octavian Ursu.

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Todeszahl ist über 800 gestiegen

Dafür gibt es mittlerweile reichlich Gelegenheit im Landkreis. Am Donnerstag ist im Kreis Görlitz die Zahl der Menschen, die seit Pandemiebeginn im Zusammenhang mit Corona gestorben sind, auf über 800 gestiegen. Wie viele das im Verhältnis zur Einwohnerschaft sind, zeigt der Ländervergleich. Laut den Daten der John-Hopkins-University starben in den USA rund 137 Menschen pro 100.000 Einwohner. Am höchsten ist der Wert in Europa in Belgien mit 185, in Großbritannien 163, in Deutschland 71. Im Kreis Görlitz sind es 316 pro 100.000 Einwohner. Mehr als zweimal so viel wie in den Vereinigten Staaten, die hier für ihren Umgang mit der Corona-Pandemie heftig kritisiert werden.

Doch sind das alles Corona-Tote? In den sozialen Netzwerken wird häufig der Verdacht geäußert, dass jetzt jeder Todesfall unter die Corona-Statistik falle. Wegen fehlender Autopsien aber könne niemand genau sagen, ob jemand an oder mit Corona gestorben ist. Eine Frage, die auch das Städtische Klinikum aus Kommentaren von ihrer Facebookseite kennt. "Jeder Patient, der an oder mit Corona verstirbt, ist zu viel", sagt Sprecherin Katja Pietsch. "Auch für die Angehörigen spielt es keine Rolle, denn der Verlust ist groß." Mit oder an Corona, diese Entscheidung, erklärt Julia Bjar vom Landratsamt, kann nur der Arzt treffen, der die Leichenschau durchführt. "Das heißt konkret, es muss einen Zusammenhang zwischen der Infektion und der Todesursache geben", erklärt sie.

Im Krematorium ist noch immer viel zu tun

Ob Corona für eine Übersterblichkeit sorgt, wird viel diskutiert. Die reinen Zahlen deuten darauf hin: In der Stadt Görlitz starben voriges Jahr 1.000 Menschen, im Jahr zuvor waren es 893 Menschen. Für Evelin Mühle und ihre Mitarbeiter des Städtischen Friedhofes war vor allem der Dezember nur schwer zu bewältigen. "Um Weihnachten herum war es ganz schlimm. Das hat uns sehr belastet." 332 Einäscherungen gab es im Krematorium. Rund 130 waren es in den Vorjahren.

Im Görlitzer Krematorium werden nicht nur Tote aus Görlitz eingeäschert, es arbeitet auch mit Bestattungsunternehmen im Umkreis, gerade im Kreisnorden zusammen. Das war aber immer schon so, erklärt Evelin Mühle, "zu uns kommen dieselben Bestatter wie vor der Corona-Krise." Aktuell sei die Lage etwas besser, ein paar Tage Normalschicht möglich. Insgesamt waren aber auch im Januar die Zahlen höher als üblich. 295 Einäscherungen waren es diesen Januar, in den Vorjahren zwischen 180 und 190.

Ganz ähnlich ist die Situation auch im Raum Zittau, und auch in Sachsen, wo im Dezember so viele Menschen wie lange nicht mehr starben.

Unsicherheiten, ob das allein an Corona-Erkrankungen liegt, gibt es deshalb, weil laut Experten nicht auszuschließen ist, dass Menschen aus Angst oder wegen Unsicherheiten auch bei schweren Erkrankungen nicht zum Arzt gegangen sind oder verschobene OPs eine Rolle spielen könnten. Evelin Mühle könnte sich auch vorstellen, dass wegen Einsamkeit manchen Älteren Kraft und Lebensmut ausgegangen ist.

Insgesamt vermutet aber auch sie, dass Corona bei den erhöhten Sterbezahlen die Hauptrolle einnimmt. "Am Anfang haben wir noch Strichlisten geführt, wenn am Sarg oder auf der Sargkarte der Covid-Hinweis stand". Irgendwann hörten sie auf damit.

Das sächsische Sozialministerium geht davon aus, dass die Übersterblichkeit hauptsächlich durch Corona begründet sei. Es gebe dabei große Unschärfen. Ein Beispiel aus dem Sozialministerium deutet aber nicht darauf hin, dass "zu viele" Tote in der Corona-Statistik geführt werden: Wenn eine Person etwa an einem Schlaganfall oder einer Nieren- oder Herzinsuffizienz stirbt, dies aber möglicherweise durch eine Corona-Erkrankung ausgelöst wurde, werde Covid-19 nicht als unmittelbare Todesursache angegeben.

Maßnahmen zu zögerlich?

Im Kreis Görlitz sind zum Ende des Jahres etwa ein Drittel bis manchmal fast die Hälfte der Verstorbenen in Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion verstorben, teilt der Kreis mit. Warum gerade hier die Sterbezahlen so hoch sind? Ein Hauptgrund dürften die hohen Infektionszahlen sein. Nicht die Gefährlichkeit des Virus an sich mache so zu schaffen, hatte der Görlitzer Epidemiologe Roger Hillert kürzlich erklärt. Die Letalität sei etwa im Vergleich zur Grippe etwas, aber nicht sehr erhöht: "Der entscheidende Unterschied ist diese hohe Ansteckungsfähigkeit von Corona." Das mache das Ganze so kritisch. Und gerade Ende vorigen Jahres zählte der Kreis Görlitz zu den Hotspots bundesweit, am 16. Dezember erreichte er eine 7-Tage-Inzidenz von über 700 Fällen.

Im Oktober waren die Infektionszahlen sprunghaft angestiegen. Lag die Sieben-Tage-Inzidenz am 13. Oktober noch bei 33, überstieg sie am 18. die 50er-Marke, am 1. November die 200er-Marke. Im Kreis Görlitz wurden Ende Oktober die Maßnahmen verschärft. Landesweite, weiterreichende Maßnahmen - der zweite Lockdown- kamen erst Anfang Dezember.

Viele alte Menschen leben im Kreis

Für mehr Erkenntnisse zu den Ursachen der Covid-Mortalität haben Wissenschaftler aus mehreren deutschen Kliniken Abrechnungsdaten der AOK ausgewertet. Laut ihrer Studie, die im Spätsommer erschien, spielen mehrere Faktoren eine Rolle, etwa die Schwere der Erkrankung. Besonders hoch sei die Sterblichkeit bei schwer erkrankten Corona-Patienten, die beatmet werden mussten. Aus verschiedenen medizinischen Gründen - scheint letztlich aber auch das Alter ein wichtiger Faktor zu sein.

Knapp zehn Prozent der Menschen im Kreis sind über 80 Jahre alt, das sind 25.000 Menschen. Rund 4,3 Prozent sind über 85. "Der Landkreis Görlitz hat einen hohen Anteil älterer und alter Bevölkerung", so Julia Bjar, "der sich auch auf die hohe Sterblichkeit auswirkt". Der Altersdurchschnitt der in Zusammenhang mit Corona verstorbenen Menschen liege bei 82 Jahren, bei den Frauen bei 85, bei den Männern bei 80 Jahren. Der älteste Verstorbene wurde 105 Jahre alt - der jüngste allerdings nur 25. Insgesamt waren etwa 60 Prozent der im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion Verstorbenen über 80 Jahre alt.

Viele Pflegeheime betroffen

Auch die Dichte an Pflegeheimen ist im Kreis entsprechend hoch. Von den 25.000 Einwohnern über 80 Jahre im Kreis Görlitz leben 3.700 in Altenheimen. Die Heime waren auch zuletzt stark betroffen: Bundesweit waren dem RKI vor knapp zwei Wochen rund 900 Ausbrüche in Pflegeeinrichtungen bekannt. Davon blieb auch der Kreis nicht verschont. 30 von rund hundert Bewohnern seien verstorben, teilte ein Görlitzer Pflegeheim kürzlich in einer Video-Konferenz mit Ministerpräsident Michael Kretschmer mit.

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