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Corona: Warum kann man sich trotz Impfung anstecken?

Nichts bewegt die Menschen im Landkreis Görlitz derzeit wie die Impfungen gegen das Coronavirus. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengestellt.

Das Bild vom Wartebereich im Impfzentrum Löbau kennen immer mehr Menschen mittlerweile in der Realität. Viele andere müssen nach wie vor ausharren - bis es mit einem Termin klappt.
Das Bild vom Wartebereich im Impfzentrum Löbau kennen immer mehr Menschen mittlerweile in der Realität. Viele andere müssen nach wie vor ausharren - bis es mit einem Termin klappt. © Matthias Weber/photoweber.de Mat

Ob in den sozialen Netzwerken, beim Impfzentrum in Löbau, in Arztpraxen kreisweit oder mitunter auch in der SZ-Redaktion Görlitz: Zum Impfen gibt es viele Fragen - denn immer mehr Menschen können sich impfen lassen. So hebt Sachsen die Priorisierung in den Arztpraxen ab Pfingstmontag ganz auf. Das Problem: Nach wie vor ist Impfstoff knapp, aktuell besonders der von Biontech. Die Fragenflut macht das nicht kleiner.

Wie viele Menschen im Kreis Görlitz wurden bislang geimpft?

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Insgesamt wurden durch die mobilen Teams und im Impfzentrum Löbau mit Stand vom Mittwoch fast 94.000 Impfungen vergeben. Dabei handelt es sich um über 59.300 Erstimpfungen, knapp 35.000 Personen haben die Zweitimpfung erhalten. Nicht eingerechnet sind die Impfungen, die Haus- und andere Ärzte im Kreis Görlitz vergeben haben. Damit haben knapp 24 Prozent der Einwohner des Kreises eine Erstimpfung erhalten, knapp 14 Prozent sind vollständig geimpft. Allerdings soll die Impfquote bei den über 80-Jährigen im Kreis mit 65 Prozent nicht gut sein. Ungefähr 1.500 Impfungen werden täglich im Impfzentrum Löbau vorgenommen.

Die Stühle in der Messehalle Löbau, jetzt das Impfzentrum des Landkreises Görlitz, werden doch noch nicht zusammengestellt, mindestens einen Monat Verlängerung, bis Ende Juli, gibt es.
Die Stühle in der Messehalle Löbau, jetzt das Impfzentrum des Landkreises Görlitz, werden doch noch nicht zusammengestellt, mindestens einen Monat Verlängerung, bis Ende Juli, gibt es. © Matthias Weber/photoweber.de

Kehrt Astra-Zeneca ins Impfzentrum Löbau zurück?

Geplant war, die Impfzentren in Sachsen Ende Juni zu schließen. Deshalb wurde Astra-Zeneca nicht mehr verimpft, da die Zweitimpfung zwölf Wochen später nicht mehr hätte durchgeführt werden können. Nun sollen die Impfzentren bis Ende Juli bestehen. Er habe es so verstanden, dass auch der 31. Juli nicht als festes Schlussdatum steht, sagt der Görlitzer Impfarzt Hans-Christian Gottschalk, "sondern, dass man die Zentren offenlassen will, je nachdem, wie der weitere Verlauf ist", erklärt er. Aber Astra-Zeneca wird nach jetzigem Stand dennoch nicht in die Impfzentren zurückkehren, teilt das DRK in Dresden mit. "Lediglich geplante Zweitimpfungen für Personen ab dem 60. Lebensjahr, die ihre Erstimpfung bereits mit dem Impfstoff von Astra-Zeneca erhielten, werden planmäßig mit diesem Impfstoff durchgeführt", erklärt Sprecher Kai Kranich.

Bis wann werden Termine für Erstimpfungen vergeben?

Der Görlitzer Landrat Bernd Lange hatte vorgeschlagen, bis zum Schluss Erstimpfungen in den Impfzentren durchzuführen, ob nun mit Astra-Zeneca oder Biontech und Moderna. Die Zweitimpfungen sollen dann, so Langes Vorschlag, die Hausärzte oder die mobilen Impfteams in lokalen, kurzzeitigen Impfzentren vornehmen. "Ein konkreter Plan, wie ein solcher Beschluss umgesetzt wird, besteht noch nicht", so Kai Kranich. Aktuell sollen die Zweitimpfungen am selben Ort wie die Erstimpfungen vorgenommen werden. Das würde heißen, dass drei Wochen vor Schluss keine Erstimpfungen im Impfzentrum mehr möglich wären, - bei Biontech erfolgt die Zweitimpfung nach rund drei Wochen.

Dr. Hans-Christian Gottschalk ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Mitglied in der Sächsischen Impfkommission und derzeit auch in Löbau als Impfarzt.
Dr. Hans-Christian Gottschalk ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Mitglied in der Sächsischen Impfkommission und derzeit auch in Löbau als Impfarzt. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Wollen jetzt alle nach Löbau ins Impfzentrum?

Hans-Christian Gottschalk wäre dafür, Astra-Zeneca wieder einzusetzen und bis zum Schluss Erstimpfungen vorzunehmen. Zum einen, um keine Kapazitäten zu verschenken, zum anderen, um es den Hausärzten, die Astra-Zeneca nutzen, nicht noch schwerer zu machen. Gottschalk war langjähriger Leiter der Kinderklinik im Görlitzer Klinikum, ist Mitglied der Sächsischen Impfkommission (Siko) und arbeitet etwa drei Tage pro Woche als Impfarzt in Löbau. Dass hier nur noch Biontech verimpft wird, macht sich bei der Nachfrage bemerkbar, erzählt er. "Es haben schon manchmal Patienten erzählt, dass ihnen beim Hausarzt ein Termin mit Astra-Zeneca angeboten wurde und sie sich deshalb um einen Termin im Impfzentrum bemüht haben." Schön für die Hausärzte sei das nicht. Einer Impfung mit Astra-Zeneca gehen oft sehr lange Aufklärungsgespräche voran, weiß Gottschalk aus der Zeit, als das Vakzin im Impfzentrum noch genutzt wurde. "Und ich will auch keine Konkurrenz zwischen dem Impfzentrum und den Hausärzten."

Warum sind viele Ärzte wütend auf Jens Spahn?

Manchmal wird Astra-Zeneca noch im Impfzentrum verimpft - für die Zweitimpfungen nach zwölf Wochen. Nun gehen öfter Anrufe ein, ob der zweite Termin nicht früher erfolgen kann: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte vorgeschlagen, die Zweitimpfung könne bereits nach vier Wochen gesetzt werden. "Ich sehe das als reinen Populismus oder Wahlkampf", sagt Gottschalk. "Anders kann ich es mir nicht erklären, denn alle medizinischen Aspekte sprechen dagegen." Die erste Kritik an Astra-Zeneca war, dass der Wirkstoff weniger effizient sei als andere. Da sei auch was dran. "Man hat aber festgestellt: Wartet man mit der Zweitimpfung zwölf Wochen, steigt die Effektivität auf 83 Prozent". Nach vier Wochen liege sie dagegen nur bei rund 50 Prozent, "dann haben wir wirklich einen Impfstoff zweiter Klasse. Richtig angewendet dagegen halte ich Astra-Zeneca nach wie vor für einen sehr guten Impfstoff. Deshalb habe ich auch immer dafür gekämpft", sagt Gottschalk. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie viele Stunden Ärzte deutschlandweit sich bemüht haben in den Gesprächen mit den Menschen - die berechtigt viele Fragen haben - Aufklärung zu schaffen und die Hintergründe zu erklären." Mit seinem Vorschlag, die Zweitimpfung deutlich früher zu setzen habe Spahn, "uns Ärzten ein großes Stück Glaubwürdigkeit genommen. Denn die Menschen fragen sich natürlich auch: Ach, jetzt kann ich doch nach vier Wochen zur Zweitimpfung, was der Arzt mir denn da erzählt?" Über eine Woche Verschiebung würde er mit sich reden lassen, "alles andere lehnen wir im Impfzentrum ab".

Wer kann sich mit Astra-Zeneca impfen lassen?

Eine weitere Diskussion ging um die Altersbegrenzungen aufgrund der Hirnvenenthrombosen, die in sehr seltenen Fällen bei jüngeren Frauen aufgetreten waren. Bund und Länder haben die Priorisierung bei der Impfung mit Astra-Zeneca aufgehoben. Die Empfehlung der Ständigen Impfkommision (Stiko), das Vakzin nur bei über 60-Jährigen einzusetzen, besteht aber weiter, die Entscheidung liegt bei den Ärzten. "Bei Personen unter 40 würde ich Astra-Zeneca nicht verimpfen", sagt Hans-Christian Gottschalk, "weil das Risiko-Nutzen-Verhältnis ins Negative kippen kann. Zwischen 40 und 60 muss man sehr gut abwägen. Bei über 60-Jährigen halte ich Astra-Zeneca für einen sehr guten Impfstoff", so Gottschalk.

Warum braucht es zwölf Wochen bis zur Zweitimpfung?

Astra-Zeneca ist ein Vektorimpfstoff. Um die Coronavirus-Bausteine, die für eine Antikörperreaktion nötig sind, zu transportieren, wird ein sogenanntes Adenovirus genutzt. Das ist ein Virus, das vermehrungsfähig, aber für den Menschen ungefährlich ist und als "Transporter" dient. Wird die Zweitimpfung aber zu schnell vorgenommen, ist die Gefahr hoch, dass die Reaktion des Immunsystems auf das Adenovirus - das ihm bereits bekannt ist - so schnell erfolgt, dass der Körper die Bausteine gegen das Coronavirus gar nicht aufbauen kann.

Warum kann man bei Biontech schon nach drei Wochen zum zweiten Mal impfen?

Biontech und Moderna sind mRNA-Impfstoffe, sie funktionieren anders, vor allem beim Transport: Ein bestimmter Teil der Boten-RNA, also der mRNA des Virus wird künstlich nachgebildet, erklärt der Görlitzer Infektionsepidemiologe Roger Hillert. Die Muskelzelle liest die Informationen, die auf der mRNA gespeichert sind, ab und bildet daraus ein Spike-Protein. Das Immunsystem vermutet eine Virusinfektion, und bildet Antikörper. "Danach ist die mRNA wieder weg aus der Zelle, da sie instabil ist und im Zellplasma schnell abgebaut wird." Die Zweitimpfung ist ab drei Wochen sinnvoll. Mancherorts, aktuell zum Beispiel in München, wird sie erst nach sechs Wochen gesetzt. "Ich nehme an, das hat mit den Impfstoff-Engpässen, die wir nach wie haben, zu tun", sagt Hans-Christian Gottschalk. "Man will sicherlich erreichen, dass ein möglichst großer Teil wenigstens die Erstimpfung hat." Die Effektivität bleibe bei der Zweitimpfung nach sechs dieselbe wie nach drei Wochen. "Man kann das in der Not machen, allerdings verlängert sich dadurch die Zeit, in der die Menschen den noch nicht so gut ausgeprägten Schutz der Erstimpfung haben."

Braucht es eine dritte Impfung?

Ganz geklärt ist das noch nicht, Hans-Christian Gottschalk geht aber nach jetzigem Stand davon aus. "Wir sind einfach zu langsam", sagt er. "Wir müssten dem Virus schnell die Tür zuschlagen, also schnell eine Herdenimmunität herstellen." Je mehr Infektionen noch möglich sind, umso höher die Gefahr, dass auch Varianten sich verbreiten können. "Und je langsamer man die Tür über die Impfungen schließt, desto stärker wird auch der sogenannte Selektionsdruck für das Virus." Das sei eine weltweite Herausforderung. "In sehr vielen Ländern haben die Menschen noch viel, viel weniger Impfstoff zur Verfügung als wir." Mindestens ein halbes, vielleicht ein Jahr schützen die aktuellen Impfstoffe. Nach dem jetzigen Stand nimmt Gottschalk nicht an, dass bis dahin eine Herdenimmunität geschaffen ist. "So ehrlich muss man dann schon sein. Das bedeutet, man muss dann auffrischen mit sogenannten Booster-Impfungen."

Warum kann man sich trotz Impfung anstecken?

"Die meisten infizieren sich nicht", sagt Roger Hillert. "Im Ausnahmefall ist das möglich, weil die Impfung individuell unterschiedlich schützt. Die Gründe kennt man noch nicht genau." Ähnlich bei der Grippe: Eine Influenza-Impfung schützt nicht zu hundert Prozent vor einer Infektion, aber vor schlimmen Krankheitsverläufen. Bei den Corona-Impfungen schützen die in Europa zugelassenen Vakzine vor einem schweren Verlauf oder Tod zu fast hundert Prozent, die Schutzwirkung vor leichteren Verläufen ist unterschiedlich.

Dr. Roger Hillert ist Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie im Medizinischer Labor Ostsachsen in Görlitz.
Dr. Roger Hillert ist Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie im Medizinischer Labor Ostsachsen in Görlitz. © Paul Glaser / glaserfotografie.d

Warum sinkt die Inzidenz im Kreis nicht?

Seit zwei Tagen nun liegt die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis Görlitz beim RKI unter 165, auch nach den Berechnungen des Kreises ist sie zuletzt gesunken. Drei Wochen lang aber wollte sich kaum etwas tun. Während in zahlreichen anderen Kreisen die Infektionszahlen recht konstant sanken, schwankte Görlitz um die 200er-Inzidenz. Aber ganz so stimmt das nicht, der Eindruck täuscht, sagt Roger Hillert. Im Medizinischen Labor Ostsachsen in Görlitz werden die allermeisten Proben aus den Landkreisen Görlitz und Bautzen auf das Coronavirus ausgewertet. Der Tag mit den höchsten Probezahlen ist stets der Montag, erzählt Hillert: Am 19. April waren unter den eingesandten Proben 374 positive Befunde, am 26. April waren es 371, am 3. Mai 321 und am 10. Mai 247. "Die Zahlen sinken, wenn auch langsamer."

Welche Gründe gibt es für das langsame Absinken?

"Der zunächst langsame Abfall hat zum einen den Grund, dass es bei diesen hohen Zahlen einfach etwas länger dauert, bis wir in einen exponentiellen Abfall kommen", erklärt Roger Hillert. Zum anderen nimmt er an, dass die gleichen Gründe vorliegen, die überhaupt erst zu den hohen Werten geführt haben. Der Kreis Görlitz hat verglichen mit anderen Regionen sehr viele alte Menschen, die durch das Virus tendenziell leichter angreifbar sind. "Das Sozialverhalten auf dem Land ist anders als in der Großstadt, Regeln werden auf dem Land stärker ignoriert als in der Großstadt", als weiteren Punkt sieht Hillert die Grenznähe mit vielen Pendlern, aber auch der geringe Einsatz von Homeoffice spielt eine Rolle.

Können sich Schwangere impfen lassen?

Zählen Schwangere zu einer Risikogruppe für einen schweren Corona-Verlauf? Diese Frage wurde lange abgewogen. "Inzwischen ist die Datenlage viel größer und auf dieser Grundlage sehe ich Schwangere auf jeden Fall als Risikogruppe", sagt Gottschalk. "Wir wissen inzwischen, dass schwangere Frauen, die an Corona erkranken, sechsfach häufiger intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Die Sterblichkeit ist 23-fach höher, die Frühgeburtenrate ebenfalls sehr deutlich höher", auch das Risiko von Komplikationen in der Schwangerschaft. Allerdings dürfte auch eine Impfung bei Schwangeren für Fragen und Ängste sorgen. "Wir haben jetzt den Vorteil, dass andere Länder wie die USA, Belgien, Israel bereits die Impfung für Schwangere freigegeben haben. Die Daten sind so gut, dass ich auf jeden Fall dafür plädiere." Die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts hat sich ebenfalls grundsätzlich dafür ausgesprochen.

Wann ist eine Impfung Schwangerer sinnvoll?

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"Wir empfehlen die Impfung ab der 14. Schwangerschaftswoche." Hintergrund ist, dass das Kind ab dann "fertig" ist. "Das Herz ist zum Beispiel voll entwickelt, das Gehirn, die wichtigsten Organe", erklärt Gottschalk. "Klar ist, dass aufgrund des Alters der Frauen nur ein mRNA-Impfstoff infrage kommt." Optimal sei eine Impfung zwischen der 20. und der 24. Woche, "in dieser Zeit ist der Transfer von Antikörpern auf das Kind am höchsten."

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