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"Ein Glas Sekt im Krematorium ist nicht anstößig"

Der Görlitzer Friedhof ist offener als andere. Leiterin Evelin Mühle findet: Erlaubt ist, was hilft, weiterzuleben.

Evelin Mühle arbeitet seit 1983 auf dem Görlitzer Friedhof und leitet ihn seit über 30 Jahren.
Evelin Mühle arbeitet seit 1983 auf dem Görlitzer Friedhof und leitet ihn seit über 30 Jahren. © Nikolai Schmidt

Es ist nicht historisch. Auch nicht einzigartig. Und dennoch macht das Schild Evelin Mühle stolz. Seinen Platz soll es am Eingang der Friedhofsverwaltung finden. Es besagt, dass die Friedhofskultur in Deutschland nun zum immateriellen Kulturerbe gehört. Wegen der Coronakrise war diese Auszeichnung im März ziemlich untergegangen. 300 Friedhöfe nutzen deshalb jetzt die Gelegenheit und bringen um 11 Uhr am Freitag ihr Kulturerbe-Schild an.

Es geht dabei nicht um besondere Gräber oder spezielle Denkmale. Es geht um all das, was ein Friedhof sein kann: ein Ort für Trauer, aber auch ein Treffpunkt. Ein Geschichtsbuch. Ein Ort der Erinnerung, aber auch der Mahnung. Ein Ort für Schutz, für Religionen, für Natur. Was der Görlitzer Friedhof für Evelin Mühle bedeutet, warum sie ihn sehr offen führt - und was ihr zu weit gehen würde.  

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Frau Mühle, wie oft sind Sie auf dem Friedhof unterwegs? 

Leider zu selten. Ich muss regelmäßig zum Krematorium, auch zur Begutachtung rechtlicher oder baulicher Probleme. Aber ich hätte gerne mehr Zeit für Gänge auf dem Friedhof. 

Wohin würden Sie gehen? 

Ein sehr schöner Ort ist für mich die Bücherkiste geworden. Im Urnenhain bei den Terrassen bin ich gerne. Ein sehr schöner Platz ist für mich eine Grabmauer hier ganz in der Nähe, eine sehr alte Mauer. Und es gibt ein Grabfeld, in dem ganz unterschiedliche Ahornbäume stehen - gerade jetzt im Herbst erinnern sie ein bisschen an Indian Summer mit ihrer Laubfärbung. 

Gibt es auch Orte, die Sie mit Geschichten oder Begegnungen verbinden? 

Oh ja, viele. Ich habe noch nicht lange hier gearbeitet, als mein Vater starb. Am Tag nach seinem Tod musste ich einem Ehepaar eine Grabstelle anbieten. Auch bei ihnen war der  Vater beziehungsweise der Schwiegervater verstorben. Wenn ich die Familie heute auf der Straße sehe, erkenne ich sie sofort. Ich glaube, sie können sich nicht mehr an mich erinnern. Aber für mich - das war eine so unmittelbare Situation. Es gibt Trauergeschichten, da steckt man selbst ein Stück mit drin. Ich erinnere mich auch an eine Frau, die ihre Tochter verloren hatte. Das war sehr berührend - wie sie die Grabstelle für ihre Tochter gesucht hat. Wir kommen heute noch ins Gespräch miteinander. 

Friedhof als Ort der Begegnung, das ist einer der Gründe für den Unesco-Titel. Was bedeutet der Friedhof für Sie? 

Neben der Familie ist er mein Leben geworden. Da hängt Herzblut dran und Verantwortung. Liebe zum Ort und zu den Dingen, die man hier machen kann, die vielen Ideen, die man haben und tatsächlich umsetzen kann. 

Eine rechtliche Herausforderung war voriges Jahr die erste muslimische Bestattung  in Görlitz, die Sie durchgeführt haben. Passt das zu dieser Friedhofskultur?

Auf jeden Fall. Der Friedhof ist ein offener Ort für alle Bürger. Mit all dem, was sie mitbringen an Traditionen, Bräuchen und Religionen. Es gehört zu unserer Aufgabe, zuzuhören, was gewünscht und gebraucht wird. Muslime sind inzwischen ein Teil unserer Stadt. Also brauchen sie auch einen Ort auf dem Friedhof. Wenn sie hier versterben, dann gehört es zu unserer Aufgabe, zwischen ihren religiösen Anforderungen und unseren rechtlichen Gegebenheiten Lösungen zu finden, die funktionieren.  

Es werden viele Gründe für den Unesco-Titel genannt. Es geht um immaterielle Dinge wie das Erinnern, Kultur, Naturschutz, Friedhof als Treffpunkt. Wo sehen Sie in Görlitz den Fokus? 

Das kann ich so nicht sagen. Ich finde den Friedhof ganz wichtig als Ort der Mahnung - mit all den Kriegsgräbern. Ich finde ihn wichtig als Geschichtsort, um die Stadtgeschichte zu bewahren. Natur, Kultur - ich kann keinem den Vorrang geben. Und wenn ich ein paar ältere Damen auf einer Bank sehe, die sich unterhalten und lachen, schlägt mein Herz höher. 

Dennoch ist der Friedhof nicht unbedingt ein Ort, an den man sehr gerne denkt. Sicher, ein Ort des Gedenkens, aber auch ein trauriger Ort. Seit Jahrhunderten verbindet man mit dem Friedhof auch das Motiv des Unheimlichen. 

Das erinnert mich an eine Geschichte, von der ein Bestatter mal bei einem Vortrag erzählte: Eine Mutter konnte sich nicht von ihrem totgeborenen Kind lösen, nicht loslassen. Sie wollte ihr Kind die ganze Zeit streicheln, es zudecken, es fotografieren, sich kümmern. 

Wie ist er damit umgegangen? 

Er hat gesagt: Die Natur wird das lösen. Irgendwann wird die Mutter merken, dass es anfängt zu riechen, dass die Natur sagt: Bis hierher und jetzt muss eine andere Lösung gefunden werden. Selbst für jemanden, der es ganz von sich schiebt, dass jemand gestorben ist, muss irgendwann der Punkt kommen, an dem das Begreifen einsetzt: Der Zustand ist nicht mehr zu halten, etwas anderes muss passieren. Dann kann der Friedhof etwas Beruhigendes haben. Hier hat alles wieder seine Ordnung, hier bringt man die Toten hin. Trauer ist harte Arbeit. Aber hier kann man zur Ruhe kommen. 

Voriges Wochenende war es hier nicht ruhig, sondern es wurde Theater gespielt auf dem Friedhof. Wie geht das zusammen? 

Das Literaturtheater Dresden hatte das Stück "Neun Rosen - Das Schmecken von Ewigkeit" gespielt. Die Gruppe war schon öfter bei uns. Einmal wurde im Krematorium ein Stück aufgeführt,  das sehr ergreifend war. Es ging um ein Mädchen, das kurz vor seinem Geburtstag seine Mutter verloren hatte. Es war furchtbar für das Kind, niemand redete richtig mit ihm. Es flossen beim Publikum viele Tränen. Und ich dachte die ganze Zeit: Wie bekommt das Theater denn jetzt noch die Kurve? Wie finden sie zurück ins Leben? Wir brauchen einen Ort, an dem wir unsere Toten beerdigen können. Aber am Ende ist der Friedhof ein Ort für die Lebendigen, mit all seinen Funktionen. Das Stück damals endete mit einem Fest zum Geburtstag des Mädchens. Das Stück vorige Woche war von vornherein lockerer angelegt und endete damit, dass hinter dem Krematorium gekocht wurde. 

Aber nebenan verbrennt vielleicht gerade ein toter Mensch. Gibt es nie Kritik an solchen Veranstaltungen?  

Zum hundertsten Jahrestag des Krematoriums hatten wir mit Vertretern der Stadt besprochen, wie wir diesen Tag begehen wollen. Wir hatten unter anderem vorgeschlagen, mit einem Glas Sekt anzustoßen. Das traf nicht nur auf offene Ohren. Sekt im Krematorium - das geht doch nicht! Am Ende haben alle mit angestoßen. Ich finde das nicht anstößig. Es war ein Sekt "Auf das Leben!". Alles, was hilft, weiterzugehen im Leben, ist für mich in Ordnung. 

Warum, denken Sie, ist es auch für die Görlitzer in Ordnung? 

Es gibt ganz unterschiedliche Arten, einen Friedhof zu führen. Letztlich lebt er mit den Menschen, die ihn nutzen und mit denen, die hier arbeiten. Ich könnte mir vorstellen, dass es in einer Großstadt nicht so leicht ist, einen Friedhof so zu führen. Die Anonymität ist größer, dadurch vielleicht auch Vorbehalte oder Misstrauen. Ich denke, hier in Görlitz ist Vertrauen da. Die Menschen wissen, was wir machen und dass wir sicher nicht zu weit gehen würden. Angefangen hatte das mit dem ersten Engelbummel im September 1999.

Worum ging es? 

Wir wollten den Hoffmann-Engel sanieren lassen und brauchten dafür sehr viel Geld. Das war der Punkt, an dem wir gesagt haben: Wir müssen den Menschen unseren Friedhof zeigen. Wir können nicht nur sagen, wir brauchen Geld. Wir müssen sagen, wofür wir es brauchen, und dann muss es auch losgehen. Der Engelbummel war der erste Friedhofsspaziergang, danach hatten wir noch eine Lesung veranstaltet. Und wenn man merkt, dass es gut ankommt, die Leute es weitersagen, das motiviert. Dann wurde immer wieder ein Engelbummel gemacht, es ging weiter mit den botanischen Führungen zu den Bäumen, wir haben das Literatur-Theater Dresden kennengelernt. Reisen, Besuche auf anderen Friedhöfen, das alles hat sicher dazu beigetragen, dass wir uns weit rauswagen. 

Was würden Sie nicht machen? 

Eine Sportveranstaltung würde mir zu weit gehen. Ich würde niemanden zwischen den Gräbern herumrennen lassen. Es muss immer einen Bezug zum Friedhof geben.

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