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Seiler-Lehrling ist spitze

Friedemann Lux hat seine Ausbildung in der Görlitzer Seilerei Goltz als bundesweit Zweitbester abgeschlossen. Seine andere Leidenschaft hat eher mit Tasten zu tun.

Friedemann Lux an seinem Arbeitsplatz in der Görlitzer Hanf- und Drahtseilerei.
Friedemann Lux an seinem Arbeitsplatz in der Görlitzer Hanf- und Drahtseilerei. © Paul Glaser / glaserfotografie.d

Eigentlich hätte Friedemann Lux vor ein paar Tagen vor dem Bundespräsidenten gestanden. Persönlich hätte Frank-Walter Steinmeier den jungen Görlitzer ausgezeichnet: für sein gutes Abschneiden in der Seilerei-Ausbildung. Bundesweit hat Lux dieses Jahr den zweiten Platz errungen.

Corona hat die persönliche Einladung nach Berlin verhindert, stattdessen gab es einen Livestream. Normalerweise kommen zu der Veranstaltung, in der alle Gewerke gewürdigt werden bis zu 4.000 Gäste. Diesmal war nur eine Handvoll geladen - darunter zehn von 150 Preisträgern.

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Chef Helmut Goltz vor ein paar Jahren in der Werkhalle seines Unternehmens.
Chef Helmut Goltz vor ein paar Jahren in der Werkhalle seines Unternehmens. © nikolaischmidt.de

Friedemann Lux nimmts gelassen. Überhaupt strahlt der junge Geselle eine große Ruhe und Sympathie aus. Man hätte ihn sich auch gut als Lehrer vorstellen können. Denn das war vor ein paar Jahren die große Frage in seinem Leben: Lehrer oder Handwerker? Friedemann Lux hat sich fürs Grobe entschieden: Statt Musiklehrer ist der 21-Jährige Handwerker geworden - erlernte bei der Seilerei Goltz im Gewerbegebiet am Flugplatz den Seiler-Beruf. „Mein Opa war Tischler, ich hatte also schon früh Einblick ins Handwerk und habe immer gern selbst gewerkelt“, sagt er. Aber Tischler wollte er selbst nicht unbedingt werden. Den Ausschlag für den Seiler gab wohl auch ein bisschen mit die frühe Mitgliedschaft bei den Lausitzer Füchsen. Nicht denen auf dem Eis, sondern den gleichnamigen Pfadfindern, die sich später in Eichhörnchen umbenannten. Da galt es auch, den einen oder anderen Pfadfinderknoten zu lernen und mit Seilen zu hantieren.

Nach einem Schülerpraktikum und einem einjährigen Einstiegsqualifizierungsjahr bei der Görlitzer Hanf- und Drahtseilerei stand fest: Hier sieht Lux seine Zukunft. Chef Helmut Goltz und Ausbilder Eric Eichler hatten das Talent des jungen Mannes da längst erkannt. „Er hat sich sofort sehr viel Mühe gegeben und ich wusste von Anfang an: Da wird was draus“, so der 34-Jährige, der seit fünf Jahren selber ausbildet und den Helmut Goltz ebenfalls „als totale Erfolgsgeschichte bezeichnet“, denn auch er ist im Unternehmen bekannt gewesen, seit er 15 Jahre alt war und bestand seine Prüfungen mit Bravour.

Chef sah Gesellen zuerst am Klavier

An die erste Begegnung mit der „neuen Erfolgsgeschichte“ in Form von Friedemann Lux erinnert sich Helmut Goltz noch sehr genau. „Ich habe ihn Klavier spielen gehört“, erzählt der Unternehmer, der auch für die CDU im Görlitzer Stadtrat sitzt. Das war im Café Seiler am Demianiplatz. „Dort spielte immer ein junger Mann so schön.“

Das war Friedemann Lux, dessen zweite große Leidenschaft die Musik ist. Neben Klavier und Gitarre spielt er in seiner Freizeit inzwischen auch Orgel – meist in der Hoffnungskirche in Königshufen, mitunter auch in der Kreuzkirche. Und hier liegt auch der Lehrerwunsch begründet – genauer gesagt Musiklehrer. „Meine Eltern wollten eigentlich nicht, dass ich ins Handwerk gehe, aber ich habe mich darüber hinweggesetzt“, sagt Friedemann Lux verschmitzt lächelnd. „Aber jetzt sind sie sehr stolz auf mich.“

Immerhin hat der Sohn Arbeit in einem global agierenden Unternehmen. Die Hanf- und Drahtseilerei Goltz – eine der zwei bedeutenden in Ostdeutschland – hat praktisch überall ihre Seile im Spiel: „Wir fliegen sogar mit in den Weltraum“, sagt Helmut Goltz. Sprich: Materialien aus Görlitz werden in Spaceshuttles mit verbaut. Auch sonst tauchen sie in allen möglichen Bereichen auf, sei es hauchdünn in medizinischen Kathedern oder stabiler in Rollstühlen, Kinderwagen, Lampen – oder ganz dick in Lastenseilen. „Unsere Seile waren auch bei der Bergung des Schwerlasttransportes beteiligt, der vorletzte Woche die Havarie auf der Zeppelinstraße hatte“, erzählt der Firmenchef.

Helmut Goltz im Café Seiler am Demianiplatz. Hier fiel ihm Friedemann Lux zum ersten Mal auf - der war dort öfter zu Gast und spielte gern Klavier.
Helmut Goltz im Café Seiler am Demianiplatz. Hier fiel ihm Friedemann Lux zum ersten Mal auf - der war dort öfter zu Gast und spielte gern Klavier. © - keine Angabe im huGO-Archivsys

Dass das Unternehmen ein so breites Spektrum zu bieten hat, hat auch Friedemann Lux fasziniert. „Ich wusste vorher nicht, dass es so umfassend ist“, sagt er. Inzwischen kann er schon meisterhaft selbst Seile herstellen. Sein Prüfungsstück war ein Drahtseil in einem Stück. 45 Minuten war die Zeitvorgabe. „Ich war schneller fertig“, sagt der frischgebackene Geselle. Auch die weiteren Aufgaben waren für ihn kein Problem. Seine Prüfung legte er in einem Betrieb in München ab. In Bayern war auch der theoretische Teil der Ausbildung. Dort, wo das Seilerhandwerk noch sehr verbreitet und hoch geschätzt ist.

Hoch geschätzt ist Friedemann Lux natürlich auch in seinem Unternehmen. So wie alle der 60 Festangestellten. Eine junge Truppe ist das, das Durchschnittsalter 39 Jahre. Wer hier lernen darf, ist in der Regel durch das Einstiegsqualifizierungsjahr gegangen und wurde auf Herz und Nieren geprüft. So kann der Firmenchef sagen: „Wir haben mit unseren Azubis noch nie Schiffbruch erlitten, sie stehen alle hinter der Sache und ziehen mit, auch wenn es mal schwierig wird.“

Und trotzdem: So einen, der es bundesweit fast nach ganz oben schafft, hat man eben auch nicht alle Tage. Das freut Chef und Gesellen - auch ohne Handschlag vom Bundespräsidenten.

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