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Görlitzer Anwohner fühlen sich sinnlos beschallt

Der Lautsprecher auf dem Wilhelmsplatz sendet jede Stunde kleine Botschaften. Mancher fragt sich, was das soll, doch der Künstler hat eine Antwort.

Vor einigen Wochen installierte der Künstler Johannes Specks seine Kunstinstallation "Lautsprecher" auf dem Görlitzer Wilhelmsplatz.
Vor einigen Wochen installierte der Künstler Johannes Specks seine Kunstinstallation "Lautsprecher" auf dem Görlitzer Wilhelmsplatz. © SZ/Lachnit

Wie viel Ruhe jeder zum Schlafen braucht, ist bekanntlich verschieden. Deshalb wird vielerorts darüber diskutiert, ob und wie laut Glocken nachts schlagen dürfen. Jetzt gibt es eine solche Diskussion am Görlitzer Wilhelmsplatz. Hier ist es der hohe Lautsprecher mitten auf der Wiese, ein Kunstwerk im Rahmen der Ausstellung "Görlitzer Art", über das sich mancher Anwohner beschwert.

"Seitdem ich 24 Stunden beschallt werde, bin ich oft unentspannt", sagt Martin Böhnke (Name geändert), der in der Augustastraße wohnt und jetzt überlegt, umzuziehen. "Denn manchmal ist es kaum auszuhalten, ein Jahr lang ertrage ich das nicht." Ein ganzes Stadtviertel leide.

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Frage nach der Kunst

Er könne im Homeoffice zur vollen Stunde kein Fenster öffnen, weil die Anrufer sonst alles mithören, sagt Böhnke. Zum Glück habe der Künstler nun wenigstens nachts etwas leiser gestellt. "Aber es nervt." Vor allem, weil "nur sinnlose Sachen" liefen, kein freundliches "Guten Morgen" wie angekündigt, und das seit Wochen, immer das Gleiche. "Was hat das mit Kunst zu tun?"

Der Kölner Künstler Johannes Specks hatte seinen Lautsprecher im Juni auf dem Wilhelmsplatz als eines von insgesamt neun Kunstwerken verschiedener Urheber im städtischen Raum installiert.

Johannes Specks, Künstler Görlitzer Art 2021, Lautsprecher Görlitzer Wilhelmsplatz.
Johannes Specks, Künstler Görlitzer Art 2021, Lautsprecher Görlitzer Wilhelmsplatz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Er sagt, ihn habe schon länger die Frage beschäftigt, wie die Bevölkerung besonders in Notfällen informiert werden kann – lange bevor in seiner nordrhein-westfälischen Heimat viele Dörfer von der Flut überrascht wurden. Ein Lautsprecher, wie er ihn baute, habe zwar etwas Bedrohliches, Abweisendes, auch weil manche Menschen Diktaturerfahrungen damit assoziierten. "Umso wichtiger war mir der Kontrast, dass dieser Lautsprecher nur harmlose Signale sendet, die jeder aus seinem Alltag kennt."

Lied zu Bepflanzung am Wilhelmsplatz

Rund um die Uhr, immer zur vollen Stunde, sind daraus Botschaften von ein bis zweieinhalb Minuten Länge zu hören, 24 verschiedene. Darunter sind futuristische Klänge am Morgen, die an Wecktöne einer Smartphone-App erinnern, die Dauerschleife der Hotline einer Telefongesellschaft, die Wassersparwerbung eines Baumarkts oder Meeresrauschen mit Klavierklängen.

Johannes Specks hat auch das Schnarchen seines Mischlingshundes Masa aufgenommen, das nachts abgespielt wird, und ein Lied eingesungen, das ihm angesichts der originellen Bepflanzung des Wilhelmsplatzes einfiel. Mit dem Text "Petersilie und Bananen können sich hier gut vertragen", passt es allerdings auch gut zu einem Platz, auf dem arabische Familien sitzen und an dem regelmäßig Montagsdemonstranten vorbeiziehen.

Die Installation "Lautsprecher" von Johannes Specks auf dem Görlitzer Wilhelmsplatz sendet rund um die Uhr zur vollen Stunde kleine Botschaften wie eine zeitgenössische Turmuhr.
Die Installation "Lautsprecher" von Johannes Specks auf dem Görlitzer Wilhelmsplatz sendet rund um die Uhr zur vollen Stunde kleine Botschaften wie eine zeitgenössische Turmuhr. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Schon vor einiger Zeit habe ihn die Beschwerde erreicht, dass sein Kunstwerk zu laut sei, sagt Johannes Specks. Also habe er es aus der Ferne leiser gestellt. Allerdings habe sich auch jemand bei ihm über viel zu lautes Hundegebell beschwert. "Aber das sendet mein Lautsprecher gar nicht", sagt der Künstler. "So eine Installation nutzen manche gern als Projektionsfläche für ihren Ärger, aber das gehört wohl dazu, wenn man den öffentlichen Raum bespielt."

Manche hören Ansagen gar nicht

Inzwischen muss man sich tagsüber beinahe anstrengen, um die Botschaften des Kunstwerks überhaupt zu hören oder gar den Wortlaut der Ansagen und Lieder zu verstehen. Der Lärm der Autos rund um den Platz ist deutlich lauter. Manche, die sich auf dem Wilhelmsplatz entspannen, schauen verwundert auf, wenn plötzlich ein Geräusch von oben zu hören ist. Aber es gibt auch die älteren Damen auf einer Bank, die sagen, sie hätten überhaupt nicht mitbekommen, dass der Lautsprecher hin und wieder etwas verkündet.

Zwei Touristinnen aus Berlin, die es sich auf den Liegebänken auf der Wiese bequem gemacht haben, sagen erst: "Schrecklich, ist das ein Muezzin? Geht das jetzt hier auch schon los?" Doch als sie genauer hinhören und den Text von "Petersilie und Bananen" verstehen, sagt die eine: "Na, das finde ich dann eigentlich doch ganz süß."

Die Gärtnerinnen vom Städtischen Betriebshof verfolgen seit Wochen, was der Lautsprecher sendet. "Wir sind ja manchmal mehrere Stunden am Stück hier", sagt Stadtgärtnerin Christiane Hänsel.

Grünanlagenpflegerin Christiane Hänsel verfolgt die Botschaften des "Lautsprechers" an vielen Tagen mit.
Grünanlagenpflegerin Christiane Hänsel verfolgt die Botschaften des "Lautsprechers" an vielen Tagen mit. © Paul Glaser/Archiv

Die Klänge von morgens um sieben hat sie sogar aufgenommen, um anderen davon erzählen zu können. "Aber die erste Ausstellung 'Görlitzer Art' vor fünf Jahren mit dem &-Zeichen fand ich besser." Eine ihrer Kolleginnen sagt: "Manche Töne klingen wie Tinnitus, und man weiß nicht, was es bedeuten soll."

Anwohner hoffen, dass es nicht lauter wird

Außer Anwohnern, die sich beschweren, gibt es auch solche, die sich nicht belästigt fühlen. Ljudmila Büchner, die am Wilhelmsplatz wohnt und ihre kleine Musikschule Musica Via Regia betreibt, hört die Botschaften des Lautsprechers nur selten. "Und wenn, dann stören sie mich nicht." Es könne aber sein, dass der Schall mehr in den oberen Etagen zu hören ist.

Tim Tsouloufas, der in einer höheren Etage auf dem Wilhelmsplatz wohnt, sagt, er schlafe bei offenem Fenster zur Straße raus und gehe meist schon 21 Uhr ins Bett. "Es hat mich noch nie gestört. Wenn Betrunkene auf dem Wilhelmsplatz unterwegs sind und grölen, ist das viel schlimmer." Er hoffe allerdings, dass die Botschaften des Lautsprechers nicht lauter werden. "Wenn zum Beispiel eine halbe Stunde lang Hardrock gespielt würde, gefiele mir das nicht."

Das hat Johannes Specks auch gar nicht vor. Bis Juni 2022 soll es bei den kurzen Botschaften bleiben, die der Lautsprecher wie eine moderne Turmuhr zu jeder vollen Stunde sendet. Es tue ihm leid, sagt der Künstler, wenn sich der eine oder andere Anwohner von seiner Installation gestört fühle, aber eine Garantie für eine lautlose nächtliche Stadt – siehe Hundegebell, siehe Betrunkene – könne ohnehin niemand geben.

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