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Wiener baut fleißig in Görlitz

Thorben Fritz saniert das Kulturhaus Weinhübel, um dort einzuziehen. Doch das ist nur eins von fünf Projekten.

Bauherr Thorben Fritz steht im Saal des ehemaligen Kulturhauses auf der Seidenberger Straße in Altweinhübel. In diesem Saal will er später wohnen.
Bauherr Thorben Fritz steht im Saal des ehemaligen Kulturhauses auf der Seidenberger Straße in Altweinhübel. In diesem Saal will er später wohnen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Elf mal zwölf Meter misst die künftige Wohnküche von Thorben Fritz und seiner Frau. Zu groß? Der 48-Jährige lacht: „Nein, überhaupt nicht.“ Seine Frau habe das Zimmer vor dem geistigen Auge schon eingerichtet. Wenn alles drinsteht, Küche, Schränke, Kamin, der große Esstisch für acht Personen, die Pflanzen, die Bücherregale: Dann ist das Zimmer voll. Das ganze Leben soll sich hier abspielen, nicht über mehrere Zimmer verteilt. Nur Bad und Schlafzimmer befinden sich nebenan.

Das Zimmer, von dem hier die Rede ist, ist eigentlich ein Saal. Der Saal im ersten Stock des früheren Kulturhauses Weinhübel auf der Seidenberger Straße, um genau zu sein. Die Frau von Thorben Fritz hat das Gebäude gekauft – gerade wegen des Saals. „Wir sind fünf Jahre um das Haus herumgeschlichen“, sagt er. Einerseits wollten sie es kaufen und sanieren, auf der anderen Seite stand die Frage, ob sie sich das wirklich antun wollen. Als dann ein anderer potenzieller Käufer auftauchte, der mehrere Wohnungen einrichten und dafür den Saal zerstückeln wollte, griff das Ehepaar schließlich zu. „Wenn der Saal einmal weg ist, dann ist er weg“, sagt Thorben Fritz. Das gelte es zu verhindern. Nun hat er mit der Sicherung des Gebäudes begonnen.

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Das ehemalige Kulturhaus auf der Seidenberger Straße in Weinhübel stand lange leer und ist in einem sehr schlechten Zustand.
Das ehemalige Kulturhaus auf der Seidenberger Straße in Weinhübel stand lange leer und ist in einem sehr schlechten Zustand. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Mit großen Zimmern kennen sich beide aus: Sie leben derzeit mit ihren drei Hunden in einem ehemaligen Supermarkt in Weinhübel, wo sie auch arbeiten, vor allem im Online-Handel. „Zum Wohnen nutzen wir auch dort vor allem einen großen Raum“, sagt Fritz. Schon bevor sie vor fünf Jahren eingezogen sind, haben sie in der Firma gewohnt. „Insgesamt jetzt seit 15 Jahren“, sagt Fritz: „Irgendwann reicht es.“

Doch auch schon vorher hatte er eine bewegte Biografie. Ursprünglich stammt er aus Wien. Mit 15 zog er aus, um Matrose zu werden: „Ich war auf der gesamten Donau unterwegs, bis zum Schwarzen Meer.“ Später lebte und arbeitete er im deutschsprachigen Raum: Unter anderem in Oberösterreich, München, Stuttgart und Tirol. Von da zog er 2004 nach Görlitz, aus beruflichen Gründen: Er arbeitete im Telefonmarketing. Bei TSM in Görlitz wurde ein Teamleiter gesucht. Er kannte die Stadt nicht, bewarb sich, setzte sich in den Zug und fuhr hin. „Görlitz war ein Zufallstreffer“, sagt er.

Das ehemalige Kulturhaus wurde einst als Restaurant "Zur Brauerei" mit Kegelbahn errichtet. Dieses alte Bild hängt an der Litfasssäule am alten Dorfanger.
Das ehemalige Kulturhaus wurde einst als Restaurant "Zur Brauerei" mit Kegelbahn errichtet. Dieses alte Bild hängt an der Litfasssäule am alten Dorfanger. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Aber ein guter: Bald verliebte er sich in eine gebürtige Görlitzerin – und blieb. Inzwischen lebt er hier so lange wie noch nie zuvor an einem Ort. Er will auch gar nicht mehr weg. Viele Städte, in denen er früher gelebt hat, wären ihm heute zu groß. „Görlitz ist doch wunderbar“, sagt er: „Die Stadt hat eine schöne Größe und es gibt alles, Bad, Theater, Kino, Kaffeehäuser, Krankenhaus.“ Und Möglichkeiten, sich beruflich weiterzuentwickeln. Nach dem Callcenter, in dem alles begann, folgte die Naturseifenproduktion seiner Frau, daraus wurde eine Wellnessmanufaktur mit Läden in Görlitz und Meißen, später ein reiner Online-Handel für alles, was mit Wellness zu tun hat, dazu mittlerweile ein zweites Portal für den Vertrieb von Plüschtieren. Der Handel läuft super, die Firma wächst.

Weil die Eheleute keine Freunde von Stillstand sind, kommen jetzt Immobilien hinzu. „Zur Altersvorsorge“, sagt Fritz. Dabei gibt es eine klare Aufteilung: Der Frau gehören die Häuser, Fritz ist auf den Baustellen der Ausführende. „Uns wird nie langweilig“, sagt er. Der frühere Weinhübler Supermarkt, wo der Online-Handel ansässig ist, war die erste Immobilie, die er saniert hat. Nun folgen vier weitere: Das Kulturhaus Weinhübel, die Helmut-von-Gerlach-Straße 28 in Rauschwalde, die Reichertstraße 28 in der Südstadt und die Holteistraße 5 nahe der Parkeisenbahn. Weil es mitunter schwer ist, Handwerksfirmen zu finden, hat Fritz inzwischen selbst Handwerker eingestellt. Seine Baufirma heißt noch genauso wie das Unternehmen, wegen dem er 2004 nach Görlitz gekommen ist: TSM. Die Buchstaben standen einst für Teleservice Marketing. Fritz hat das Kürzel einfach beibehalten.

Das Haus Helmut-von-Gerlach-Straße 28 (rechts) ist fertig saniert und voll bewohnt, am früheren Waschhaus (links) sind noch Restarbeiten nötig, zum Beispiel an den Türen.
Das Haus Helmut-von-Gerlach-Straße 28 (rechts) ist fertig saniert und voll bewohnt, am früheren Waschhaus (links) sind noch Restarbeiten nötig, zum Beispiel an den Türen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Die Nummer zwei nach dem Supermarkt war die Helmut-von-Gerlach-Straße. „Meine Frau hat das Gebäude schon vor 16 oder 17 Jahren bei einer Versteigerung von der Bahn gekauft, zu dieser Zeit stand es schon leer“, sagt Fritz. Das Haus war Teil des Betriebsbahnhofs Rauschwalde, genau wie zwei weitere Häuser. Jedes gehörte einst einer anderen Eisenbahngesellschaft. Die Nummer 28 war früher in den Händen der sächsischen Eisenbahn, die darin zum Beispiel in Görlitz gestrandete Lokführer unterbrachte. Eigentlich sind es zwei Haushälften, im Dachgeschoss sind beide verbunden. Fritz hat vor drei Jahren mit der Sanierung begonnen. Pro Haushälfte sind drei Etagenwohnungen entstanden. Mieter für alle sechs Wohnungen hat er während der Bauzeit gefunden: „Die Lage ist super.“ Zwar steht das Haus direkt an der Eisenbahnlinie, aber man höre die Bahn kaum.

Die Treppenhäuser auf der Helmut-von-Gerlach-Straße 28 strahlen wieder in den Originalfarben.
Die Treppenhäuser auf der Helmut-von-Gerlach-Straße 28 strahlen wieder in den Originalfarben. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Fritz hat das Haus mit viel Herzblut saniert – und im Einklang mit der Denkmalschutzbehörde, über die er nichts Negatives sagen kann: „Ich arbeite gern mit der Denkmalpflege zusammen.“ Er baue sehr nah am Original, erhalte vieles. Das freut die Behörde. Auf der Helmut-von-Gerlach-Straße fallen zuerst die gusseisernen Treppen auf. Sie sind abgestrahlt und neu lackiert. „Alles in Originalfarben, mit Eisenbahner-Signalrot“, sagt Fritz. Vor einem Jahr waren die Wohnungen fertig, die Mieter konnten einziehen. Jetzt stellt er noch das Nebengebäude fertig, ein früheres Waschhaus, das nun einen großen Aufenthaltsraum für die Mieter enthält sowie ein kleines Abteil für jede Mietpartei. Dahinter hat Fritz eine Solaranlage errichtet. Auf dem Rest des Außengeländes, das früher vier oder sechs Kleingärten beherbergte und derzeit nur noch Wiese ist, entsteht künftig ein langer, schmaler Garten für jede Mietpartei. Mit denen ist der Bauherr sehr zufrieden: „Die sind alle sehr nett.“

Mit der Holteistraße 5 ist er auch fast fertig. Es ist das Einfamilienhaus seiner Schwiegermutter. Sie starb vor zwei Jahren, seither steht das 1923 erbaute und später immer wieder umgebaute Haus leer. Es wurde vor 20 Jahren schon einmal saniert, allerdings etwas mangelhaft. „Das Dach war hinüber, kurz vor dem Einregnen“, sagt Fritz. Er hat während der Bauzeit auch viele DDR-Bausünden entdeckt, sodass aus der geplanten Renovierung eine richtige Sanierung wurde. Seit Mai läuft der Bau, Ostern soll alles fertig sein.

Das Einfamilienhaus Holteistraße 5 soll bis Ostern fertig saniert sein, sodass die Mieter einziehen können.
Das Einfamilienhaus Holteistraße 5 soll bis Ostern fertig saniert sein, sodass die Mieter einziehen können. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Das Haus mit seinen 224 Quadratmetern und dem großen, parkähnlichen Garten wird als Einfamilienhaus vermietet. „Es gibt einige Interessenten, in den nächsten 14 Tagen fällt die Entscheidung über die Mieter“, sagt Fritz. Das Haus habe viele Zimmer, sei ein richtiges Familienhaus. Und die Interessenten sind auch Familien. Sie sind während der Bauzeit auf das Gebäude aufmerksam geworden, ohne jede Werbung. Mundpropaganda funktioniert in Görlitz gut, das hat Fritz schon bei einigen seiner Häuser feststellen können.

Nur bei der Reichertstraße 28 bisher nicht. Dort ist noch keine Wohnung vergeben. Allerdings hat die Komplettsanierung erst am 4. Januar begonnen. Das Haus steht direkt gegenüber der Melanchthonschule. „Eine sehr gute Lage“, findet Fritz. Die sei auch der Grund, warum seine Frau das Haus vor drei Jahren gekauft hat. Es hatte seit der Wende mehrere private Vorbesitzer, aber keiner hat es saniert. Trotzdem ist es noch relativ gut in Schuss, nur an einer Stelle begann es einzuregnen. Die wird jetzt als Erstes geschlossen.

Auf der Reichertstraße 28 hat die Sanierung gerade begonnen. Drinnen gibt es acht Wohnungen.
Auf der Reichertstraße 28 hat die Sanierung gerade begonnen. Drinnen gibt es acht Wohnungen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Im Haus gibt es acht Mietwohnungen, alle um die 60 Quadratmeter groß. Fritz will sie schick sanieren und gut ausstatten – und dabei vieles erhalten: Die Grundrisse, die Türen und die Kachelöfen. Jedenfalls all jene, die aus der Bauzeit des Hauses in den 1930er Jahren stammen. Die DDR-Kachelöfen und auch sonstige DDR-Einbauten fliegen raus. Die alten Öfen sollen auch wieder nutzbar gemacht werden, darüber hinaus baut Fritz eine Pellet-Heizung ein. Die vorhandenen Balkone will er in ihrer Größe verdoppeln. Dazu bekommt jeder Mieter ein Keller- und ein Bodenabteil. Allerdings nicht sofort. „Ich rechne mit einem bis anderthalb Jahren Bauzeit“, sagt Fritz.

Die Kachelöfen auf der Reichertstraße 28 stammen aus den 1930er Jahren.
Die Kachelöfen auf der Reichertstraße 28 stammen aus den 1930er Jahren. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Auf all seinen Baustellen lässt er sich von niemandem hetzen. Auch nicht beim Kulturhaus Weinhübel, wo er sogar mit anderthalb bis zwei Jahren Bauzeit rechnet. „Schneller geht es auch gar nicht“, sagt er. Erst einmal müssen dort die feuchten Wände trocknen. Es hat viele Jahre lang eingeregnet, der Saal war nicht mehr zu betreten. Ein paar Balken lagen noch, der Rest des Fußbodens war durchgebrochen. Im Moment sei noch gar nicht absehbar, was gerettet werden kann und was erneuert werden muss. Erst wenn darüber Klarheit herrscht, beginnt die Detailplanung. Auch den Bauantrag kann er erst stellen, wenn die Fragen der Statik geklärt sind.

So lassen sich auch die Baukosten noch nicht abschätzen, auch nicht grob. Doch beim Thema Finanzen ist Fritz ohnehin bei sämtlichen Häusern entspannt. Vorab die Kosten zu schätzen, sei bei solchen Vorhaben eben nicht möglich. „Aber wir werden das schon durchziehen, davon gehe ich fest aus“, sagt Fritz. Für das Erdgeschoss des Kulturhauses überlegen seine Frau und er noch wegen der Nutzung. Dort gibt es viele kleine Räume. „Einer wird zu unserer Sommerküche, einer Toilette“, sagt er. Alle anderen seien noch unverplant. Hinter dem Haus will er die alten Garagen abreißen. Dort soll ein schöner Garten entstehen.

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