merken
PLUS Familienkompass 2020 Görlitz Familienkompass

So sieht Lebensglück im Niedriglohnland aus

Der Familienkompass zeigt: Die Menschen fühlen sich nicht angemessen entlohnt. Ein Paar aus der Region Görlitz erzählt, wie es trotzdem funktioniert.

Auch mit vergleichbar weniger Lohn für ihre Arbeit als im Westen der Republik finden Familien im Landkreis Görlitz ihr Lebensglück.
Auch mit vergleichbar weniger Lohn für ihre Arbeit als im Westen der Republik finden Familien im Landkreis Görlitz ihr Lebensglück. © Foto: obs/Kaufland

Es reicht. Sagt er. Nein, eigentlich reicht es nicht. Sagt sie. Martina und Martin leben in einem Dorf in der Nähe von Görlitz. Ihre richtigen Namen möchten sie nicht sagen, gerade wenn es um ein so heikles Thema wie die Finanzen geht. 

Martina und Martin haben es auf den ersten Blick gut. Ein Häuschen in der Nähe der Kreisstadt, beide haben einen Job. Martina arbeitet in einem kleinen Unternehmen im Büro. Martin ist für eine Firma als Angestellter unterwegs. Die beiden haben zwei Kinder, Sohn und Tochter. Martin ist 45 Jahre alt, Martina 42.

Anzeige
Bauen, Wohnen, Einrichten leicht gemacht
Bauen, Wohnen, Einrichten leicht gemacht

Ein Haus einzurichten oder den Umzug in eine neue Wohnung zu organisieren, treibt so manchem Zeitgenossen die Schweißperlen auf die Stirn.

Sorgen um die Zukunft machen sich beide nicht. Die Rente scheint in weiter Ferne, auf die staatliche verlassen sich die Oberlausitzer allerdings nicht. „Wir haben privat vorgesorgt“, sagt Martin. Eigentlich geht es der Familie gut. Das sagen Martina und Martin selbst. Aber da ist immer noch die Sache mit dem Job und dem Lohn, den man am Ende des Monats aufs Konto überwiesen bekommt. „Es könnte schon etwas mehr sein“, sagt Martina. In den vergangenen Wochen sah es bei ihr auf dem Konto nicht sonderlich rosig aus. Corona hatte sie zur Kurzarbeit verdonnert. Martin hatte in dieser Hinsicht Glück. Seine Firma, im Baugeschäft tätig, konnte sich, Corona hin oder her, vor Aufträgen kaum retten. Martin verdient keinen Mindestlohn. „Ein bisschen besser sieht es schon aus“, sagt er. Ist er zufrieden? „Das kann man so und so sehen“, sagt Martin.

Keine Sorgen um die Zukunft

Auf der einen Seite ist er froh über seinen sicheren Job, darüber, dass er mit seiner Frau  ein gutes Leben hat. Die beiden schulpflichtigen Kinder sind versorgt. „Aber es darf eben nicht viel Unvorhergesehenes passieren“, sagt Martin. Das Auto, zum Beispiel, muss funktionieren. Eine größere Reparatur, das würde schon ans Finanzpolster der Familie gehen. Reisen ja, das tut die Familie gern, auch wenn es unter den derzeitigen Umständen komplizierter geworden ist. „Früher“, sagt Martina, „sind wir gern mal nach Malle geflogen. Natürlich nicht Ballermann, aber es gab schöne Angebote außerhalb der Partymeile, auch gut für Familien geeignet.“ Sie stehe auf Wandern, Martin habe es sich lieber am Hotelpool gemütlich gemacht. Irgendwie wurde immer ein Kompromiss gefunden. Sagt er. Sie rollt mit den Augen.

Heute ist das kaum noch vorstellbar, bedauert Martina. Es bleibt der Urlaub im Land. „Der ist ja auch sehr schön“, so Martina. Über allem schwebt allerdings der gedachte Taschenrechner. Denn die Familie, so durchschnittlich es ihr in der hiesigen Region gehen mag, muss schauen, wie sie mit dem am Monatsende verbleibenden Geld über die Runden kommt - Reisen, Geschenke und so weiter sind da schon abgezogen. Vergleichbare Familien weiter westlich im Land haben da möglicherweise nicht so große Probleme. Denn Ostdeutsche verdienten im vergangenen Jahr im Schnitt 6,64 Euro weniger in der Stunde als Westdeutsche. Frauen verdienten 4,43 Euro weniger in der Stunde als Männer und ostdeutsche Frauen 8,60 Euro weniger in der Stunde als westdeutsche Männer. 

Niedriglohnsektor Ostdeutschland

Der Niedriglohnsektor ist zudem laut Statistischem Bundesamt im Osten mit 34,5 Prozent fast doppelt so groß wie im Westen mit 19,3 Prozent. Das zumindest sagen Zahlen von 2014. In akademisch geprägten Berufen und bei Helfertätigkeiten ist der Abstand zum Westen geringer. Dies ergibt eine Auswertung von annähernd 175.000 Datensätzen des Portals Lohnspiegel.de, das vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung betreut wird. 

Auch zwischen den ostdeutschen Ländern gibt es demnach ein merkliches Gefälle. In Brandenburg ist, auch aufgrund des Speckgürtels Berliner Umland, der Rückstand gegenüber dem Westen mit 13,9 Prozent am geringsten. In Mecklenburg-Vorpommern beträgt das Minus 15,3 Prozent. Im Mittelfeld liegen Thüringen (16,9 Prozent) und Sachsen-Anhalt (17,1 Prozent). Schusslicht ist der Freistaat Sachsen: Hier liegen die Verdienste der Befragten um 18,2 Prozent unter dem Niveau für vergleichbare Tätigkeiten im Westen, so die Böckler-Stiftung.

Knapp die Hälfte ist unzufrieden mit dem Lohn

Ein ähnliches Bild ergibt die SZ-Umfrage beim Familienkompass. Knapp die Hälfte der Befragten sieht ihre Arbeit als nicht angemessen bezahlt. Die Antwort weicht mit einer Schulnote von 3,23 erheblich vom sächsischen Durchschnitt ab. Der liegt bei 2,92. Weniger schlecht schneiden andere Fragen zum Thema Arbeit im Kreis Görlitz ab. So schätzen mehr Menschen als der sächsische Durchschnitt den kurzen Arbeitsweg. Familie und Job seien gut zu vereinbaren (Note 2,75), der Arbeitsplatz sei sicher (Note 2,40). Mit der Note von 3,84 geben die befragten Kreisbewohner der Zukunftschance für ihre Kinder allerdings kein gutes Zeugnis.

Umzug kommt nicht in Frage

Würde für Martina und Martin ein Umzug in Frage kommen? Beide haben schließlich Berufe, die auch in den westlichen Landesteilen gefragt sind. „Nein“, sagen beide. Trotz des Ärgers über weniger Lohn, den sie hierzulande verdienen, komme der Umzug nicht in Frage. Die Kinder, sie spielen dabei sicherlich eine Rolle. Sie aus den Schulen zu nehmen, für das Paar ein Unding. Familie, Freunde und eben die Jobs - das alles hält sie hier. „Es klingt vielleicht ein bisschen albern“, sagt Martin. „Aber wir sind hier in der Region verwurzelt, sehen unsere Zukunft hier.“ Ja, sagt der Familienvater, es wäre schön, etwas mehr im Portemonnaie zu haben. „Aber so, wie wir leben, ist es für uns völlig in Ordnung. Es reicht sozusagen“, schmunzelt er.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier:

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier:

Mehr zum Thema Familienkompass 2020 Görlitz