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Wieder Bangen ums Görlitzer Helenenbad

Die kommende Saison schien gerettet, doch jetzt ist plötzlich wieder alles unklar. Die Suche nach Lösungen beginnt von vorne.

Von Daniela Pfeiffer
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Wird immer unwahrscheinlicher: eine Revitalisierung des Helenenbades als Freibad.
Wird immer unwahrscheinlicher: eine Revitalisierung des Helenenbades als Freibad. © André Schulze

Der Terminkalender für die Sommermonate 2021 ist voll. Hochzeiten, Jugendweihen, runde Geburtstage, Schuleintritt, Firmenfeiern - die Görlitzer nutzen allzu gern das riesige Helenenbad-Gelände dafür. Und mit viel Optimismus, dass das alles dann wieder möglich sein wird und die Pandemie unter Kontrolle haben sich viele schon angemeldet. Bis jetzt hatte es schließlich geheißen: Alles gut, der städtische Großvermieter Kommwohnen übernimmt die Betreibung des Helenenbades vom Verein für Arbeitsmarkt und Regionalentwicklung (AUR), der seinen Rückzug erklärt hatte.

Aber jetzt wackelt plötzlich nicht nur die nächste Saison, sondern hinter dem gesamten Helenenbad steht wieder ein dickes Fragezeichen. So kann Kommwohnen das Bad nicht ohne weiteres übernehmen, weil es Schwierigkeiten mit dem Anlagevermögen gibt, das nicht so schnell rückübertragen werden kann, wie alle dachten. "Der Zeitplan hat sich dadurch verschoben", so Bürgermeister Michael Wieler. "Kommwohnen kann das Bad nur komplett übernehmen, wenn sie Eigentümer wären oder Erbbaurecht hätten."

Bekannt wurde das im Stadtrat am Donnerstag, wo Michael Wieler zum Helenenbad informierte. Vor einiger Zeit war die Verwaltung durch den Stadtrat beauftragt worden, mögliche Zukunftsvarianten für das beliebte Gelände zu untersuchen - und zwar drei: einmal für einen Weiterbetrieb wie bisher, einmal für eine Revitalisierung als Freibad - das was sich sehr viele Görlitzer wünschen - und zum dritten waren alternative Ideen gesucht. Die drei Varianten im Einzelnen:

1. Weiterbetrieb wie bisher:

Ein Weiterbetrieb wie in den vergangenen Jahren ist dem Verein AUR nicht mehr möglich. Fände sich ein anderer Betreiber bliebe der jährliche städtische Zuschuss in Höhe von 70.000 Euro - ohne dem wäre eine wirtschaftliche Betreibung nicht denkbar. Die Hilfe vom Jobcenter, die der AUR jahrelang für Hilfskräfte genutzt hat, würde es wohl weiter geben, so Wieler. Aber vielleicht mit anderen Strukturen als bislang. Dass sich kaum noch Arbeitslose gefunden hatten, die über eine Maßnahme im Helenenbad arbeiten wollen, war ein Grund für den Rückzug des AUR.

Christoph Suda (M.), der Kopf des AUR mit Badmitarbeitern an der Kinderbadelandschaft im Helenenbad.
Christoph Suda (M.), der Kopf des AUR mit Badmitarbeitern an der Kinderbadelandschaft im Helenenbad. © Archiv: Nikolai Schmidt

2. Option Freibad oder Naturbad:

Hier geht es um die große Frage, ob es im Helenenbad je wieder das pure Badevergnügen für jung und alt geben kann - für das das Bad seit 98 Jahren bekannt ist. Die Stadtverwaltung kommt in ihren Untersuchungen zu einem ernüchternden Ergebnis: Das wird wohl nicht möglich sein. Denn selbst wenn man hier, wie einige vorschlagen, ein Naturbad anlegen würde, würde das wohl utopische Kosten nach sich ziehen - für eine komplexe Wasseraufbereitung.

Optimal für ein Naturbad wäre eine Wasserquelle mit gutem Durchfluss, etwa so, wie es sie in zahlreichen Naturbädern in Österreich gibt. "Das haben wir hier nicht, wir müssten wahrscheinlich Chemikalien zusetzen", so Wieler. So wie die Stadt Großenhain, die im Rahmen ihrer Landesgartenschau 2002 ein Naturbad hatte anlegen lassen. Eine genaue Berechnung für Görlitz, sagt Wieler, sei sehr schwierig. Aber grob geschätzt geht die Stadt von 2,8 Millionen Euro aus, zuzüglich jährlichen Betriebskosten von 180.000 Euro.

Das Naturbad Goltzscha bei Meißen - eine Option auch für Görlitz?
Das Naturbad Goltzscha bei Meißen - eine Option auch für Görlitz? © Archiv: Sebastian Schultz

Nicht ganz so unwahrscheinlich dagegen ist ein Freibad. Doch macht das aus Sicht der Stadt am meisten neben dem Neissebad Sinn. Hier wäre es am wirtschaftlichsten. "Eine genaue Kostenberechnung ist hier nur mit einer Machbarkeitsstudie möglich", sagt Wieler. Er hat trotzdem den Leiter des Neissebades beauftragt, vergleichbare Bäder zu fragen. Daraus leitet die Stadt eine ungefähre Kostenschätzung ab: 3,7 Millionen Euro wären demnach denkbar, plus jährlichen Betriebskosten von etwa 230.000 Euro.

3. Alternative Vorschläge

Die Stadt hat hier zunächst zwei Konzepte vorgestellt: einmal das von Kommwohnen, was aber aus den genannten Gründen nicht sofort möglich ist, und einmal das der Chancenwerkstatt, die ihren Sitz in Markersdorf hat. Diese gemeinnützige GmbH ist mit dem AUR eng verbunden - unter anderem in Person von AUR-Chef Christoph Suda, der mal Geschäftsführer der Chancenwerkstatt war.

Die erstaunliche Botschaft: Unter Kommwohnen würde Baden im Helenenbad endgültig ad acta gelegt. Sobald die Technik veraltet ist, würde das städtische Tochterunternehmen die Kinderbadelandschaft zurückbauen, sagte Michael Wieler im Stadtrat. "Baden wäre also ein befristetes Thema." Die Kinderbadelandschaft war 2015 nach jahrelangem Spendensammeln auf Initiative von Rolf Weidle, dem pensionierten Arzt und Stadtrat (Bürger für Görlitz), eröffnet und später um weitere Module ergänzt worden. "Kommwohnen will stattdessen alternative Angebote am Berzdorfer See schaffen", erklärte Wieler. Für das Badgelände stellt sich Kommwohnen stattdessen zwei Bühnen vor, einen Trimm-Dich-Pfad, eine Eislaufbahn im Winter - kurzum einen Freizeitort mit bunt gemischten Angeboten.

Das Konzept von Kommwohnen für den Fall, dass sie das Helenenbad in Görlitz betreiben. Die grünen Wörter kennzeichnen die bereits vorhandenen Möglichkeiten. Rot steht für die neuen Ideen.
Das Konzept von Kommwohnen für den Fall, dass sie das Helenenbad in Görlitz betreiben. Die grünen Wörter kennzeichnen die bereits vorhandenen Möglichkeiten. Rot steht für die neuen Ideen. © Stadtverwaltung Görlitz

Die Chancenwerkstadt hingegen würde die Badelandschaft erhalten, auf dem Gelände außerdem Übernachtungsmöglichkeiten schaffen, beispielsweise für Schulklassen, die hier Zeltlager abhalten könnten. Zudem soll es feste Unterkünfte für Radtouristen geben - Bett & Bike-Unterkünfte genannt. Genau wie Kommwohnen würde die Chancenwerkstatt eine Naturbühne anlegen, Sommerkino ermöglichen, einen Biergarten einrichten.

Aktuell hätte die Chancenwerkstatt die Nase vorn, da sie, anders als Kommwohnen, ein gemeinnütziger Verein ist. Nach den jetzigen Bedingungen könnte sie direkt mit dem Betrieb des Bades loslegen, während Kommwohnen es eben unter besagten zeitlichen Verzögerungen kaufen müsste. "Bei der Chancenwerkstatt müsste die Stadt ihren jährlichen Zuschuss von 30.000 Euro noch so lange weiter zahlen, bis die Investitionen Erträge abwerfen", so der Bürgermeister.

Das Konzept der Chancenwerkstatt sieht unter anderem ein Schullandheim im Grünen (Zeltlager) vor, Minigolf und Sommerkino.
Das Konzept der Chancenwerkstatt sieht unter anderem ein Schullandheim im Grünen (Zeltlager) vor, Minigolf und Sommerkino. © Stadtverwaltung Görlitz

Wie emotional das Thema ist, zeigte die Diskussion, die nach Wieler folgte. Wieler betonte, dass es zunächst einmal eine Grundlage für die weitere Arbeit in den Stadtratsausschüssen sein soll. Wenn der Stadtrat das möchte, können wir uns sicher weitere Konzepte anhören." Allerdings drängt die Zeit. Wenn der AUR zum Jahresende aufhört, steht das Bad ohne Betreiber da. Spätestens im März/April müssen aber die Vorbereitungen für die neue Saison anlaufen. Rolf Weidle warnte eindringlich, hier eine Entscheidung auf die lange Bank zu schieben. Wenn sich andere Interessenten bewerben wollen, müssen sie wissen, dass es um Anlagevermögen in Größenordnungen geht, die sie kaufen müssten. Das ist alles nicht so einfach, wie sich das manche vielleicht vorstellen."

Zur Bürgerbeteiligung sagten OB Octavian Ursu und Bürgermeister Wieler, dass eine solche unter Pandemie-Bedingungen aktuell undenkbar sei.

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