merken
PLUS Görlitz

Profis und Schüler studieren Konzert ein

Eine Woche lang spielt die Neue Lausitzer Philharmonie mit Talenten aus vier Musikschulen der Oberlausitz in einem großen Orchester. An einem besonderen Ort in Görlitz.

Orchesterakademie der Neuen Lausitzer Philharmonie: Profimusiker Seite an Seite mit Musikschülern aus Görlitz, Löbau, Bautzen und Hoyerswerda.
Orchesterakademie der Neuen Lausitzer Philharmonie: Profimusiker Seite an Seite mit Musikschülern aus Görlitz, Löbau, Bautzen und Hoyerswerda. © Martin Schneider

Vor einem so großen Orchester hat Ewa Strusinska seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gestanden. "Wir durften ja im vergangenen Jahr, wenn überhaupt, nur mit halber Besetzung spielen", sagt die Generalmusikdirektorin der Neuen Lausitzer Philharmonie.

In dieser Woche aber probt sie im Großen Saal der Görlitzer Stadthalle mit 90 Musikern. 50 davon sind Profis, ihre Kollegen, die anderen 40 sind Schüler der großen Musikschulen in Görlitz, Löbau, Bautzen und Hoyerswerda. Die jüngsten Teilnehmer der Lausitzer Orchesterakademie "Young Philharmonic" sind zwölf Jahre alt, die meisten sind zwischen 16 und 18.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Patenschaften am Notenpult

Die Idee ist – auch wenn sie zahlenmäßig nicht ganz aufgeht –, dass jedem Berufsmusiker in einer sogenannten "Pultpatenschaft" genau ein Musikschüler zugeteilt ist. Alle Stimmen sind mindestens doppelt besetzt.

Dabei probt das Orchester drei anspruchsvolle Werke, die am Sonnabend, 24. Juli, in einem nicht öffentlichen Konzert zur Aufführung kommen: Dvořáks Sinfonie "Aus der Neuen Welt", Tschaikowskis Rokoko-Variationen für Cello und Orchester sowie als Uraufführung das Stück "Aus Tiefen der Nacht" des Görlitzer Komponisten und Musikschulleiters Thomas Stapel, der 15 der mitwirkenden Schüler aus eigener Orchesterarbeit kennt und sehr stolz auf sie ist.

Die Orchesterakademie "Young Philharmonics" mit der Neuen Lausitzer Philharmonie und Musikschülern aus dem ganzen Kulturraum füllt diese Woche den Großen Saal der Görlitzer Stadthalle.
Die Orchesterakademie "Young Philharmonics" mit der Neuen Lausitzer Philharmonie und Musikschülern aus dem ganzen Kulturraum füllt diese Woche den Großen Saal der Görlitzer Stadthalle. © Martin Schneider

Das sind auch die Jugendlichen selbst. Die meisten spielen bereits in Jugendorchestern mit. "Aber hier ist es etwas ganz Besonderes, Werke, die man sonst nur von CD kennt, einmal spielen zu können", sagt der 18-jährige Victor Scheder, der an der Görlitzer Musikschule Adam Hiller Geige gelernt hat und nun zusammen mit Wassili Tarabuko die erste Violine spielt. Die 15-jährigen Görlitzer Zwillinge Maja und Leni Thiele finden, anfangs sei es gar nicht so einfach gewesen, sich an Ewa Strusinska als Dirigentin zu gewöhnen. Im Vergleich dazu gehe im Jugendsinfonieorchester bei Dalibor Tuz alles etwas langsamer zu und es werde mehr erklärt. Aber nach der zweiten Gesamtprobe habe auch hier alles gut geklappt.

Konzertreihe im September

"Die Musiker helfen uns ja auch, lehnen sich zu uns herüber und spielen lauter, wenn wir mal nicht so schnell mitkommen", sagt Matilda Nedo, ebenfalls 15. Die 17-jährige Caroline Wiesener von der Kreismusikschule Löbau sagt, wenn sie mal nicht wisse, an welcher Stelle die anderen gerade sind, bekomme sie es sofort gezeigt. Und der Görlitzer Kontrabassist Malte Schmidt, 16, sagt, es sei einfach eine tolle Erfahrung, in so einem großen Orchester mit Profis spielen zu können. "Ich freue mich schon auf das nächste Mal im nächsten Jahr."

Pultpatenschaften: Jeder Musikschüler hat einen Profimusiker von der Neuen Lausitzer Philharmonie neben sich.
Pultpatenschaften: Jeder Musikschüler hat einen Profimusiker von der Neuen Lausitzer Philharmonie neben sich. © Martin Schneider

Zunächst bereiten sich Jugendliche und Profis aber auf das Konzert "Young Philharmonic" vor, das am Sonnabend der Höhepunkt der Orchesterakademie sein wird, aber nicht öffentlich erklingt. Gerade mal für zehn weitere Menschen ist in der Stadthalle Platz, mehr dürfen aufgrund des Abstandsgebots nicht auf die bespielbare Baustelle.

"Aber wir zeichnen das Konzert zumindest für die Familien der Jugendlichen auf, ein Livestream ist zu schwierig zu organisieren", sagt Andrea Richter, Leiterin des Projekts Dreiklang der Kultur- und Weiterbildungsgesellschaft des Landkreises Görlitz, Träger dieser Orchesterakademie. "Außerdem wird es vom 24. bis 26. September eine Konzertreihe geben, in der das einstudierte Programm an verschiedenen Orten der Lausitz erklingt." Genaueres stehe noch nicht fest.

Jugendarbeit dringend nötig

Den Anstoß, dass die Neue Lausitzer Philharmonie Partner in diesem Vorhaben wurde, gaben die Musiker Markus Wehrle und Martin Bandel, die als Mitbegründer des Philmehr-Vereins schon Erfahrungen mit musikalischer Jugendarbeit gemacht haben. "Leider ist die Tradition, dass wir als Orchester auch in Schulen gehen, nicht mehr lebendig", sagt der Solofagottist Martin Bandel. "Unter Intendant Wolfgang Schaller vor 25 Jahren gehörte das für uns noch dazu." Heute sei – mehr noch als damals –Orchesterjugendarbeit enorm wichtig, um junge Menschen, die musizieren wollen, zu fördern und zu motivieren.

Generalmusikdirektorin des Gerhart-Hauptmann-Theaters Ewa Strusinska probt mit der Neuen Lausitzer Philharmonie und 40 Musikschülern in der Stadthalle.
Generalmusikdirektorin des Gerhart-Hauptmann-Theaters Ewa Strusinska probt mit der Neuen Lausitzer Philharmonie und 40 Musikschülern in der Stadthalle. © Martin Schneider

Motiviert, an der Orchesterakademie teilzunehmen, waren mehr als die 40 Musikschüler, die gerade in der Stadthalle proben. Ewa Strusinska und die Musikschulen wählten gemeinsam Werke aus, die sie den jugendlichen Musikern zutrauten. Die Instrumentallehrer erarbeiteten die Stimmen mit ihren Schülern, und wer sie beherrschte, konnte sich bewerben.

Orchester wartet auf die Wiedereröffnung der Stadthalle

"Wir konnten allerdings nicht alle annehmen", sagt Andrea Richter, "sonst wären es zu viele geworden." Wie auch bei anderen Jugendbegegnungen proben die Jugendlichen nicht nur, sie verbringen auch die übrige Zeit dieser Woche miteinander. Ein Gesundheitscoach zeigt ihnen zum Beispiel, was sie an ihrer Haltung beim Üben verbessern oder wie sie sich entspannen können. Der Solist Manuel Lipstein, der die Cellopartie in Tschaikowskis Werk übernimmt, hat sich spontan entschieden, abends Improvisierworkshops zu geben. Alle Jugendlichen – auch die Görlitzer – übernachten in der Jugendherberge in der Altstadt.

Für die Orchestermusiker ist es, abgesehen von der Arbeit mit den jungen Talenten, eine Freude, in der Stadthalle mit ihrer viel gelobten Akustik spielen zu können. "Für uns hat so eine Gelegenheit hohen Symbolwert", sagt Ewa Strusinska. "Einerseits, weil wir eine neue Generation ein Stück ihres Weges begleiten können, andererseits wegen der Stadthalle selbst: Das Orchester wartet sehnlichst auf ihre Wiedereröffnung."

Mehr zum Thema Görlitz