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Görlitz lädt zum Italien-Urlaub ein

Doch noch verreisen in diesem Corona-Jahr: Das Schlesische Museum macht das mit einer neuen Kunst-Ausstellung ab Sonnabend möglich.

Eindrucksvolle Landschaften haben Kuratorin Johanna Brade (r.) und Volontärin Romy Czimmernings für den ersten Raum der Ausstellung ausgewählt, hier "Waldfrieden" von Adolf Dressler.
Eindrucksvolle Landschaften haben Kuratorin Johanna Brade (r.) und Volontärin Romy Czimmernings für den ersten Raum der Ausstellung ausgewählt, hier "Waldfrieden" von Adolf Dressler. © Nikolai Schmidt

Ein Wind weht über die Felder, Brandgeruch zieht heran. Einem Mann fliegt der Hut vom Kopf, und eine Frau betet unter düsteren Wolken, das Feuer möge die Menschen verschonen. Denn das Dorf in der Ferne steht in Flammen. Was geschehen sein mag, ist unbekannt, der Maler Emil Ebers hat seinem Ölgemälde von 1851 nicht einmal einen Titel gegeben. 

"Die Geschichten dazu entstehen im Kopf", sagt Johanna Brade, die Kuratorin der neuen Ausstellung im Schlesischen Museum zu Görlitz. "Das ist typisch für die Malerei der Romantik." 

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Der in Breslau geborene Maler Emil Ebers malte dieses Bild vom brennenden Dorf im Jahr 1851, gab ihm aber keinen Titel. Es ist auf den Plakaten zu sehen, die für die Ausstellung "Nicht nur romantisch" werben.
Der in Breslau geborene Maler Emil Ebers malte dieses Bild vom brennenden Dorf im Jahr 1851, gab ihm aber keinen Titel. Es ist auf den Plakaten zu sehen, die für die Ausstellung "Nicht nur romantisch" werben. © Schlesisches Museum zu Görlitz

Das Gemälde vom brennenden Dorf ist auf den zahlreichen Plakaten zu sehen, die in ganz Görlitz zur großen Schau "Nicht nur romantisch" locken. Ab Sonnabend, 12. September, ist sie im Schönhof zu sehen. Schon mit diesem einen Gemälde ist vieles gesagt, was Romantik ausmacht: Geheimnis, Stimmung, die das Innere spiegelt, Fantasie, die Sehnsucht nach der Natur und dem Vergangenen, auch die Wehmut über das Vertraute, das zu verschwinden droht. 

Ausstellung spiegelt die Vielfalt des 19. Jahrhunderts

Über 180 Exponate von 76 mit Schlesien verbundenen Künstlern haben Johanna Brade und die Museumsvolontärin Romy Czimmernings für die Ausstellung ausgewählt und samt Künstlerbiografien für den umfangreichen Katalog erschlossen. Zwei Drittel davon stammen aus der privaten "Ostdeutschen Studiensammlung" des Kammermusikers und Musikwissenschaftlers Helmut Scheunchen, der als Cellist Mitglied der Stuttgarter Philharmoniker war und weltweit gastierte. 

Dessen "Ostdeutsche" Sammlung, die als einen Schwerpunkt Werke aus dem 19. Jahrhundert enthält, trug er in Erinnerung an seinen Vater zusammen, der aus dem schlesischen Hermsdorf bei Sagan (Zagan) stammte. "Viele dieser Werke sind nur selten öffentlich zu sehen", sagt Johanna Brade. Dass der Sammler auf sie zukam, ermöglichte es nun, unter dem Titel "Nicht nur romantisch" auch Werke aus dem Bestand des Museums zu präsentieren, die ebenfalls selten gezeigt werden. 

Im oberen Raum der Sonderausstellung ist die Beleuchtung gedämpft, weil hier viele kostbare und zarte Zeichnungen zu sehen sind, denen zu viel Licht schaden könnte.
Im oberen Raum der Sonderausstellung ist die Beleuchtung gedämpft, weil hier viele kostbare und zarte Zeichnungen zu sehen sind, denen zu viel Licht schaden könnte. © Nikolai Schmidt

Die Fülle der Ausstellung, die manchem fast zu viel sein mag, aber eben auch etwas über die Vielfalt der Epoche aussagt, reicht dabei über die Kunst der Romantik hinaus, wie der Titel schon andeutet. Sie vereint Gemälde und Zeichnungen des 19. Jahrhunderts, darunter solche, die der Historienmalerei oder dem Realismus zuzurechnen sind. 

Dort wurde nicht mehr idealisiert, geträumt und gesehnt, sondern die oft bittere Realität des Lebens abgebildet. So sind einige Bleistiftzeichnungen des in Breslau geborenen Künstlers Adolph von Menzel ausgestellt, der mit dem "Eisenwalzwerk" berühmt wurde. Zu sehen ist etwa seine Zeichnung des Dichters Theodor Fontane.  

Da Breslau damals zwar eine Kunstschule, aber erst ab 1911 eine Kunstakademie besaß, wurden Künstler aus Schlesien im 19. Jahrhundert kaum in ihrer Heimat berühmt, es gab zu der Zeit keinen schlesischen "Romantiker-Kreis". Viele Werke entstanden also dort, wohin die Künstler zogen, um sich weiterzubilden und ihren Horizont zu erweitern: oft in Berlin, aber auch in Dresden, Düsseldorf oder gar Wien und Paris. 

Natur als Sehnsuchtsort

Im unteren Raum des Schönhofs, den das Museum für Sonderausstellungen nutzt, hat Johanna Brade große Naturgemälde, Landschaften und Porträts vor Dunkelrot und Dunkelgrün gehängt, damit sie ihre Wirkung voll entfalten können. "Früher hingen die Bilder auch nicht auf Weiß", sagt die Kunsthistorikerin, "sondern vor farbigen Wänden und Tapeten." 

Den Träumen und Sehnsüchten der Menschen zu Beginn der Industrialisierung kann man schon hier begegnen. Die Natur wurde in der Romantik, die in der Literatur ihren Anfang genommen hatte, nicht mehr als etwas gesehen, das man beherrschen und wirtschaftlich ausbeuten musste. Sie wurde zunehmend als Erlebnisraum zur Erholung und Selbstbesinnung gesehen: Die Gemälde von beschaulichen Flüssen, Wäldern und Bergen zeigen das. 

Das Kind wird zum Menschen

Zum anderen wurde das Bürgertum reicher und selbstbewusster. So sind einigen Porträts von Adligen, die sich vor ihren Besitztümern malen ließen, Porträts von Bürgerlichen gegenübergestellt, die sich weniger idealisiert, mit ihren individuellen Zügen, möglichst natürlich abbilden ließen. Einem Breslauer Verleger etwa kann man die Übermüdung durch die Verlagsarbeit förmlich ansehen.

Im oberen Raum geht es mit einer Vielzahl von Werken weiter, die von kleinsten Miniaturzeichnungen für den privaten Gebrauch über idyllische Darstellungen von Bauernhöfen und Handwerkerstuben, Natur- und Märchenszenen bis zu arkadischen Landschaften und religiösen Bildern reichen. 

Idyllische Szenen wie dieses Gemälde von Julius Hübner von Forellenfischern an einem Mühlbach aus dem Jahr 1851 verklärten das Arbeiten in der Natur.
Idyllische Szenen wie dieses Gemälde von Julius Hübner von Forellenfischern an einem Mühlbach aus dem Jahr 1851 verklärten das Arbeiten in der Natur. © Schlesisches Museum zu Görlitz

Für manchen mag der niedrige Ausstellungsraum etwas zu wenig ausgeleuchtet sein. Doch manche Zeichnungen, vor allem die liebevollen, familiären Szenen, die von der neuen Sicht der Romantiker auf das Kind als unverbildetes, der Natur nahes Wesen zeugen, sind so zart gemalt, dass zu viel Licht ihnen schaden könnte.

Künstler liebten die Heimat und das ferne Italien

Verliehen die einen Künstler ihrer Heimatverbundenheit und dem Rückzug ins Private Ausdruck, zog es andere in die Ferne. "Manche unternahmen damals weite Reisen", sagt Johanna Brade, "das große Sehnsuchtsziel war Italien." 

Davon zeugt die Ausstellung mit malerischen, in Rom oder anderen Städten und Landschaften angesiedelten Bildern, die bis heute Sehnsucht auslösen: "Wer in diesem Jahr seinen Urlaub absagen musste", sagt Johanna Brade, "kann nun bei uns Italien erleben."

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