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Schloss Gersdorf ist wieder Schule

Vor dem Sommer rechnete die Schkola noch damit, das Schuljahr in Containern zu beginnen. Jetzt hat sie mit zwölf Schülern die ersten Räume im Schloss bezogen.

Ute Wunderlich (2. v. r.), Schulleiterin der Schkola, ist froh, dass das neue Schuljahr im Schloss Gersdorf beginnen konnte. Lernen in der Natur ist hier angesagt.
Ute Wunderlich (2. v. r.), Schulleiterin der Schkola, ist froh, dass das neue Schuljahr im Schloss Gersdorf beginnen konnte. Lernen in der Natur ist hier angesagt. © Nikolai Schmidt

Bis zum letzten Ferientag bangte Ute Wunderlich, ob dieses Schuljahr tatsächlich im Schloss Gersdorf beginnen könne. "Doch am Freitag vor Schulbeginn kam die Zusage", sagt die Schulleiterin des freien Schulverbunds "Schkola", der bereits in Hartau, Ebersbach (Sachsen) und Ostritz Schulen betreibt sowie eine Berufsfachschule in Zittau und eine Kita in Lückendorf. "Mir fiel ein Stein vom Herzen. Wir sind so glücklich, dass alles geklappt hat." 

Lernen im Container

Das sieht man den zwölf Kindern und drei Erwachsenen an, die in aller Ruhe den Schulvormittag miteinander verbringen. Der findet zum Teil drinnen, in einem Raum mit bunten Teppichen und Holzregalen, statt und nach dem gemeinsamen Frühstück im Freien: auf der Wiese, im Schlosspark, am Schöps, der direkt vorbeifließt. 

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Hier draußen hätten jetzt mehrere mit Klassenzimmern eingerichtete Container stehen und die Sanierung des Schlosses beginnen sollen. Das war der Plan bis vor acht Wochen. Bis dahin hatte sich die Schkola auf die mündlichen Zusagen von Bau- und Schulamt Sachsen verlassen und war davon ausgegangen, dass im Schlossgebäude zunächst noch kein Unterricht stattfinden könne. Die Container schienen genehmigt.

Absage, Frust und dann ein Wunder

Doch kurz vor den Sommerferien meldete sich das Landesamt für Denkmalpflege, das auch historische Parks und Gärten schützt, mit der Botschaft, die Container würden zu stark in das Ensemble aus Schloss und Park eingreifen und den Untergrund zerstören.

Ute Wunderlich, Eltern und Lernbegleiter – so heißen die Lehrkräfte in der Schkola –  waren am Boden. "Doch es geschah ein Wunder", sagt die Schulleiterin. Umgehend kam die Genehmigung der Behörden: Die Schule könne nun doch einen Teil des Schlosses beziehen. Gemeint waren die Räume, die bis dahin der Bürgerverein Lebensfreude Gersdorf/Deutsch-Paulsdorf für Seniorentreffs nutzte, der einzige modernisierte Teil des Schlosses.

So schön sieht Schloss Gersdorf nur von außen aus. Innen ist ein Teil für die Schule hübsch saniert, ein Teil notdürftig erneuert, ein Teil noch DDR-Standard. Die Sanierung soll fünf Jahre dauern.
So schön sieht Schloss Gersdorf nur von außen aus. Innen ist ein Teil für die Schule hübsch saniert, ein Teil notdürftig erneuert, ein Teil noch DDR-Standard. Die Sanierung soll fünf Jahre dauern. © Nikolai Schmidt

Ebenso schnell fand die Schkola Firmen, die diesen Teil für die Kinder passend renovierten. "Dass sie im Sommer überhaupt für uns Zeit hatten, war auch ein Glück", sagt Ute Wunderlich. Ebenso, dass sich in den Ferien immer wieder Eltern bereit erklärten, Ansprechpartner für die Handwerker zu sein.

In der Natur wie im Waldkindergarten

Im Sommer 2018 hatten diese Eltern, die ihre Kinder bisher im Görlitzer Waldkindergarten am Loenschen Gut betreuen ließen, eine Initiative gegründet. Sie suchten nach einer Schule, die das Kitakonzept – so viel draußen wie möglich – weiterführen würde. Der Schkola-Verbund, der von Schule zu Schule sein Konzept erweitert hat, war bereit dazu. 

In der Grundschule Hartau hatte er zunächst Mehrsprachigkeit als Besonderheit etabliert, am Gymnasium Ebersbach kam die gesunde Ernährung hinzu, die Oberschule Ostritz ist außerdem Umweltmodellschule. Die freie Grundschule Gersdorf wird nun zusätzlich das "Lernen in und mit der Natur" ermöglichen. 

Wie in den anderen drei Schulen des Verbunds lernen die Schüler ab der ersten Klasse in altersgemischten Lerngruppen mit 20 bis 24 Kindern aus drei Klassenstufen. Somit sind sowohl die Grenzen der Schularten aufgelöst als auch die Grenzen der Klassen. Die Integration von Kindern mit Handycap spielt eine besondere Rolle.

Markersdorf hat endlich neue Schlossbewohner

Dieses freie, integrierende Konzept der Schkola und der Enthusiasmus der Eltern überzeugten den Markersdorfer Bürgermeister Thomas Knack sofort. "Die Schulgründung ist eine tolle Sache", sagt er, "und für uns ist der Einzug der Schkola ideal." Seit Jahren schon versuchte die Gemeinde Markersdorf, das Schloss im Ortsteil Gersdorf wieder nutzbar zu machen, das nach 1945 alles Mögliche war: Unterkunft für Flüchtlinge, Wohnhaus für mehrere Familien, Schule, Kindergarten. 

Vor rund 15 Jahren begann die Gemeinde das Schloss zu sanieren und zu sichern. Fassade und Dach wurden erneuert, einige Decken bekamen neue Holzbalken und wurden so vor dem Einsturz bewahrt. "Gut, dass wir das damals gemacht haben", sagt Knack, "sonst wäre das Schloss jetzt in keinem guten Zustand mehr." 

Damals stellte sich die Gemeinde eine Nutzung durch Kita, Mehrgenerationenwohnen und Senioren vor. "Doch dafür fanden wir keinen Träger", sagt Thomas Knack. Später hatten die "Schlesischen Heimatstuben", dann ein Ritterverein Interesse an dem Gebäude. "Aber einer Nutzung durch eine so kleine Interessengruppe würde die Gemeinde nie zustimmen", sagt Knack.

Schulsuche begann in Görlitz

Die Schkola hatte zunächst in Görlitz nach einem neuen Standort gesucht, möglichst am Rand, in der Natur. Weil die Stadt Görlitz aber Schulansiedlungen eher im Stadtkern befürwortet, suchte die Initiative im Umland weiter. Als sie sich für den früheren Kindergarten in Markersdorf interessierte, wurde Thomas Knack aufmerksam und bot als Alternative Schloss Gersdorf an. 

Im Gemeinderat sei die Nutzung durch eine freie Schule zunächst umstritten gewesen, sagt er. Dann aber ging das Vorhaben durch. Auch dass die Schkola der Grundschule Markersdorf Konkurrenz machen könnte, war Thema. "Aber wir haben nur drei Kinder aus der Gemeinde", sagt Ute Wunderlich. "Die meisten kommen bis aus 30 Kilometer Entfernung, vorwiegend aus Görlitz."

Auch ein Schkola-Gymnasium hätte im Schloss Platz

Im Moment lernen Erst- und Zweitklässler zu zwölft in einer Lerngruppe, die im nächsten Schuljahr um Drittklässler erweitert wird. Erst im Jahr darauf, wenn mit den Viertklässlern eine neue Gruppe entsteht, braucht die Schule mehr Räume. Perspektivisch will die Schkola Gersdorf nach einer Zeit als Grundschule zur Oberschule werden, mit 16 Kindern pro Jahrgang und 160 Schülern insgesamt. 

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Dann soll der Unterricht in Gersdorf zunächst in Containern beginnen. Auch die Schulgenehmigung fehlt noch.

"Selbst als Gymnasium würden wir ins Schloss passen", sagt Ute Wunderlich, die demnächst den Bauantrag einreicht und hofft, dass in fünf Jahren alles fertig ist. "Wenn ich an die vergangenen acht Wochen denke, bin ich zuversichtlich, dass wir das auch schaffen."

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