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Görlitz: Tourismus mit Anlaufschwierigkeiten

Voriges Jahr gab es einen Rekordsommer für Görlitz. Aktuell kommen die Übernachtungszahlen noch nicht an die von 2020 heran.

Elisabeth Seiler (li.) und Udo Scherer sind mit dem Fahrrad unterwegs in Ostsachsen. Aktuell campen sie im Kühlhaus in Görlitz.
Elisabeth Seiler (li.) und Udo Scherer sind mit dem Fahrrad unterwegs in Ostsachsen. Aktuell campen sie im Kühlhaus in Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Elisabeth Seiler und Udo Scherer haben schon einen langen Weg hinter sich - und noch ein ganzes Stück vor sich. Die beiden kommen aus der Nähe von Hannover und machen derzeit Urlaub in der Oberlausitz.

Als erstes, erzählt Udo Scherer, waren sie in Herrnhut, um Verwandte zu besuchen. Nächster Stopp: Görlitz. Hier haben sie auf dem Campingplatz des Kühlhauses in Weinhübel ihr Zelt aufgeschlagen. Als die SZ sie anspricht, hatten sie sich gerade in die Fahrradsattel geschwungen, um die Görlitzer Altstadt zu erkunden. Von der Peterskirche haben sie gehört. Dass Görlitz im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde, so viele historische Gebäude noch stehen.

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Auf Oder-Neiße-Radweg an die Ostsee

Auf dem Neiße-Radweg geht es dann Richtung Norden, erzählt Udo Scherer. Seine Tochter wohnt derzeit an der Ostsee. 400 Kilometer - und das mit Liegerad. Nein, sagt Scherer, anstrengend werde das nicht. "Das ist das entspannteste, was es gibt. Man kann sich voll auf die Landschaft konzentrieren."

Schaut man am Berzdorfer See, bei dem Hotel "Insel der Sinne", im Parkhaus am City-Center auf die Autokennzeichnen, sieht man zahlreiche auswärtige Gäste. Zwickau, Main-Taunus-Kreis, Weißenfels, Pforzheim, Stendal, Schaumburg, Rottweil, Parchim. Mit dem Tourismus sieht es gut aus diesen Sommer - aber bei Weitem nicht so gut wie vorigen Sommer sagen Hoteliers, Touristenführer und die Europastadt Görlitz/Zgorzelec (EGZ), die unter anderem für den Tourismus in Görlitz zuständig ist.

Insgesamt waren die Tourismuszahlen 2020 in Görlitz eingebrochen. Rund 28 Prozent weniger Übernachtungen mussten Hoteliers und Pensionsbetreiber im Vergleich zu 2019 hinnehmen. Vieles allerdings ließ sich im Sommer rausholen: Juli, August und September waren Rekordmonate. In allen drei Monaten übernachteten so viele Menschen wie nie zuvor in Görlitz.

Viele Gäste aus Nachbarländern

Sie sei auf jeden Fall zufrieden, erzählt eine Mitarbeiterin des Ferienappartement-Hauses Vias in der Görlitzer Innenstadt. So seien auch dieses Jahr wieder viele Gäste aus den Nachbarländern da, erzählt sie. Zum Beispiel aus den Niederlanden, Belgien, Dänemark, Tschechien, Polen, "eigentlich von rundum", erzählt sie. Der Juni sei noch recht verhalten gewesen. Zuletzt dagegen sei das Vias an den meisten Wochenenden ausgebucht gewesen.

So wie voriges Jahr seien die Buchungszahlen noch nicht, sagt auch Paul Otto vom gleichnamigen Hotel in der Görlitzer Altstadt. Dennoch sei er sehr zufrieden. "Ich denke, wir haben alle noch die Lage vor acht Wochen im Kopf", als fast keine Gäste in den Hotels möglich waren. "Ganz zu war es ja nicht, Geschäftsreisende durften kommen", was aber maximal dem Azubi und Paul Otto Arbeit beschert habe.

Seit Ende Mai konnten die Restaurants, kurz darauf Hotels auch wieder für Touristen öffnen. Das Restaurant, die Destille, sei sofort wieder gut gelaufen, das Hotel hatte Anlaufschwierigkeiten. Insgesamt, sagt Paul Otto, gehen Buchungen diesen Sommer oft kurzfristig ein, "zum Wochenende sind wir dann auch manchmal ausgebucht."

Hotels konnten erst spät wieder öffnen

Die kurzfristigen Buchungen haben ihre Gründe, sagt Eva Wittig von der EGZ. Sogar internationale. In vielen Ländern hatte sich die Coronalage früher entspannt, waren auch Urlaubsreisen früher wieder möglich. So haben womöglich viele ihren Urlaub im Frühjahr im Ausland gebucht, vermutet Eva Wittig. "Gerade wir in der Oberlausitz waren stark von der Coronapandemie betroffen." So herrschte noch bis in den Mai hinein im Landkreis Görlitz eine Inzidenz von über 200. "Als die Hotels wieder öffnen konnten, waren dann aber viele Feiertage, die wesentlich für die Urlaubsplanung sind, schon vorbei", sagt Eva Wittig. Voriges Jahr sei das anders gewesen, als der erste Lockdown zur Pfingstzeit geendet hatte.

Dennoch, mit all den äußeren Umständen zieht auch Eva Wittig eine positive erste Bilanz. "Zum jetzigen Zeitpunkt kommt man nicht ran an die starken Tourismuszahlen vom vorigen Jahr. Aber man merkt auch, es zieht jetzt von Woche zu Woche an." Einen gewissen Vorteil habe das eher langsame Anlaufen in den Hotels, Ferienwohnung und Co: "Wir haben es ja jetzt schon von vielen Hoteliers und Gastronomen gehört: Vielen fehlt inzwischen das Personal. Da sind auch erst mal Lösungen zu finden."

Voriges Jahr hatten sich viele ob der Corona-Pandemie für Urlaub in der Region oder innerhalb Deutschlands entschieden, aufgrund der unsicheren Lage international. Für zahlreiche beliebte Urlaubsländer galten Reisewarnungen. Auch wenn in Deutschland die Corona-Lage noch vergleichsweise entspannt ist, gelten auch aktuell 41 Staaten als Hochrisikogebiete, darunter etwa Spanien, Zypern, Tunesien, Ägypten, am Wochenende wurden auch mehrere südfranzösische Regionen durch das RKI als Hochrisikogebiet eingestuft. Zwei Länder, Brasilien und Uruguay, gelten als Virusvariantengebiete. Andere Länder wie Griechenland, Italien, die Türkei, seit Sonntag die Niederlande gelten nicht mehr als Risikogebiete.

Campingplätze: Mal fast leer, mal voll

Karina Thiemann macht Stadtführungen in Görlitz. Ihr Eindruck ist, dass dieses Jahr dennoch die Planungen anders gewesen seien, sagt sie. "Voriges Jahr, als der Lockdown zu Ende war, hätte ich Stadtführungen ohne Ende geben können", erzählt sie. An den Wochenenden sei auch dieses Jahr viel los, "aber es ist insgesamt bei Weitem nicht so wie 2020, wo viele sich bewusst für ein regionales Ziel entschieden haben. Ich nehme an, viele wollten jetzt doch mal wieder raus, mit der Familie ans Meer", vermutet Karina Thiemann.

Von der Urlaubsort-Suche innerhalb des Landes voriges Jahr hatte auch der Berzdorfer See sehr profitiert. Die Campingstellplätze waren gut belegt, viele Gäste kamen aus anderen Bundesländern, zahlreiche zum Beispiel auch aus der Schweiz. Das ist dieses Jahr anders, sagt Ronny Hasler vom Sicherheitsdienst K9, der auf die parkenden Fahrzeuge am Nord- und Nordostufer des Sees achtet. Auch er sagt: Es ist kurzfristiger. Zum Beispiel am Donnerstag: Am Morgen war der Campingplatz oberhalb des Nordstrandes noch fast voll belegt - am Nachmittag stand kein einziger Campingwagen dort, bei Deutsch Ossig lediglich zwei. "Zum Wochenende dagegen war wieder gut Betrieb", sagt Hasler.

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