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Wuteltern geben den Ton an

Beleidigungen in sozialen Netzwerken, Verschwörungstheorien im Stadtrat - bei einigen Görlitzer Eltern liegen die Nerven blank. Doch es sind wenige.

Schuhe auf der Rathaus-Treppe in Görlitz. Viele Eltern sehen echte Schwierigkeiten in der Corona-Politik. Manche reagieren mit Wut.
Schuhe auf der Rathaus-Treppe in Görlitz. Viele Eltern sehen echte Schwierigkeiten in der Corona-Politik. Manche reagieren mit Wut. © Matthias Wehnert

Im jüngsten Görlitzer Stadtrat gedachten die Stadträte zu Beginn der Toten, die die Coronapandemie seit ihrem Beginn vor einem Jahr in der Stadt forderte. Rund anderthalb Stunden später, in der Bürgerfragestunde, trat ein Görlitzer ans Mikro. Als "besorgter Bürger und Vater" stellte er sich vor. Corona war sein Thema.

Er spricht Punkte an, die viele sicher unterschreiben würden, zum Beispiel die neuerliche Kita-Schließung vor einer Woche. Die Schwierigkeiten für Eltern, die keinen Anspruch auf Notbetreuung für ihre Kinder haben. Ob sich denn keiner im Landkreis Gedanken mache über soziale, emotionale und pädagogische Defizite für die Kinder?

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Verschwörungsthesen im Stadtrat

Bei vielen Eltern liegen die Nerven blank, wochenlange Lockdowns haben ihre Geduld aufgezehrt. Manche lassen dieser Tage ihrer Wut freien Lauf - im Stadtrat, in sozialen Netzwerken, bei Demos. Die Zahl der Demonstranten auf dem Görlitzer Postplatz, die Zahl der Mitglieder in Telegram-Gruppen wie "Eltern stehen auf - Görlitz" lassen vermuten, dass es um keine Mehrheit geht. Aber um einen immer seltsameren Ton.

Die Rede des Mannes im Stadtrat ging etwa so weiter: "Was ist mit den ganzen Krankheiten, HIV, Krebs? Die Leute sterben jetzt nicht mehr daran, ne, die Leute sterben jetzt alle an Corona. Was soll ich denn meinen Enkeln erklären? Ja, 2020/21, tut mir leid, wir hatten Corona, sind alle daran gestorben. Das glaubt doch kein Mensch. Mal im Ernst, hier sollte man viel mehr mit der Wahrheit rausrücken, als irgendwelche Lügen zu inszenieren."

Oberbürgermeister Octavian Ursu hielt dagegen, es gehe nicht um Lügen und verwies auf die Gedenkminute zu Beginn. "Wir haben viele Tote zu beklagen. Im Verhältnis viel, viel mehr als in anderen Städten." Dass Görlitz in der Coronapandemie eine so hohe Sterberate aufweist, hat wahrscheinlich mit dem hohen Altersdurchschnitt zu tun, erklärte er. "Auch die Verwandten leiden unter dieser Situation", so Ursu.

Man kann unterschiedliche Meinungen haben, so Octavian Ursu gegenüber der SZ. "Ich versuche auch die Beweggründe meines Gegenübers zu sehen. Es gibt viele schwierige Situationen", im Handel, der Gastronomie, den Familien. In Fällen wie dem im Stadtrat versuche er aber auch andere Blickwinkel anzusprechen, auf seine Sichtweise hinzuweisen. "Ich war im Klinikum und im Krematorium und habe gesehen, wie es dort im Winter war."

Auf seiner Facebookseite stellt der Görlitzer, der im Stadtrat sprach, in mehreren Videos seine Sicht auf die Dinge dar. Auch hier wieder: Er beginnt mit Kritik, die nachvollziehbar ist. Um dann Aussagen folgen zu lassen wie: "Unser Ministerpräsident Michael Kretschmer ist auch nur eine Marionette. Es wird alles geleitet von irgendwelchen Professoren, Doktoren, namens Wieler, die Tierärzte sind." Einen Beitrag aus der Querdenker-Szene über RKI-Chef Lothar Wieler überschreibt er mit: "Erschießen den Typ".

"Ich drechsel mir jetzt einen Knüppel, für die dumme Sau"

309 Mitglieder hat der Görlitzer Kanal von "Eltern stehen auf". In unheimlich vielen Beiträgen geht es in der Gruppe um die Schnelltests an den Schulen. Und vor allem darum, dass das eigene Kind daran nicht teilnehmen soll. "Schule nur ohne Test ... ansonsten Kind zu Hause lassen", heißt es etwa. Aufrufe zu Coronagegner-Demos, ob in Görlitz oder dem Allgäu, findet man, ebenso Meldungen wie Christian Drosten habe zugegeben, "dass es diese Corona Krankheit nicht gibt". Teils auch Beleidigungen. Offenbar in Bezug auf Michael Kretschmer kommentiert ein Nutzer: "Ich drechsel mir jetzt nen Knüppel für diese dumme Sau." In wieder anderen Gesprächen geht es um die Frage, wo Michael Kretschmer, Petra Köpping oder Octavian Ursu wohnen: "Ziel wäre es, wenn an jeder Adresse nur zwei Personen mit Schildern stehen", damit niemand behaupten könne, es handele sich um eine Versammlung.

Wer hinter der Gruppe steht, ist nicht ganz klar. Einer der Administratoren des Kanals ist die Großschönauerin Susanne Klötzer. Sie gehörte vor fast genau einem Jahr zu den Unterzeichnern eines Briefes im Süden des Landkreises, um damit gegen die Coronamaßnahmen zu protestieren. Auf Anfrage der SZ möchte sie zunächst wissen, was denn mit den angesprochenen Beleidigungen, teils radikalen Vorschlägen in der Gruppe gemeint sei. Danach kommt über Tage keine Antwort mehr.

Kreiselternrat distanziert sich

In Bautzen ist die Querdenkerszene stark mit dem Namen Marcus Fuchs verbunden, der Vorsitzender des Kreiselternrates Bautzens war. Im Kreis Görlitz distanziert sich der Kreiselternrat von Initiativen wie "Eltern stehen auf".

Es gebe Kritikpunkte an der Schulpolitik während der Coronakrise, sagt Hans Ludewig, stellvertretender Vorsitzender des Görlitzer Kreiselternrates. "Es ist für viele problematisch, dass die Schulen immer wieder geschlossen werden müssen." Er persönlich sei vorsichtig mit Lockerungswünschen. Ludewig war selbst an Corona erkrankt. Eines seiner Kinder hatte sich vermutlich in der Schule infiziert. Generell aber könne er die Probleme durch Schulschließung nachvollziehen, "da bröckelt irgendwann die Stimmung".

Vor allem kritisiert er, dass über den Sommer nicht mehr für die Schulinfrastruktur getan wurde, "und im Winter sind meine Kinder dann mit Decken zur Schule gegangen. Es wäre Zeit gewesen, andere Lösungen zu finden", sagt Ludewig. Mehr Mitspracherecht und ein schnelleres Reagieren seitens der Politik wünscht er sich. "Auf der anderen Seite kennen wir die Situation nicht oder wie sich die Lage entwickelt." Er geht auch nicht davon aus, dass die Mehrheit der Eltern denke wie bei "Eltern stehen auf". "Zumindest in meiner Wahrnehmung ist das nicht so."

Um die 50 Paar Kinderschuhe standen eines Montags im März auf der Hochzeitstreppe des Görlitzer Rathauses. Mit Kerzen und Schildern, um auf die Nöte der Kinder aufmerksam zu machen. Die Kinder selbst scheinen die Schilder aber nicht geschrieben zu haben, sondern die Erwachsenen: "Hände weg von unseren Kindern! Kein Testzwang" steht auf einem, "Eure Politik ist gefährlicher als Corona" auf einem anderen.

Schuhe auf Rathaustreppen

Leere Schuhe haben eine andere Symbolik, sie stehen seit dem Gedicht "Kinderschuhe aus Lublin" von Johannes R. Becher für die Erinnerung an Holocaust-Opfer. Sich darauf zu beziehen sei nicht das Ziel gewesen, sagt Diana David aus Görlitz. "Das hatte ich gar nicht im Kopf." Auch sie hat ein Paar Kinderschuhe abgestellt. Für sie stehen sie aber in ganz anderem Zusammenhang, erklärt sie, für die Belastungen für Kinder und Eltern im Lockdown. Viele Maßnahmen seien für sie nicht mehr nachvollziehbar. Etwas sehr Praktisches, das viele betroffen habe: Wo während der Geschäftsschließungen Kinderkleidung herbekommen? Zwar könne man versuchen, im Internet zu bestellen oder zu tauschen - bei Kinderschuhen aber ist das kaum möglich. "Die muss man anprobieren." Für solche praktischen Probleme hätte sie sich mehr Unterstützung gewünscht, zum Beispiel mal eine Tausch- oder Verkaufsbörse mit Abstandsmaßnahmen.

"Ich frage mich auch, warum die Schuhe so schnell wieder weg waren, schon am nächsten Morgen." Das hatte mit Sicherheitsgründen zu tun, erklärt Octavian Ursu. Zum einen werde die Treppe tatsächlich genutzt, zum anderen sei sie auch Sicherheitsweg. Die Schuhe seien aber nicht entsorgt worden. Sie können im Rathaus abgeholt werden. „Ich nehme diese Aktion als Ausdruck der Sorgen der Eltern und als starken Wunsch nach Lösungen wahr, um die Schulen offen zu halten", so Ursu. Und es gebe ein Umdenken, um mehr gesellschaftliches Leben mit mehr Testungen möglich zu machen. So sollen die Schulen in Görlitz wie in Sachsen unter diesen Bedingungen am kommenden Montag nach den Osterferien wieder öffnen. Aber so manche Eltern lehnen auch das ab.

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