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Großenhainer bilden ihre Fachkräfte selbst aus

Das Wissen soll im Unternehmen bleiben: Das deutschlandweit agierende Elektro Zentrum beschäftigt momentan 24 Auszubildende.

Ausbilder Hendrik Tetzner (l.) erklärt den Elektroniker-Azubis Heiner Keil (M.) und Robert Müller (r.) in der Lehrwerkstatt des Elektro Zentrums Großenhain (EZG) eine Hochspannungsschaltanlage.
Ausbilder Hendrik Tetzner (l.) erklärt den Elektroniker-Azubis Heiner Keil (M.) und Robert Müller (r.) in der Lehrwerkstatt des Elektro Zentrums Großenhain (EZG) eine Hochspannungsschaltanlage. © Norbert Millauer

Großenhain. Manchmal würde er das Radio am liebsten abschalten. Wenn er morgens etwa mit dem Auto zur Arbeit fährt und die immer gleichbleibende Moderatorenstimme aus dem Radio fragt, ob die Zuhörer auch gerade unterwegs ins Büro sind. Nicht von einer Baustelle sei da die Rede, keineswegs von der Werkhalle oder einer Tischlerei. Nein, eine Tätigkeit am Schreibtisch in blitzblanken vier Wänden tauche da unwillkürlich selbst in seinem eigenen Kopfkino auf und genau das sei eben auch das Problem. "Leider wird seit Jahren in der Öffentlichkeit kein ansprechendes Bild von Handwerksberufen gezeichnet! Schmutzig, körperlich anstrengend und im besten Fall noch geistig unterbelichtet ist deshalb alles, was bei jungen Menschen hängen bleibt", bedauert Marko König und schüttelt nachdenklich den Kopf.

Der 46-jährige Tauschaer hat vor gut einem Jahr den Vorsitz im Elektro Zentrum Großenhain EZG eG übernommen. Von der Pike auf lernte er in jenem Unternehmen, welches 1956 von vier Handwerksmeistern und fünf Gesellen unter dem Namen "Produktionsgenossenschaft des Handwerks PGH 1. Mai Elektro-Radio-Fernsehen" gegründet worden war. Nach 20 Jahren als bauleitender Monteur bundesweit unterwegs, mit einem Meisterbrief und einem betriebswirtschaftlichen Studienabschluss in der Tasche, hat Marko König selbst erfahren, wie es ist, jahrzehntelang für nur einen Arbeitgeber tätig zu sein, Förderung und Weiterbildungsangebote wahrnehmen zu können, um Kenntnisse zu vertiefen.

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Was klingt, wie aus einem Fachbuch für den erfolgreichen Umgang mit dem anspruchsvollen Arbeitnehmer für heute, bemühe man sich, im Elektro Zentrum tatsächlich praktisch umzusetzen. Inzwischen auf 117 Mitarbeiter angewachsen, wäre man zwar einerseits um Flexibilität im Hinblick auf moderne und neue Läufe bedacht. Nicht von ungefähr sei der Umsatz schließlich inzwischen auf elf Millionen Euro im Jahr gestiegen und werde der sächsische Traditionsbetrieb von Nord- bis Süddeutschland von einem festen Kundenstamm geschätzt.

Andererseits habe man sich aber ganz bewusst dafür entschieden, all jene Werte zu pflegen, die in der Vergangenheit erfolgreiches Arbeiten ausgezeichnet hätten. "Abgesehen davon, dass Angestellte wissen müssen, was sich in verschiedenen Bereichen eines Betriebs tut, sie ehrliche Wertschätzung erleben sollten, denn nur auf diese Weise stellt sich auch ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Wirklich-etwas-leisten-Wollens ein, ist uns noch etwas anderes ganz wichtig! Wir möchten, dass all das Wissen, was unsere Monteure, Meister, Ingenieure oder kaufmännischen Mitarbeiter über die Jahrzehnte erworben und angewendet haben, im Unternehmen bleibt", erklärt Marko König die EZG-Philosophie.

Praktisch bedeutet das, momentan lernen 24 junge Frauen und Männer auf der Radeburger Straße in Großenhain. Gleich nun, ob Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik, Informationselektroniker oder Industriekaufmann/-frau - fachlich betreut werden sie alle mit viel Herz und beruflicher Erfahrung von Hendrik Tetzner. Ein Mann, der ebenfalls wie Marko König seinerzeit im EZG ausgebildet worden ist, danach in der Schweiz tätig gewesen sei und sich schließlich bei seiner Rückkehr auf den einstigen Lehrbetrieb in Großenhain besonnen habe. Eine gute Entscheidung, wie der Vorsitzende lächelnd bestätigt, vor allem für das Unternehmen und dessen junge Mitstreiter. "Viele Firmen klagen darüber, dass sie keinen Nachwuchs und vor allem ausgebildete Fachkräfte finden. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese auch nicht einfach so zu einem kommen. Dafür muss man richtig etwas tun", gibt Marko König zu bedenken.

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Und das Elektro Zentrum tut augenscheinlich eine ganze Menge. Ausbildungsmessen, Betriebsrundgänge, Vorträge in Schulen, Praktikumsangebote und Möglichkeiten der Ferienarbeit würden dazu benutzt, um ganz gezielt das Team zu vervollständigen. All jene, die aus einer Vielzahl von Bewerbungen den Sprung in dieses schaffen, bekämen nicht nur eine fundierte Ausbildung, - der Betrieb besitzt eine eigene Lehrwerkstatt, in welcher sowohl Theorie als auch Praxis vertieft beziehungsweise erprobt werden kann - sondern bei guten Leistungen auch den Pkw-Führerschein bezahlt. Nicht verwunderlich, dass sich der Altersdurchschnitt der Belegschaft von Mitte fünfzig innerhalb der letzten fünf Jahre auf 34 herabgesenkt habe. Jüngere Genossenschaftsmitarbeiter, die von den immer noch im Betrieb gern gesehenen Ruheständlern zahlreiche Tricks und Kniffe übernommen haben. Und sicher auch das Bewusstsein, dass es sich lohnt, gern zur Arbeit zu fahren - auch wenn dort kein Büro, sondern Blaumann und Werkzeug warten.

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