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Gasthof hat 100 Jahre durchgehalten

Am Sonnabend ist wieder Lindenfest im Strießener Lokal bei Familie Meißner. Warum ein Pferd in der Gaststube nicht unerwähnt bleiben darf.

Gerda Meißner zeigt im Gasthof Strießen eine Fotomontage, die der ehemalige Strießener Wilfried Herzschuh zum Jubiläum zusammenstellte.
Gerda Meißner zeigt im Gasthof Strießen eine Fotomontage, die der ehemalige Strießener Wilfried Herzschuh zum Jubiläum zusammenstellte. © Norbert Millauer

Strießen. Wo gibt es noch Dorfgasthöfe? Die meisten sind ausgestorben, der Betrieb lohnt sich nicht mehr. Wenn nicht am Wochenende Mittagstisch und Abendbrot angeboten werden können, ist das Feierabendbier zu wenig, um davon zu leben. 

Dass der Gasthof Strießen schon 100 Jahre durchhält, ist deshalb ein Glück für den Ort. Auch wenn er tatsächlich nur noch abends und zum Frühschoppen am Wochenende geöffnet ist. Ein Glück, das an diesem Sonnabend mit dem Lindenfest gehörig gefeiert wird. Die Wimpelketten sind schon angebracht, das Festzelt aufgestellt. "100 Jahre ist unser Gasthaus nun in Familienbesitz", sagt Wirtin Gerda Meißner stolz. 1956 hat sie selbst das Gewerbe übernommen und damit auch schon wieder fast ein Menschenleben lang hinterm Tresen gestanden. Heute ist sie beachtliche 89 Jahre alt. „Damals war es nicht einfach, so eine Genehmigung zu bekommen. Da mussten erst alle möglichen Instanzen, selbst die Polizei, ihr Amen dazugeben“, blickt sie zurück. 

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Nur mit einer Tasche in der Hand kam die Schlesierin, eine gebürtige Engwicht - darauf legt sie Wert - auf der Flucht 1949 nach Strießen. Der elterliche Bauernhof war dort in den Kriegswirren abgebrannt. Bei einem hiesigen Bauern fand sie Arbeit, bis der Gastwirtssohn Wolfgang Meißner sie sich angelte. 1952 wurde geheiratet. Vier Jahre später übernahm die junge Frau die Gastwirtschaft. Um die doppelte Steuer zu umgehen, hatte Schwiegervater Friedrich Meißner die Kneipe von der Landwirtschaft abgetrennt. Wenn’s auch nur Pfennige waren, die sie dadurch sparten. Landwirtschaft und Gaststätte gehörten bis dahin von jeher zusammen. 

Vor 14 Jahren feierte Gerda Meißner 50 Jahre Gewerbeanmeldung.
Vor 14 Jahren feierte Gerda Meißner 50 Jahre Gewerbeanmeldung. © Klaus-Dieter Brühl

Schon 1859 entstand das Haus in der Dorfstraße. 1861 erwarb die damalige Besitzerin die Genehmigung, alkoholische Getränke zu verkaufen. Demnach besteht das Schankrecht schon seit fast 160 Jahren. 1920 kam das Grundstück in Familienbesitz der Meißners. Das ist heute der Grund für das 11. Lindenfest. Dessen Name geht auf die Hindenburg-Linde und das Jahr 1926 zurück. Damals wurde am Nachmittag des Brezelsonntages im März an der Kreuzung eine Linde gepflanzt. Geschenkt hatte sie Gasthofbesitzer Paul Weißflog aus Priestewitz. 2002 musste der inzwischen stattliche Baum dem Neubau der Kreisstraße weichen. "Das haben viele bedauert, war doch ein Strießener Wahrzeichen verschwunden", kommentiert die Gastwirtin. Doch zwei Jahre später ließen die Knobelfreunde eine neue Linde pflanzen. Seitdem gibt es das Lindenfest.

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Auch zu DDR-Zeiten wurde hier schon kräftig gefeiert, wie sich die betagte Strießenerin erinnert. „Damals zogen noch viele Tanzkapellen über die Dörfer.“ Landkino gab’s im Saal, und kleine Zirkusse mit Haustieren traten auf. „Das würde ich heute nicht mehr zulassen“, wehrt Gerda Meißner energisch ab. Auch ein Pferd dürfte keiner mehr aus Ulk in ihre Gaststube führen. Sie sei damals vor Angst aufs Fensterbrett gekrochen. „Wir haben viel erlebt. Man hätte alles aufschreiben sollen“, bedauert Gerda Meißner, deren drei Töchter mit Familien am Wochenende kräftig mithelfen.

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