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Blick zurück und nach vorn

Wie erklärt man schwerst mehrfach behinderten Menschen die Corona-Einschränkungen? Das Helen-Keller-Haus nimmt diese Herausforderung an.

Gudrun Waldheer (2.v.l.), Leiterin des Helen Keller Haus in Trägerschaft der Diakonie Libera, schaut optimistisch in die Zukunft.
Gudrun Waldheer (2.v.l.), Leiterin des Helen Keller Haus in Trägerschaft der Diakonie Libera, schaut optimistisch in die Zukunft. © Foto: Silke Richter

Von Silke Richter

Hoyerswerda. Eine schier unlösbare Aufgabe, an der man schon für „Otto Normalbürger“ scheitern kann: Wie erklärt man das unsichtbare Virus, SARS-CoV-2, das Schweres-akutes-Atemwegssyndrom-Coronavirus Typ 2, umgangssprachlich auch Coronavirus, verantwortlich für die Krankheit Covid-19 (coronavirus disease 2019); seine Verbreitung und damit verbundene mögliche Folgen aber Menschen, die schwerstmehrfach behindert sind?

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Kleine Ewigkeiten – und dann?

Es kann, je nach Individualität, kleine Ewigkeiten dauern, bis sich Bewohner des Hoyerswerdaer Helen-Keller-Hauses überhaupt erst einmal an die Gesichter ihrer jeweiligen Betreuer und Therapeuten gewöhnt haben. Es sind jene Mitarbeiter, die nun plötzlich Gesichtsmasken tragen müssen, mit denen auch noch die so wichtige Mimik und Gestik als Mittel der Kommunikation und Orientierungshilfe nicht mehr sichtbar sind. Covid-Erklärungsversuche der Mitarbeiter können viele Bewohner, selbst wenn sie es wollten, nur sehr schwer oder gar nicht nachvollziehen. Schwer verständlich ist für viele Bewohner auch der notwendig gewordene Aspekt, dass bei ihnen selbst Maskenpflicht vorgeschrieben ist. Und warum sind gemeinsame Mahlzeiten nicht mehr möglich, warum finden ein normales Gruppenleben und die Aktivitäten im externen Tagesförderbereich nicht mehr statt? Fragen über Fragen; gefolgt von ständigen Änderungen in der Schutzverordnung, deren Beantwortung und Integration in den Alltag der Mitarbeiter nicht nur sehr viel Geduld, sondern auch hohes Einfühlungsvermögen über das normale Maß hinaus abverlangen.

Suche nach Normalität

Ein Schicksal, das sich das Helen-Keller-Haus mit anderen Einrichtungen teilt. Aber Jammern hilft in dieser Situation bekanntlich nicht. Das weiß auch das Team um Einrichtungsleiterin Gudrun Waldheer, das die Situation als Herausforderung sieht. Und so versuchen die Mitarbeiter Katharina Köckritz, Sandra Kubeczak, Sabine Hippe, Jeanette Wackermann, Matthias Freyer und die anderen Kollegen seit dem „Tag X“, das Bestmögliche aus der schwierigen Situation zu machen. So galt es auf der Suche nach der so wichtigen Normalität nicht nur, die neuen Herausforderungen im alltäglichen Umgang mit den Bewohnern zu meistern, sondern auch neue Alternativen zur Teilhabe am öffentlichen Leben zu finden, um Frustrationen zu vermeiden und Struktur sowie Orientierung geben zu können.

Nicht Ausflug, sondern Therapie

Denn ein Besuch im Lausitzbad beispielsweise ist für die schwerstmehrfach behinderten Menschen kein Freizeit-Ausflug, sondern Therapie, Begegnung mit der Außenwelt, Kontakt zu anderen Badbesuchern – und Erlebnis in der Öffentlichkeit gleichermaßen. Das, was für andere Menschen völlig normal ist, heißt für die Bewohner des Helen-Keller-Hauses auch Integration und wichtige Sinnes- und Selbstwahrnehmung in der Außenwelt. Allein die Autofahrt durch die Stadt, das An- und Auskleiden der Bewohner, der unverwechselbare Bad-Geruch, Kontakte zu anderen Besuchern, die Geräusche und die Behaglichkeit weckenden Celsius-Grade – all das sind Eindrücke, die für die Bewohner zu Erlebnissen werden, um ihre körperliche und geistige Entwicklung stabil halten und fördern zu können. Das gibt ihnen Sicherheit und neue Freiräume sowie Möglichkeiten, um einen abwechslungsreichen, aber dennoch routinemäßigen Alltag zu erleben.

Findige Lösungen

Ein Krisen-Management musste also her, um sich mit der Situation arrangieren zu können. Ein Prozess, der bei den Mitarbeitern von ständigen Veränderungen, neuen und wieder verworfenen Ideen sowie sehr viel gefragter Kreativität geprägt war. Und somit fanden eben je nach aktueller Corona-Lage dennoch Autofahrten mit den Bewohnern statt. Wenn auch ohne konkretes Ziel. „Es ging darum, alle notwendigen Verordnungen einzuhalten, aber den Bewohnern dennoch ein höchstmögliches Maß an Normalität ermöglichen zu können“, berichtet Einrichtungsleiterin Gudrun Waldheer. Der Umgang mit Corona sei auch immer eine Gratwanderung – für Bewohner und Mitarbeiter. So wusste einige Zeit niemand konkret, was erlaubt sei, was nicht: Gilt morgen noch das Gesagte/Geschriebene von heute? Was ist, wenn das Helen-Keller-Haus unter Quarantäne gestellt wird; Bewohner erkranken und die Mitarbeiter plötzlich nicht mehr nach Hause dürfen? Und inwiefern kann/darf man als Einrichtung Eigeninitiative übernehmen, um die Infektionsgefahr eindämmen zu können?

Und dennoch hat Corona auch hier etwas Gutes: „Durch die veränderte Tagesstruktur haben wir Mitarbeiter und Bewohner uns alle ein Stück weit neu und noch besser kennengelernt. Solche Krisen können auch zusammenschweißen“, so Gudrun Waldheer. Die Freude auf mehr Normalität ist jetzt umso größer. Die Bewohner fiebern schon jetzt den ersten Besuchen im Lausitzbad, auf der CSB-Kinder- und Jugendfarm sowie in anderen Partnereinrichtungen entgegen.

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