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„Das Virus macht keinen Halt“

Ute Direske erkrankte Ende letzten Jahres schwer an Covid-19. Nach der Reha bewältigt sie nun wieder ihren Alltag zu Hause.

Ute Direske nimmt nun täglich elf Tabletten zu sich, vorher war sie auf keine Medikamente angewiesen. Es geht dabei um Wundheilung, Nervenregeneration, Blutdruck und Schmerzen. Sie hofft, irgendwann wieder ohne auszukommen.
Ute Direske nimmt nun täglich elf Tabletten zu sich, vorher war sie auf keine Medikamente angewiesen. Es geht dabei um Wundheilung, Nervenregeneration, Blutdruck und Schmerzen. Sie hofft, irgendwann wieder ohne auszukommen. © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Als Alten- und Pflegeheime noch ein Hotspot in der Pandemie waren, hat sich auch Ute Direske an ihrem Arbeitsplatz mit Covid-19 angesteckt. Zwischenzeitlich wurden damals infizierte Bewohner des Pflegezentrums in Hoyerswerda gemeinsam in einem Wohnbereich untergebracht. „Das passiert in so einem Haus schnell, dass es sich überall verbreitet“, ist heute die Erkenntnis von Ute Direske.

Trotz Schutz infiziert

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Alles ging mit leichtem Fieber los, andere Pflegekräfte und Betreuer waren schon erkrankt, fielen aus. Ende des Jahres waren besonders die Testkapazitäten ein Problem, so die Hoyerswerdaerin. Ende November suchte sie ihre Hausärztin auf. Sie fühlte sich schlapp, Husten und schweres Atmen schob sie auf das Asthma. Drei Tage konnte sie nicht schmecken und riechen. An einem Montag wurde der Test durchgeführt, Freitag lag das Ergebnis vor, am Montag darauf meldete sich das Gesundheitsamt bei Ute Direske, am nächsten Tag hatte sie schon keine Kraft mehr und weiterhin steigendes Fieber. Mittwoch ging es nicht mehr, der Rettungsdienst wurde gerufen. Von Anfang an vermutete sie, sich mit der Lungenkrankheit infiziert zu haben. Es gab an ihrem Arbeitsplatz immer zahlreiche Schutzmaßnahmen, Klinken und Handläufe wurden ständig desinfiziert. „Das Virus findet seinen Weg und macht keinen Halt.“ Das hat die 42-Jährige am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Heute sagt sie, sie wollte nicht an sich heranlassen, dass der Verlauf schwer sein kann. Vorausschauend hatte sie dennoch schon eine Tasche gepackt. Vor der Einlieferung musste sie mit dem RTW noch mehrere Stunden vor der eigenen Haustür warten, weil in Klärung war, wo sie aufgenommen werden kann. Der Weg auf die Station im Lausitzer Seenland-Klinikum war eine große Anstrengung. Tags darauf folgte die Verlegung auf die Intensivstation. Das Röntgen ergab, dass die obere Lunge schon völlig durch das Virus belegt war. Sie erhielt in dieser Zeit viel Sauerstoff. Noch zwei Tage konnte sie Kontakt mit ihrer Mutter halten, die in die Stadt gereist war und sonst über hundert Kilometer entfernt wohnt.

Weihnachten „verschlafen“

Eines Nachts fiel die Entscheidung, Ute Direske ins Koma zu versetzen. Ein entsprechendes Dokument unterschrieb sie auch, erinnern kann sie sich jedoch nicht mehr daran. „Ich konnte nicht richtig sediert werden.“ Es ging nur unter Tränen. Da lag ihre Sauerstoffsättigung nur noch bei 20 Prozent. Die Lungen waren komplett infiltriert, ein Multiorganversagen deutete sich an. Mutter Bärbel Direske war mit einer Vorsorgevollmacht ausgestattet. Selbst Teil der Risikogruppe kam sie in dieser Zeit nicht zu Besuch ins Klinikum. Zwei Tage vergingen, und es zeigte sich keine Besserung. „Es sah nicht gut aus“, blickt die Hoyerswerdaerin zurück. „Sie haben alles versucht, um mich am Leben zu halten.“ Einige Tage hielt dieser Zustand an, Weihnachten hat sie sozusagen verschlafen, scherzt sie heute. Am zweiten Feiertag wurde Ute Direske langsam wieder zurückgeholt.

Anfangs konnte sie sich nicht artikulieren, hatte taube Finger von der Lagerung, und zehn- bis zwölfmal täglich musste Sekret aus der Lunge abgesaugt werden. Sie erzählt von einem Gefühl des Erstickens. „Ich habe da sehr liebe Schwestern und Physiotherapeuten erlebt.“ Täglich war ihre Mutter für eine Stunde zu Besuch. Schon vorher stand sie in engem Kontakt mit der Station. „Ich hatte kein flaues Gefühl beim ersten Besuch.“

Der Weg zur Selbstständigkeit

In der Zeit nach dem Koma bekam Ute Direske vier Wochen kaum ausreichend Schlaf. „Körper und Geist waren ängstlich.“ Behandelt wurde sie mit einem Blutwäsche-Verfahren, Kortison-Präparaten und Antibiotika. Letzteres verursachte eine allergische Reaktion, was Haut-Ekzeme zur Folge hatte. Manchmal fühlte sie sich im Unklaren gelassen. „Ich habe jede Tablette hinterfragt, die ich bekam.“ So dauerte es zwei Wochen, bis sie den Weg vom Bett ins Bad auf sich nehmen konnte. Insgesamt vier Wochen vergingen, bis sie wieder ausreichend Selbstständigkeit erlangte. Das war nötig, um die Rehabilitation aufzunehmen. „Wo bin ich hier hingeraten“, fragte sie sich oft, weinte innerlich. „Wenn du nichts kannst, unselbstständig bist, dann bist du verloren.“ Sie gab weiterhin ihr Bestes, denn „ich wollte auch nicht hier her“.

Insgesamt drei Wochen hat Ute Direske auf einen Reha-Platz gewartet. Sie vermutet, dass bisher wenige Einrichtungen auf Covid-Patienten eingestellt sind. Sie durfte bis Mitte März nach Kreischa – für insgesamt sieben Wochen. In dieser Zeit fühlte sie sich umsorgt und gehört. „Ich ziehe den Hut vor den Pflegekräften“. Krankengymnastik, Massage, Ergotherapie, Lauftraining, Kraftsport standen auf dem Plan. Nur vier Termine sagte sie ab, alles andere hat sie „immer durchgezogen“. 14 Tage war sie auf einen Rollator angewiesen, dann kamen Unterarmstützen, schließlich ein Gehstock. Schon nach wenigen Treppenstufen war sie geschafft, hatte keine Kraft mehr. „Jeder kleine Schritt war ein Fortschritt. Ich habe nie meinen Mut verloren.“

Mit der Rückkehr nach Hause war Mutter Bärbel wieder zur Stelle. Vier Wochen haben die beiden gemeinsam den Alltag organisiert. Nun kommt täglich eine Schwester zur Wundversorgung, zweimal pro Woche ein Ergotherapeut. „Das ist gut, aber auch sehr stressig. Ich komme da an meine Grenzen.“ Ebenso sind verschiedene Fachärzte in die Nachbetreuung eingebunden. In der Gemeinschaftspraxis Meixner fühlt sich Ute Direske nach wie vor gut aufgehoben. „Ich versuche, damit zu leben, ändern kann ich es nicht.“ Sie leidet noch unter einer tauben Zungenspitze, beschädigten Nerven in der Hand und dünnem Haar.

Rückhalt durch Freunde und Glaube

Ansonsten bemerken die beiden Frauen, dass Behörden noch nicht ausreichend aufgestellt sind. Die Zuzahlungsbefreiung bei der Krankenkasse wird eine Einzelfallentscheidung sein. Auch bestehe die Sorge, dass Long-Covid nicht anerkannt, zu wenig untersucht sei. Da fühlt sich Ute Direske im Stich gelassen. Aber in all dieser Zeit hat sie einen großen Rückhalt in ihrem Betrieb und der Kirchengemeinde zu spüren bekommen. „Ich habe gesehen, was wirkliche Freunde sind.“ Sie sieht die Krankheit als Prüfung an, fühlt sich im Glauben bestärkt, hat nie gezweifelt. So hat sie auch schon zugesagt, künftig in der Gemeinde darüber zu sprechen. Reden hilft ihr bei der Verarbeitung.

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