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Eine Videobotschaft für Mosambik

Diese Aktion soll den Auftakt zum Pogrom-Gedenken im Herbst bilden. Die Bürger sind zum Mitmachen aufgerufen.

Die Worte auf dem Denkmal, das in der Nähe des Zentral-Parks steht, geben die Motivation der Initiatoren wieder.
Die Worte auf dem Denkmal, das in der Nähe des Zentral-Parks steht, geben die Motivation der Initiatoren wieder. © Foto: Juliane Mietzsch

Hoyerswerda. Der Lausitzer Platz soll bald zum Schauplatz für eine Videobotschaft werden. Ein Film, der sich bis nach Mosambik verbreiten soll, so das Ansinnen der Initiative Zivilcourage Hoyerswerda, wird entstehen. Die Ausschreitungen des Herbstes 1991 jähren sich und die Vorbereitungen für das Gedenkwochenende im September schreiten weiter voran. Nun soll es einen Auftakt geben, der auf eine breite bürgerschaftliche Beteiligung setzt.

Am Freitag, dem 16. Juli, wird ab 18 Uhr eine Botschaft in 2 Meter großen Lettern auf dem Lausitzer Platz organisiert. Es wird in Portugiesisch zu lesen sein, dass Hoyerswerda Mosambik grüßt: ‚Hoyerswerda saúda Moçambique‘. „Wir wollen eine Geste der Freundschaft nach Maputo senden, wo sich immer noch jeden Mittwoch ehemalige Vertragsarbeiter treffen, die in Hoyerswerda wohnten, lebten und litten“, heißt es in dem Aufruf der Initiative. Die Lebensverhältnisse werden heute noch durch die finanziellen Verluste aus der damaligen Zeit beeinträchtigt. Vertreter dieser Gruppierung aus der Hauptstadt des ostafrikanischen Staates werden zum Gedenken im September in der Stadt erwartet. Und so soll schon vorab gezeigt werden, dass die Bürgerschaft bereit für den Dialog und die Auseinandersetzung ist. Ebenso gibt es die Möglichkeit, Infostände zu ergänzen und ins Gespräch zu kommen.

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Die Filmaufnahme kann auch mit persönlichen Worten von Einzelpersonen ergänzt werden, ist denkbar. Die Produktion verantwortet dabei die Medienwerkstatt der KulturFabrik. Gefilmt wird von einer Feuerwehr-Drehleiter aus. Dann soll das Ganze so schnell wie möglich auf der Videoplattform YouTube veröffentlicht und verbreitet werden. „Es gab noch nie eine direkte Ansprache der Opfer von Bürgern“, wird als Grundlage und Idee der Aktion genannt. „Diese Menschen warten wirklich auf ein Zeichen“, erklärt Grit Lemke, die sich an der Organisation beteiligt.

Das Ausmaß lange nicht erkannt

An diesem Freitagabend in der nächsten Woche sind alle Bürgerinnen und Bürger sowie Institutionen aufgerufen, sich zu beteiligen, damit der Platz voller Menschen ist, die sich zeigen und Verantwortung übernehmen wollen. Sabine Proksch, als Vertreterin der KulturFabrik in diesem Bündnis erklärt, dass man auch eine Schuld tragen kann, ohne eine direkte Beteiligung. „Wenn Unrecht geschieht, dann muss ich handeln.“ Das Ausmaß und die Folgen dieser Gewalttage seien lange nicht erkannt worden, meint sie. So gehe es vor allem auch darum, aufzuklären. Die Menschen, die nach Mosambik zurückkehren mussten, haben sich damals in einem Bürgerkriegsland wiedergefunden, ergänzt Grit Lemke, leben heute noch in prekären Verhältnissen, weil ihnen vor 30 Jahren die Lebensgrundlage entzogen wurde. „Wir haben allen Grund, uns zu schämen“, so das Fazit und die Ermunterung, die Geschichten der Opfer zu hören, ihnen Raum für Verarbeitung dieses Traumas zu geben. „Wir müssen dafür stehen, dass so etwas nicht wieder passiert“, ist für Henri Müller, den Vertreter der örtlichen Linksjugend Solid, klar.

Pfarrer Jörg Michel schaut zurück und beklagt, dass schon 2014 zur Einweihung des Denkmales mit dem Titel „Offene Tür, offenes Tor“ in der Hoyerswerdaer Neustadt die Betroffenen gefehlt haben. Er denkt, dass die Zeit nun reif ist: „Wir sind jetzt bürgerschaftlich gefragt und müssen uns zivilgesellschaftlich auf die Hinterbeine stellen.“ Eine sensible Bevölkerung gibt es seiner Meinung nach, was das Beispiel des Bürgerbündnisses „Hoyerswerda hilft mit Herz“ zeigt, das sich vor einigen Jahren gründete, noch bevor Flüchtende in der Stadt ankamen. Dennoch ist er der Auffassung, dass „wir uns den Dingen stellen müssen“.

Das Ganze, was nun mit diesem Filmdreh beginnt, soll nur der Anfang sein, einen ersten Anstoß geben. Die Initiative Zivilcourage würde eine beständige Verbindung zu den Mosambikanern in Maputo sehr begrüßen und wünscht sich Nachhaltigkeit. Dabei stellt sich die Frage, wie praktische Hilfe für die Menschen vor Ort aussehen kann, stößt Grit Lemke an. Die Idee einer Schulpartnerschaft steht im Raum. Es werden also auch Hoyerswerdaer gesucht, die bereit sind, diese Verbindung aufrechtzuerhalten und auszuweiten. „Dieses Wochenende im September kann nur der Auftakt sein“, ist sich Grit Lemke sicher.

Für Sabine Proksch sind die Vorbereitungen des Gedenkens, an denen etwa zwanzig Personen direkt beteiligt sind, und die weitere Netzwerke hinter sich haben, immer auch ein Lernprozess. „Wir sind erst auf dem Weg“, hält sie fest.

Dialog und Kennenlernen

Das Programm für das Wochenende vom 17. bis zum 19. September steht soweit fest. Nun finden finale Absprachen zur konkreten Durchführung statt. Es kommen zum Beispiel Sicherheitsfragen auf, die geklärt werden müssen. Neben Podiumsgesprächen, Film- und Buchvorstellungen, wird es unter anderem einen Gottesdienst und einen kritischen Stadtspaziergang geben. Ebenso werden Vertreterinnen und Vertreter aus den Städten Mölln, Solingen und Rostock erwartet, die Anfang der 90er Jahre ähnliche Ereignisse erlebt haben und mit der Aufarbeitung beschäftigt sind. Der Mosambikaner David Macau wird nach jetzigem Stand erwartet, allerdings machen die Auswirkungen der Pandemie dem Organisationsteam derzeit Sorgen, ob die Reise so möglich sein wird.

Gleichzeitig beginnt am 17. September die Interkulturelle Woche im Landkreis Bautzen, die im Zeichen der Offenheit, des Austausches und des Miteinanders zwischen Einheimischen und Zugewanderten steht. Bis zum 3. Oktober finden dann Veranstaltungen unter dem Motto #offengeht statt. Es geht darum, „offen für die Fragen des anderen zu sein und Gemeinsamkeiten zu entdecken“, heißt es in einer Mitteilung.

Rückmeldung/Anmeldung Grußbotschaft am 16. Juli: [email protected]

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