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Beuys: "Ich bin der Idiot mit dem Filzhut"

Einflussreich und umstritten: Joseph Beuys wäre 100 Jahre alt geworden. Der Jahrhundertkünstler löste nicht weniger als eine Revolution in der Kunst aus.

Der Jahrhundertkünstler mit dem markanten Filzhut wurde am 12. Mai vor 100 Jahren geboren.
Der Jahrhundertkünstler mit dem markanten Filzhut wurde am 12. Mai vor 100 Jahren geboren. © Archivfoto: -/dpa

Er wird Heiland, Superstar, Lügner oder Märchenerzähler genannt: Wohl kein Künstler hat zu Lebzeiten und über seinen Tod hinaus so polarisiert und provoziert wie Joseph Beuys (1921-1986): Er führte Filz und Fett in die Kunst ein, er überschritt die Grenze zur Politik und erweiterte den Kunstbegriff mit seinem zentralen Leitspruch "Jeder Mensch ist ein Künstler", "ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt". Am 12. Mai wäre Beuys 100 Jahre alt geworden.

Noch 35 Jahre nach seinem Tod, Beuys starb mit 65 Jahren an einem Pilz in der Lunge, liefern sich Kunsthistoriker Deutungsschlachten über den Universalkünstler vom Niederrhein, dessen Markenzeichen der Filzhut und die Anglerweste war. Seit Jahren geht es dabei vor allem um die Frage, ob der ehemalige Hitlerjunge, der sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete, vom Nationalsozialsozialismus und von völkischer Ideologie durchdrungen war.

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Beuys im Corona-Jahr

Dutzende Ausstellungen präsentieren im Jubiläumsjahr das Werk von Beuys in Deutschland und weltweit: von Berlin über Düsseldorf, Wien, Mailand, Izmir bis nach Japan, Chile, Chicago und Melbourne. Beuys war ein Weltkünstler, der die Kunst nicht nur in seiner Heimat umkrempelte. Das Jubiläumsjahr war riesig geplant, doch Corona hat es ausgebremst. Ausstellungen sind wegen der Corona-Auflagen nur eingeschränkt zu sehen.

Beuys' Werke sind heute in vielen Museen zu finden, aber ohne ihn schwer zu entschlüsseln: bekritzelte Schultafeln, mächtige Basaltstelen mit eingebettetem Filz, riesige Talg-Blöcke, Vitrinen mit kultischen Objekten wie für eine Reise ins Jenseits. Wer erleben will, wie Beuys wirklich war, sollte sich im Netz umtun.

Seine künstlerische Sprengkraft wird deutlich, wenn man seine spektakulären Performances und Endlos-Reden auf Youtube erlebt: Beuys, der 1965 mit Blattgold und Honig überzogen in einer Galerie einen toten Hasen im Arm trug und ihm Bilder zeigte. Oder Beuys' Reise nach Amerika: In einem Krankenwagen ließ er sich 1974 in eine New Yorker Galerie transportieren, wo er wie ein Schamane mit einer Filzdecke überzogen drei Tage mit einem Kojoten in einem Raum verbrachte.

Dass Beuys auf Ressentiments stieß, hat nach Ansicht der Kunst- und Literaturwissenschaftlerin Catherine Nichols auch einfache Gründe: Viele Leute hätten sich vor seinen Materialien geekelt und seine Aktionen als esoterisch empfunden. Beuys verstrich nicht nur kiloweise Fett, sondern er nahm auch einem toten Hasen das Herz heraus, legte skelettierte Vogelköpfe in Reagenzgläser und verwendete Hasenblut. Doch noch etwas befremdet: "Bei Beuys gab es keine feste Botschaft zum Abholen, sondern zunächst einmal eine Aufforderung zum Nachdenken", sagt Nichols. Und: Viele Leute hätten Schwierigkeiten damit, wie Beuys in seinem Werk mit Mythos und seiner Biografie umgehe.

Die Krim-Legende

Nichols und Eugen Blume, Beuys-Experte und früherer Leiter des Gegenwartsmuseums Hamburger Bahnhof in Berlin, sind die künstlerischen Leiter des Jubiläumsjahres "beuys2021". Seit Jahren beschäftigen sie sich mit dem Kosmos von Beuys. Dieser habe selbst gesagt, dass man ihn als "Märchenerzähler" verstehen müsse, sagt Blume. "Er hat Legenden und Mythen im geistigen Sinne produktiv gemacht."

Der größte Mythos ist die Legende um seinen Abschuss an Bord eines Sturzkampfbombers über der Krim im Zweiten Weltkrieg. Tatarische Nomaden hätten ihn schwerverletzt geborgen, ihn in Filz und Fett gewickelt und so geheilt, erzählte Beuys seit 1968. Sie hätten ihn sogar gebeten, ihrem Stamm beizutreten. Abgesehen davon, dass es 1944 gar keine Nomaden auf der Krim gab, wurde das Flugzeug auch nicht abgeschossen, sondern war bei schlechtem Wetter abgestürzt. Der Pilot kam ums Leben, Beuys wurde im Feldlazarett behandelt.

Warum aber hat Beuys die Krim-Legende erfunden?" Sie ist ein poetischer Reflex auf den Krieg", sagt Blume. "Natürlich stimmt sie historisch nicht. Das Bild der Heilung eines Kriegers durch ein mit der Natur verbundenes Nomadenvolk ist eigentlich das Wichtige. Es sind Wandlungsbilder, die er immer wieder erzählt." Die Krim-Legende sei "ein Kunstwerk" wie auch seine Biografie, die Beuys 1964 geschrieben habe. Im übrigen habe Beuys auch einen Brief an die Eltern des bei dem Absturz getöteten Piloten geschrieben. "Darin steht genau, wie es sich ereignet hat", so Blume.

Fett, Filz, die Bedeutung der Wärme - all das wurde später prägend für Beuys. Vielleicht war der Grund für seinen Hang zu Fett aber auch, dass seine Eltern für ihn eine berufliche Zukunft in der Margarine-Fabrik im heimischen Kleve geplant hatten.

Mehrfach haben Autoren Beuys' Lebenslauf kritisch beleuchtet. Verstörend erschien, dass er zum Kameradschaftsabend der einstigen NS-Stuka-Bomber ging. 1976 trat Beuys als Kandidat für die nationalistische Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher an. Für Aufsehen sorgte 2013 eine Biografie, in der Autor Hans-Peter Riegel die These aufstellte, Beuys sei "bis ins Mark völkisch" gewesen und habe sich mit auffallend vielen Alt-Nazis umgeben.

Völkische Ideologie bei Beuys? Für Kunstexperte Blume ist das abwegig. Allein der Satz "Jeder Mensch ist ein Künstler" widerlege diese These. "Dieser Satz ist der klare Widerspruch gegen jede Form von Rassismus, Frauenfeindlichkeit und völkischem Denken." Blumes Kollegin Nichols weist daraufhin, dass Beuys sich 1980 in einem Interview sehr deutlich zu seiner persönlichen Schuld wie zur Kollektivschuld der Deutschen bekannt habe.

Superstar Beuys

Beuys wurde erst mit über 40 Jahren berühmt - und er war vor allem ein Medienstar. Er zählt zu den meistfotografierten Künstlern der 1960er- bis 1980er-Jahre, als es noch keine Smartphones gab und kein Internet. War Beuys also ein Selbstdarsteller? Nein, meinte sein Schüler Johannes Stüttgen einmal. "Er ist als Künstler gleichzeitig Bestandteil des Kunstwerks." Beuys selbst sagte über sich: "Ich bin der Narr, der Idiot mit dem Filzhut (...). Ich will den Leuten klarmachen, dass ich eigentlich genauso bin wie sie selber."

Beuys habe sich ab 1964 als Privatperson aufgegeben und sich als gesellschaftliche Person verstanden, "die an sich selbst experimentell zeigen wollte, dass allein die Kunst in die Freiheit führt", meint Blume. "Am Ende war er in jeder Hinsicht so etwas wie ein Superstar."

Für Beuys war jeder Mensch ein Künstler, deshalb nahm er 127 Studenten in seiner Düsseldorfer Akademie-Klasse auf. Der damalige NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau feuerte ihn. Heute wird in der Kunstakademie der bräunliche Fleck, wo er einst eine Fettecke hingespachtelt hatte, hinter Glas wie ein Heiligtum gehütet. Das Fett hatte ein Hausmeister nach Beuys' Tod abgekratzt. "Ich bin gar kein Künstler", sagte Beuys 1985. "Es sei denn unter der Voraussetzung, dass wir uns alle als Künstler verstehen, dann bin ich wieder dabei. Sonst nicht."

Laute Aktionen, empfindsame Zeichnungen

So schrill Beuys' Aktionen waren, so zart waren seine Zeichnungen. Auf Tausenden Blättern entstand ein rätselhaft mythischer Kosmos, bevölkert von Hasen, Hirschen, Bienen, Schwänen, Elchen. Mit Beize, Bleistift oder Braunkreuzfarbe malte Beuys, der "Schamane", hauchzarte Frauenkörper, Nebelfrauen und "Urschlitten". Manchmal erinnern sie an Höhlenzeichnungen aus der Steinzeit.

Beuys war auch ein hart arbeitender Mensch. Als Gründungsmitglied der Grünen ("Man muss die Macht des Geldes brechen") machte er Kampagnen und malte Plakate. Doch die junge Bewegung ließ den unbequemen Künstler Anfang der 80er Jahre fallen. Dabei war Beuys eine Art Vorreiter der Ökologie. 7000 Eichen ließ er ab 1982 zur Documenta in
Kassel pflanzen.

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Was aber hat Beuys der Kunst gebracht außer Filz, Fett und schrägen Aktionen? "Die Öffnung der zeitgenössischen Kunst in den politischen und sozialen Raum, die man in den letzten Jahrzehnten deutlich sehen kann, hat viel mit Beuys zu tun", sagt Blume. Beuys habe als erster diese Grenze überschritten und sich "enorm engagiert". Eine von Blume und Nichols kuratierte Ausstellung in der Kunstsammlung NRW verweist auf Beuys' Erbin heute: Fridays-for-Future-Aktivistin Greta Thunberg. (dpa)

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