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Das Licht der Welt strahlt von der Decke

Zu Weihnachten werden im Erzgebirge handgefertigte Kronleuchter aufgehängt. Sie erzählen aber nicht nur von der Geburt Jesu.

Von Tim Ruben Weimer
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Gunnar Horatzscheck (Horatzscheck Kunsthandwerk) zeigt die von ihm hergestellten Kronleuchter in seinem Laden in Annaberg-Buchholz.
Gunnar Horatzscheck (Horatzscheck Kunsthandwerk) zeigt die von ihm hergestellten Kronleuchter in seinem Laden in Annaberg-Buchholz. © Ronald Bonß

Annaberg-Buchholz/Dresden. Erzgebirgische Holzfiguren reihen sich an den Wänden in der Kunsthandwerks-Manufaktur von Gunnar Horatzscheck in Annaberg-Buchholz. Aus den Schaufenstern senden Schwibbögen weihnachtliches Licht auf die Straße. Doch der Kindheitstraum des 58-jährigen gelernten Treppenbauers hängt an der Decke. Unter den Strahlen einer vergoldeten Sonne strecken sich die sechs Arme eines erzgebirgischen Kronleuchters in die Luft. Jeder Arm hat die Form einer Schlange, aus der gelbe Dornen sprießen. An den pechschwarzen Schlangenköpfen hängen rote Paradiesäpfel. Dazwischen finden Maria, Josef, die drei Könige und der Verkündigungsengel ihren Platz. Auf einer zweiten Etage strecken Adlerköpfe Ringe in die Höhe, eine Anspielung auf das erzgebirgische Armbrustschießen, bei dem häufig Adler als Ziele dienten.

„So aufwendige Kronleuchter produziert kaum jemand mehr im Erzgebirge“, sagt Horatzscheck. Liebhaber zahlen 2.600 Euro für den Holzleuchter nach Wiesaer Tradition. In jedem stecken rund zwei Wochen konzentrierte Arbeit. Die erzgebirgischen Leuchter galten ab dem 18. Jahrhundert als Ausdruck des Stolzes, den die einfachen Bergleute gegenüber dem Kurfürsten zum Ausdruck brachten. Auf der bis dato größten Bergparade von 1719 dürften die Bergleute erstmals die üppigen Kronleuchter des kurfürstlichen Hofes zu Gesicht bekommen haben.

„Das muss ihnen paradiesisch vorgekommen sein. So viel Licht!“, erzählt Käthe Klappenbach, Kuratorin der Kronleuchter-Ausstellung im Dresdner Volkskunstmuseum. Die höfischen Leuchter nahmen sich die Bergleute als Vorbild für ihre eigenen Kronleuchter und integrierten bergmännische Figuren. Viele begabte Bergmänner verdienten durch den Verkauf der Leuchter einen Nebenerwerb.

Kettenlaufleuchter von 1870 aus dem Seiffener Raum mit Glasperlen.
Kettenlaufleuchter von 1870 aus dem Seiffener Raum mit Glasperlen. © SKD/Museum für Sächsische Volkskunst, Karsten Jahn

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hießen die erzgebirgischen Leuchter bereits „Bergspinne“ oder „Bergleuchter“ und waren fester Teil des Weihnachtsbrauchtums. Fast jede Familie besaß eine selbst angefertigte Spinne. Die Lichter – häufig aus tierischem Talg oder Pflanzenöl, da Bienenwachs zu teuer war – wurden das erste Mal zu Heiligabend angezündet, erneut zu Silvester und zuletzt am Abend vor Hohneujahr, dem Dreikönigsfest. Das kostbare Licht symbolisierte die Geburt Jesu, die Ankunft des „Lichts der Welt“.

Dem höfischen Kronleuchter aus Glas hat die Radebeuler Künstlerin Friederike Curling-Aust einen stolzen Bergmann und dessen Schutzengel hinzugefügt. Er symbolisiert die Nachahmung und Weiterentwicklung der höfischen Kultur durch die Bergleute.
Dem höfischen Kronleuchter aus Glas hat die Radebeuler Künstlerin Friederike Curling-Aust einen stolzen Bergmann und dessen Schutzengel hinzugefügt. Er symbolisiert die Nachahmung und Weiterentwicklung der höfischen Kultur durch die Bergleute. © SKD/Museum für Sächsische Volkskunst, Karsten Jahn
Messingkronleuchter in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Zschopau. Leuchter wie diesen galten den Bergleuten als Vorbild.
Messingkronleuchter in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Zschopau. Leuchter wie diesen galten den Bergleuten als Vorbild. © Stephan Drechsler, Evangelisch-Lutherische Kirche
Mehrere Etagen hat der Leuchter mit Deckenpyramide aus Annaberg.
Mehrere Etagen hat der Leuchter mit Deckenpyramide aus Annaberg. © Manufaktur der Träume, Annaberg-Buchholz, Inv-Nr.
Auf den zwölf Kerzenarmen dieser Leuchterspinne von 1900 prangen Spielzeugfiguren.
Auf den zwölf Kerzenarmen dieser Leuchterspinne von 1900 prangen Spielzeugfiguren. © SKD/Museum für Sächsische Volkskunst, Karsten Jahn

Wird diese Tradition auch heute noch von einigen Familien aufrecht gehalten, hängen die erzgebirgischen Leuchter inzwischen an vielen Orten ganzjährig. Gunnar Horatzscheck bietet für seinen Kronleuchter eine Sommer-Kollektion mit Bergbaufiguren an, die den Platz von Maria, Josef und den Königen einnehmen. Viele Regionen entwickelten eigene Formen der Bergleuchter. Leuchter aus Seiffen sind mit Kette und Holzperlen umschlungen. Häufig sind sie als hängende Pyramiden konzipiert, die sich durch im Inneren versteckte Kerzen oder später Uhrwerke oder Elektromotoren drehten. Bei besonders komplexen Einzelstücken drehen sich die Etagen sogar gegenläufig. Auch zu DDR-Zeiten wurden Kronleuchter mit christlicher Symbolik hergestellt, da die erzgebirgische Volkskunst wichtig für den Export ins nichtsozialistische Ausland war. Genauso entstanden aber Leuchter, die den Zeitgeist durch Figuren von Sekretärin, Kindergärtnerin oder Bauer widerspiegelten.

In dieser modernen Ausführung von Gunnar Horatzscheck erinnern Maria, Josef und die Heiligen an Schachfiguren.
In dieser modernen Ausführung von Gunnar Horatzscheck erinnern Maria, Josef und die Heiligen an Schachfiguren. © ronaldbonss.com

Heute ist das Brauchtum in den Hintergrund geraten, die Kronleuchter sollen sich in moderne Wohnwelten einpassen. Jüngere Generationen interessieren sich für Horatzschecks moderne Varianten der erzgebirgischen Kronleuchter. Er liebt es, zu provozieren. „Ich habe einmal eine Maria mit einem etwas kürzeren Rock gemacht, und da meinten dann manche, das sei schon etwas unter der Gürtellinie. Es darf bei mir ruhig ein bisschen überzogen sein.“

Die Ausstellung "Von Spinnen, Engeln und dem Licht der Welt" im Museum für sächsische Volkskunst zeigt noch bis mindestens Ostern eine Auswahl traditioneller erzgebirgischer Kronleuchter. Derzeit ist das Museum wegen Corona geschlossen.