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Tom Pauls: "Das Leben ist meist chaotisch"

Die Kunst, das Virus und der Sachse: Ein Gespräch über den Jahreswechsel in verrückten Zeiten.

„Humor braucht es jetzt mehr denn je“: Tom Pauls auf dem Blauen Wunder in Dresden.
„Humor braucht es jetzt mehr denn je“: Tom Pauls auf dem Blauen Wunder in Dresden. © Thomas Kretschel

Es war ein Jahr, in dem sogar Tom Pauls, 61, das Lachen vergehen konnte. Zweimal musste das nach ihm benannte Theater in Pirna schließen, allen Hygienekonzepten zum Trotz. Dennoch gut gelaunt lädt der Kabarettist zu einem Gespräch auf der Sitzecke in seiner Küche ein. Es gibt Bohnenkaffee, Dresdner Stollen und Plätzchen, selbst gebacken.

Herr Pauls, wenn Sie das Jahr 2020 in einem sächsischen Wort zusammenfassen müssten, welches wäre das?
Ich würde sagen: gägsch. Das ist ja auch das sächsische Wort des Jahres geworden, in der Sonderkategorie „Seelenzustand der Sachsen“.

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Was ist gägsch für ein Seelenzustand?
Gägsch ist zunächst mal eine Gesichtsfarbe. Der Sachse sagt: Mein Gott, der sieht aber gägsch aus! Irgendwas stimmt nicht mit ihm. Mir is heute wie ä bissl komisch. Das heißt so viel wie: Ich weiß nicht so rischdsch. Irgendwas geht hier vor. Ich bin aber noch nicht sicher, was. Ist es was Ernstes? Oder bilde ich mir den Zustand bloß ein? Deshalb passt das Wort auch ganz gut zum Jahr 2020.

Ging es Ihnen auch gägsch?
Als es hier losging mit Corona, wusste ich ja auch nicht: Wie schlimm ist es wirklich, ist es eine Seuche oder ist es keine? Da habe ich mich aufs Land zurückgezogen, für drei, vier Wochen, in die Laube, weil auch meine Kinder gesagt haben: Pass auf, du gehörst zur Risikogruppe! Und dann waren wir ja sozusagen arbeitslos. Also haben wir überlegt: Was können wir jetzt tun?

Und dann?
Es war eine sehr schöne Erfahrung in diesem Jahr, dass sich schließlich ganz verschiedene Künstler mit den Veranstaltern zusammengetan haben. Diese Solidarität. Alle zogen an einem Strang, und dann haben wir mit Rodney Aust die Veranstaltungen in der Jungen Garde in Dresden unter freiem Himmel gestemmt. Das war ein großes Glück für uns und unser Publikum, dass die Künstler endlich wieder auftreten konnten.

Welche Erfahrung war nicht so schön?
Am schlimmsten war eigentlich die Aussage der Bundesregierung, die Kultur beim Lockdown als „Freizeitgestaltung“ zu bezeichnen. Das hat alle in Mark und Bein getroffen. Die Künstler in diesem Zusammenhang überhaupt zu nennen! Später wurde das ja wieder zurückgenommen. Dennoch bleibt das ganz tief haften.

Wird durch die Corona-Krise die Wertschätzung für Kunst geschwächt oder gestärkt?
Ich vermute, dass es bald wieder eine ganz große Künstlerverehrung geben wird. Die Leute werden im Nachhinein merken, was ihnen gefehlt hat. Neulich hatte ich mal wieder eine Probe, und als ich in unser Theater kam, hörte ich dort einen Pianisten und einen Geiger – mir standen plötzlich die Tränen in den Augen.

Und der Humor?
Humor braucht es jetzt mehr denn je, sonst gehen wir ein. Das klappt auch ganz gut. Denken Sie an das sächsische Wort des Jahres, das Wort für Maske. Das geht zurück auf eine Anekdote, die ich an der Tankstelle erlebt habe, wo eine Frau zu mir gesagt hat: „Ich hab Sie gar nicht erkannt – wegen Ihrem Schnudndeggl.“

Humor bringt auch Gelassenheit. Die scheint durch Corona zunehmend zu schwinden, und zwar auf allen Seiten. Woran liegt das?
Das Leben ist nicht linear, sondern meist chaotisch. Wir versuchen, linear zu denken, indem wir Ursache und Wirkung berechnen. Aber auch die Pandemie ist letztlich so nicht in den Griff zu kriegen. Jede Kindererziehung, jede Beziehung, jedes Arbeitsteam und so weiter hat immer was mit Geben und Nehmen, Für und Wider und mit Kompromissen zu tun. Diese Kompromisse fehlen mir auf der ganzen Ebene, nicht nur beim Thema Corona.

Zum Beispiel?
Nehmen Sie den Streit über die Rundfunkgebühren. Da will ein Bundesland der Erhöhung nicht zustimmen. Denen geht’s doch nicht um die 86 Cent. Es geht darum: Was für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wollen wir haben? Aber die Verantwortlichen igeln sich ein, statt eine Diskussion zuzulassen über die Höhe von Intendantengehältern, ob wir zwei staatliche Sender brauchen, die kleinen Landesanstalten und so weiter. Die Diskussion wird im Keim abgewürgt. Stattdessen – und das ist das Schlimmste – ruft man Gerichte an.

Ist das nicht das gute Recht der Sender?
Das mag ja sein, aber mir geht es um etwas anderes. Es ist doch auch im Kleinen oft so. Statt den Nachbarn zu fragen: Kannst du mal bitte deinen Kirschbaum schneiden, zieht man auch hier lieber gleich vor Gericht. Wir übergeben unser gesellschaftliches Leben den Bedenkenträgern. Und die Bedenkenträger sind zumeist Totengräber.

Wie geht denn nun der Sachse mit all dem um?
Der Sachse ist und bleibt der Prügelknabe der Nation, in diesem Jahr ganz besonders. Erst kommt er nicht an die Corona-Höchstwerte, wie zum Beispiel in Bayern. Dann plötzlich ist die Landkarte rot, und der Sachse ist wieder schuld. Ich glaube, dass er seine Rolle als Prügelknabe nun endgültig angenommen hat: Nu grade! Das ist eine Trotzreaktion. Nicht umsonst gibt es hier großen Widerstand.

Woher kommt das?
Es hat auch mit der Erfahrung hier im Land zu tun. Wir haben uns im Sommer alle gewundert, wie diszipliniert unsere Touristen waren, aus Nordrhein-Westfalen, aus Bremen oder Baden-Württemberg. Die dachten: Was ist denn hier los? Je enger der Freiheitsradius wird, den die Politik vorgibt, umso skeptischer ist der Sachse.

Ist er damit gut gewappnet für eine Pandemie?
Auf jeden Fall. Der Sachse weiß nämlich: Selbst wenn es schon ganz schlimm ist, es könnte alles noch viel schlimmer werden. Das ist eine Lebenshaltung. Und, wie meine Oma immer gesagt hat: Aus allem das Beste machen!

Kennen Sie selbst jemanden, der eine Corona-Infektion hatte?
Ja, meine Schwester hatte es schon ganz am Anfang. Die war im Frühjahr Ski fahren, in Ischgl. Sie hatte eine Grippeschutzimpfung, und bei ihr war es ganz schlimm. Sie ist nicht beatmet worden, aber es ging ihr so schlecht, sie konnte nicht mehr aufstehen. Ihr Mann, 70, Krebspatient – nichts. Er hat sie gepflegt. Mein Neffe, ihr Sohn, war mit ihr in Ischgl. Er ist fünfmal getestet worden, dreimal positiv, zweimal negativ. Jedes Mal musste er in Quarantäne. Bis er gesagt hat: Jetzt langt mir’s! Noch ein Test, dann war er wieder negativ. Es ist schon verrückt mit diesem Virus.

Wie geht es am Tom-Pauls-Theater im neuen Jahr weiter?
Wir können jederzeit, innerhalb von drei Tagen, den Ofen wieder anzuheizen. Die Künstler stehen ja sowieso Gewehr bei Fuß. Man muss aber auch mit dem Schlimmsten rechnen, also zum Beispiel Lockdown bis Ostern. Damit könnten wir gerade noch umgehen, wir haben zum Glück finanziell vorgebaut. Voraussetzung ist aber, die versprochenen Entschädigungen kommen wirklich komplett, denn bisher ist für unser Theater bis Ende des Jahres nur ein Abschlag angekommen.

Welche Pläne haben Sie, wenn Sie wieder spielen dürfen?
Ich würde gerne die Premieren nachholen. Wir hätten eine wunderbare Operettenpremiere gehabt Anfang November, geplant war auch ein Marika-Rökk-Abend im Februar – und dann natürlich der Höhepunkt: zehn Jahre Tom-Pauls-Theater, im November.

Was haben Sie da vor?
Eine Festwoche, mehrere Premieren, ein großes Stück Musiktheater, und es wird ein Buch geben, eine Anekdotensammlung rund um das Theater, denn Theater ist meine Leidenschaft.

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Wie haben Sie den Jahreswechsel verbracht?
Ich war allein mit meiner Frau in der Sächsischen Schweiz und habe mal aufgeräumt. Da habe ich in der Garage noch zwei Raketen gefunden, eine weiße und eine grüne. Die habe ich in den sächsischen Himmel gefeuert und mir dabei etwas gewünscht.

Das Gespräch führte Marcus Thielking.

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