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Vom Dresdner Antiquar zum rechten Außenseiter

Warum wird ein Buchhändler fremdenfeindlich? Der Dresdner Schauspieler Torsten Ranft gibt Einblick in eine ostdeutsche Biografie.

Von Luisa Zenker
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Das Theaterstück "Die rechtschaffenen Mörder" feiert am Freitag die Premiere im Schauspielhaus Dresden mit Schauspieler Torsten Ranft in der Hauptfigur.
Das Theaterstück "Die rechtschaffenen Mörder" feiert am Freitag die Premiere im Schauspielhaus Dresden mit Schauspieler Torsten Ranft in der Hauptfigur. © Sebastian Hoppe

Dresden. Das Theaterstück "Die rechtschaffenen Mörder" feiert am Freitag seine Uraufführung im Dresdner Schauspielhaus. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman des Dresdner Schriftstellers Ingo Schulze und handelt von einem erfolgreichen DDR-Buchhändler, der nach dem Mauerfall rechtsradikal wird. Im Interview führt Hauptdarsteller Torsten Ranft die Radikalisierung der Hauptfigur nicht nur auf die Wende, sondern auch auf eine gewisse Lethargie zurück.

Herr Ranft, worum geht es in dem Stück "Die rechtschaffenen Mörder"?

Es handelt vom Buchhändler Norbert Paulini, der zu DDR-Zeiten ein berühmtes Antiquariat in Dresden-Blasewitz besaß. Alle sind dorthin gepilgert, weil es da Bücher gab, die man sonst nirgends kaufen konnte. Dann kommt die Wende, und die Hauptfigur Paulini merkt, wie der Wert der Bücher sinkt. Dass Leute für 100 Mark ihren Bestand verkaufen oder gar auf eine Müllhalde kippen. Er verzweifelt völlig. Das Buch, was mal wertvoll für ihn war, ist plötzlich Massenware. Er schließt seinen Laden, verliert seinen Status, muss an der Supermarktkasse arbeiten. Zieht weit raus ins Elbsandsteingebirge.

Ein Theaterstück über den Kapitalismus?

Es ist eine hochaktuelle Geschichte über den Zustand der Welt. Darüber, was Kapitalismus ist und wie der Einfluss auf den einzelnen Menschen hat. Wie Beseeltes zerschlagen, zerstört wird. Wie Geld die Überhand gewinnt. Es ist eine riesige Tragödie.

Norbert Paulini wird selbst zur tragischen Figur. Er wird ein rechter Außenseiter.

Ich würde sagen, er ist verbittert, nicht rechts. Er lässt sich zu Äußerungen hinreißen, schimpft über Ausländer.

Warum beginnt er schlecht über Ausländer zu reden?

Er hat eine simple Weltsicht, wie sie grad weit verbreitet ist. Die Ausländer bekommen viel, und er hat nichts mehr.

Und können Sie verstehen, dass er so endet?

Leben ist zu 50 Prozent Glück. Man kann so enden wie er, oder man kann schauen, dass man einen Riecher entwickelt, wo sich eine Tür öffnet. Aber er hat nie eine aufgemacht, er ist mit seinen Büchern groß geworden. Er hat alles daraufgesetzt und dann ist das plötzlich weg, nichts mehr wert. Er verbittert. Vielleicht ist es gut, dass man sich im Leben etwas breiter aufstellt.

Sehen Sie bei der Entwicklung von Norbert Paulini Parallelen zu heutigen Bibliothekaren und Buchhändlerinnen?

Das kann sich jeder selbst zurechtschrauben. Dieses Antiquariat in Dresden-Blasewitz gab es ja wirklich zu DDR-Zeiten. Radikalisiert hat sich der Besitzer aber nicht: Es hat wohl Briefe an den Autor Schulze nach der Romanveröffentlichung gegeben, dass er in dem Buch etwas behauptet, was so überhaupt nicht gewesen ist. Das ist dann offenbar die künstlerische Freiheit von Ingo Schulze, so etwas das zu verschärfen.

„Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar …“Was wie ein idyllisches Märchen beginnt, entwickelt sich in dem Theaterstück „Die rechtschaffenen Mörder“ zu einer Tragödie über Neid und Radikalisierung. Der Dresdner Schauspieler Torsten Ranft in der Hauptfigur des Buchhändlers mit Schauspielerin Christine Hoppe.
„Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar …“Was wie ein idyllisches Märchen beginnt, entwickelt sich in dem Theaterstück „Die rechtschaffenen Mörder“ zu einer Tragödie über Neid und Radikalisierung. Der Dresdner Schauspieler Torsten Ranft in der Hauptfigur des Buchhändlers mit Schauspielerin Christine Hoppe. © Sebastian Hoppe
Der Antagonist zum Buchhändler Paulini (Torsten Ranft) ist Schultze (Moritz Kienemann), der nach 1989 die Demokratisierung des Landes voranbringen wollte, hat in der westlichen Welt Fuß gefasst und die Gesetze des Marktes verinnerlicht.
Der Antagonist zum Buchhändler Paulini (Torsten Ranft) ist Schultze (Moritz Kienemann), der nach 1989 die Demokratisierung des Landes voranbringen wollte, hat in der westlichen Welt Fuß gefasst und die Gesetze des Marktes verinnerlicht. © Sebastian Hoppe

Was hat Ihnen denn geholfen, sich dem Antiquar Paulini zu nähern?

Mir hilft meine eigene Biografie sehr. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Mensch, der in der DDR groß geworden ist. Deshalb ist es auch so toll, ihn zu spielen, weil er was mit einem zu tun hat. Es ist eine Figur, die an einigen ostdeutschen Biografien nah dran ist.

Welche Schnittmengen gibt es zu Ihrem eigenen Leben?

Ich kenne Leute, die einen richtigen Knick erlebt haben, in der Wendezeit. Für die es nicht weiterging. Das kann ich für mich selber nicht sagen. Für mich ging es weiter.

Sie sind erfolgreich geworden.

Ich bin nach Bochum ans Schauspielhaus gegangen. Ich hätte mir gewünscht, dass mehr Menschen, die hier groß geworden sind, auf die andere Seite gezogen wären und mehr aus dem Westen in den Osten gegangen wären. Dass es wirklich diesen lebendigen Austausch gegeben hätte. Sonst bleibt es immer nur bei merkwürdigen Vorurteilen, die nie abgebaut werden.

Der Buchhändler ist in Dresden geblieben, sie sind gegangen, später wieder zurückgekehrt. Inwiefern können Sie sich mit ihm identifizieren?

Mit diesem Wert der Bücher zu DDR-Zeiten. Ich habe Verwandtschaft drüben gehabt und die haben dann Bücher geschmuggelt. Und man hat versucht, auf irgendwelchen Wegen Lektüre zu bekommen. Es war irre, wie manche Bücher herumgegangen sind.

Dann kam die Wende. Paulini muss schließen. Hätte die Tragödie verhindert werden können?

Vielleicht. Er hätte anpassungsfähiger sein müssen. Er hätte sagen müssen: Dann mach ich keinen richtigen Lederumschlag drum. Oder dann verkauf ich die Bücher eben teurer. Er hat aber nie im Leben diese kapitalistischen Mechanismen verinnerlicht.

Und haben Sie diese Gesetze des Markes verstanden?

Ich habe einfach Glück gehabt.

Das heißt, dass die Menschen kein Glück hatten, die nach der Wende zu tragischen Figuren wurden?

Man hat vielleicht mehr Glück, wenn man Türen aufmacht. Man darf nicht klebenbleiben an der Stelle, wo man ist. Wenn sich eine Tür aufmacht, dann muss man durchgehen und schnuppern, was da los ist. Und wenn du das machst, dann kommt das Glück auch zu dir. Aber wenn du das nicht machst und an der Stelle sitzenbleibst, dann haste eben kein Glück. Und das ist ja das Leben, das man weiter schreitet, um etwas zu entdecken und zu erfahren. Und wenn man sitzen bleibt, dann sieht man nichts. Norbert Paulini hat sich nicht mehr bewegt.

Das Gespräch mit dem Dresdner Schauspieler Torsten Ranft führte Luisa Zenker.

Die Uraufführung von „Die rechtschaffenen Mörder“ am Freitag im Staatsschauspiel Dresden ist ausverkauft. Nächste Vorstellungen am 28. und 29. Oktober. Tickets unter: 0351 49 13 555 oder auf der Webseite: www.staatsschauspiel-dresden.de