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Das Extra-Dorf im Dorf

Seit 300 Jahren lebt Großhennersdorf mit und vom Katharinenhof - und dennoch sind es scheinbar zwei Welten. Ein Blick hinter die Kulissen.

Familie auf Zeit: Katharinenhof-Bewohnerin Andrea, Betreuerin Anke Petschke und Bewohnerin Sieglinde (von rechts) kennen sich seit Jahrzehnten.
Familie auf Zeit: Katharinenhof-Bewohnerin Andrea, Betreuerin Anke Petschke und Bewohnerin Sieglinde (von rechts) kennen sich seit Jahrzehnten. © Matthias Weber/photoweber.de

Wenn Anke Petschke den Namen ihrer Arbeitsstätte nennt, benennt sie den Gutshof, der Großhennersdorf seit 300 Jahren seinen eigenen Stempel aufdrückt: Die Geschichte des Katharinenhofs vereint die edle Absicht, Menschen zu helfen, sie zu bilden und ihnen ein Heim zu geben mit schwierigen Kapiteln und dunklen Schatten. Das prächtige Haupt-Gebäude, das auf Gründerin Henriette Sophie von Gersdorff zurückgeht, ist heute Hauptsitz der Evangelischen Stiftung Diakoniewerk. Und doch ist die Einrichtung weit entfernt vom Alltag vieler, obwohl sie im Herzen des Dorfes liegt.

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Beeinflusst hat der Katharinenhof seine Umgebung aber immer. So ist das Diakoniewerk heute ein großer Arbeitgeber in der Region. Mit der NS-Zeit und der Verwicklung in Euthanasie- und Auslese-Programme fielen dunkle Schatten auf die Einrichtung. Zu DDR-Zeiten war der Katharinenhof dann Anziehungspunkt für Menschen, die dem System aus dem Weg gehen wollten. Das brachte neue Farben in die Dorfgemeinschaft.

Auch für Anke Petschke war die Arbeitsstelle im Katharinenhof eine neue Farbe im Leben. Eigentlich wollte sie in der Jugendhilfe arbeiten. Doch die Wende warf ihre Pläne durcheinander und sie griff vor 30 Jahren zu, als sie das Angebot im Katharinenhof erhielt. "Meine Familie war anfangs nicht begeistert", erinnert sich die heute 51-Jährige. Sie selbst ist sich heute sicher, dass es die richtige Entscheidung war. "Ich bin froh darüber", betont sie.

Wenn sie zum Dienst kommt, betritt sie eine Insel. "Ja, der Katharinenhof ist etwas Besonderes, es ist ein Schutzraum für die Menschen, die hier leben", sagt die Heilerziehungspflegerin, die Verantwortung für eine Tagesgruppe im Ruth-Kittner-Haus trägt. "Aber die Bedürfnisse, Ansprüche und Probleme sind hier keine anderen als anderswo", fügt sie mit einem Lächeln hinzu. Das Leben in einer der größten sozialen Einrichtungen der Region verläuft nach ähnlichen Mustern wie das anderer Menschen - nur dass die Bewohner hier mehr Unterstützung und nicht nur im Alter mehr Pflege brauchen.

So wie Andrea und Sieglinde. Sie leben seit vielen Jahren in Großhennersdorf. Anke Petschke ist für sie ein Teil ihrer Familie. Die beiden Damen sind trotz ihrer körperlichen und geistigen Einschränkungen beide einer Arbeit nachgegangen: Die heute 74-jährige Sieglinde ist in einer Zeit in den Katharinenhof gekommen, in der die größeren, einigermaßen selbstständigen Kinder mit Behinderungen den Diakonissinnen bei der Arbeit zur Hand gehen mussten: "Ich habe die kleinen Kinder angezogen und gefüttert", erzählt Sieglinde, die selbst offenbar bereits als Baby von den Eltern verstoßen wurde. Andrea, gerade 60 geworden und in den Ruhestand gegangen, hat hingegen ganz klassisch in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet und Türvorleger gewebt oder Spielzeuge zum Verkauf verpackt.

Für viele Hauptbezugspersonen

Wie fühlt sich das an, wenn die eigene Arbeit so eng mit dem Schicksal einzelner Menschen verknüpft ist? Nicht zu jedem baue man eine enge Beziehung im Laufe der Jahre auf, erklärt Frau Petschke. 17 Bewohner gehören insgesamt zur Gruppe, die sie leitet. Rund 250 leben insgesamt in den Häusern im Katharinenhof-Komplex. Mit vielen von ihnen ist sie selbst älter geworden, sagt sie augenzwinkernd. Dass sie und ihre Kolleginnen für die Bewohner eine besondere Verantwortung haben, ist ihnen sehr bewusst. Denn anders als bei der Betreuung von Kindern, gibt es da nicht immer noch eine Familie, die zusätzlich da ist. "Für viele sind wir Hauptbezugspersonen."

Umso wichtiger ist es, Abstand zu halten: "Man muss eine professionelle Beziehung aufbauen, darf die Dinge nicht zu sehr an sich heranlassen", betont sie. Denn die Katharinenhof-Mitarbeiter verbringen viel Zeit mit ihren Schützlingen, machen Ausflüge mit Picknick wie vor Kurzem in die Weinau, musizieren, kochen und basteln mit ihnen - und gehen auch mal gemeinsam Einkaufen, was auch bei Andrea und Sieglinde immer gut ankommt.

Arbeit mit Behinderten hat sich völlig verändert

Eine der größten Herausforderungen für die Berthelsdorferin in ihrem Beruf ist es, Geduld zu haben: Dass jemand die eingeübten Routinen wie das Zähneputzen plötzlich verlernt hat, passiert immer wieder. "Dann geduldig zu bleiben, damit habe ich noch immer zu tun", gibt sie zu. Dass sie sich weitergebildet, ein Studium aufgesattelt hat, habe ihr geholfen, denn Fachwissen ist zwingend nötig, um den Job gut zu machen, gibt sie sich überzeugt.

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Mehr Professionalität ist ohnehin generell über all die Jahre eingezogen. "Als ich hier angefangen habe, gab es noch große Schlafsäle für Frauen und Männer gemischt, Bad und Badewanne war auf dem Gang, das Klo gleich im selben Raum", erinnert sie sich mit einigem Grausen an die Zustände nach der Wende. Heute führen die Bewohner ein viel besseres, würdiges Leben im Einzel- oder Doppelzimmer mit Privatsphäre. Was noch zu wünschen wäre? Anke Petschke fällt da eine Sache sofort ein: "Wieder mehr Verbindung zum Ort", sagt sie. Früher waren die Sommerfeste mitten im Dorf, das hatte dann nur aus praktischen Gründen ein Ende gefunden - und aktuell durch Corona. Der Katharinenhof dürfe aber gern wieder ein Stück in die Dorfmitte rücken, damit sich die beiden Welten mehr berühren.

  • Der Festgottesdienst 300 Jahre Katharinenhof findet am 11. September in Großhennersdorf statt - allerdings wegen Corona nur für geladene Gäste. Ministerpräsident Kretschmer hat sein Kommen jedoch angekündigt.

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