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Welle der Hilfsbereitschaft nach Diebstahl

Einem Großdehsaer wird innerhalb kurzer Zeit dreimal sein Fahrrad gestohlen. Dank Facebook kann das jetzt nicht mehr passieren.

Sandro Goller mit seinem Klapprad, das ihm nun niemand mehr stehlen kann.
Sandro Goller mit seinem Klapprad, das ihm nun niemand mehr stehlen kann. © Matthias Weber

Was wird nicht alles Böses über sogenannte "soziale Medien" wie Facebook gesagt: anonyme Hass-Kommentare, Beleidigungen, belanglose Einträge mit Katzen-Videos - dagegen ist kaum etwas zu machen. Wie solche Medien ihre Bezeichnung "sozial" mitunter auch verdienen, diese segensreiche Erfahrung durfte jetzt Sandro Goller machen. Für den jungen Mann aus Großdehsa erwies sich Facebook jüngst wahrhaft als Samariter-Plattform - das alles wegen eines Delikts, das mittlerweile leider zur Alltagskriminalität gehört.

Wenn Sandro Goller aus den Fenstern seiner Wohnung in Großdehsa schaut, schweift sein Blick über weite Felder und die Oberlausitzer Berglandschaft. Er nennt es selbst scherzhaft den "A... der Welt". Aber genauso liebt der 18-Jährige es. Denn er ist schon naturnah auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ein Problem hat die etwas abgeschiedene Wohnlage dann doch - das mit der Mobilität. Sandro hat nämlich vor rund einem Jahr eine Ausbildung zum Zoo-Tierpfleger im Tierpark Görlitz begonnen. Und der Weg zur Arbeit oder wieder nach Hause wird ihm immer wieder durch Diebe erschwert.

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Drei Fahrräder in kurzer Zeit gestohlen

Einen Führerschein hat Sandro Goller noch nicht. Weil er aber jeden Morgen gegen sieben Uhr im Tierpark anfangen muss, fährt er immer von Großdehsa mit dem Bus zum Bahnhof Löbau und von dort weiter mit dem Zug. Außer wenn er mehrmals im Monat auch Wochenenddienst hat. Dann fährt nämlich kein Bus - jedenfalls nicht morgens um sechs, wenn Sandro ihn bräuchte. Für diese Tage hat er für den Weg zum Bahnhof ein Fahrrad angeschafft. "Ich brauche für den Weg zum Bahnhof etwa 15 Minuten und abends zurück eine halbe Stunde, kein Problem", sagt er.

Als Problem erwies sich alsbald etwas anderes. Sandro musste sich nämlich nicht nur einmal ein Fahrrad anschaffen, sondern zweimal, dreimal, viermal - innerhalb des vergangenen Jahres. "Ich habe das Fahrrad immer mit dem Rahmen am Fahrradständer angeschlossen", erzählt er. Und regelmäßig, wenn er am späten Nachmittag zurückkam, erlebte er den Ärger. "Beim ersten Mal fehlte nur ein Hinterrad", sagt er. Dann war mal der Sattel gestohlen. "In der Arbeit habe ich mir dann einen neuen anschweißen lassen", sagt er. Der Sattel war nun diebstahlsicher - aber als nächstes fehlte dann eben das ganze Rad. Einmal. Zweimal. Dreimal. 

"Das war nie was Besonderes. Immer so alte Fahrräder, die ich mir für höchstens 60 Euro bei ebay gekauft habe." Deswegen hat er auch nie einen dieser Diebstähle bei der Polizei gemeldet. "Ich hatte ja nicht einmal Papiere oder einen Besitznachweis für die Räder", sagt er. Ärgerlich auch die Folgen: "Zweimal musste ich nach Hause laufen, einmal hatte ich Glück und ein Nachbar hat mich abgeholt."

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Als sein nunmehr drittes Fahrrad am ersten Oktoberwochenende mal wieder gestohlen war, griff Sandro Goller zu einem Hilferuf in einer Gruppe auf dem sozialen Netzwerk Facebook. "Hallo Leute, mir wurde gestern zum dritten Mal in sechs Monaten mein Fahrrad am Bahnhof geklaut, trotz zwei Schlössern", schrieb er da und: "Das Fahrrad ist mein einziges Fortbewegungsmittel. Da ich morgens wieder nach Görlitz muss, brauche ich früh ein Fahrrad, um aus Großdehsa zu kommen. Hätte jemand ein günstiges Fahrrad abzugeben, das ich heute noch abholen kann?" Geschenkt wollte Sandro nichts, machte aber auf seine Situation aufmerksam: "Klingt zwar dreist, aber bitte nicht so teuer, da ich noch Azubi bin und das mit den Fahrradsachen langsam echt ins Geld geht, muss kein Schickimicki-Fahrrad sein."

"Es ist traurig, dass so etwas aller paar Wochen in Löbau passiert" fügte er seinem Post noch enttäuscht an. "Den Eintrag habe ich im Zug zur Arbeit geschrieben", erzählt Sandro. Und was dann in den nächsten Stunden bis zu seinem Feierabend passierte, rührt ihn noch immer. "Innerhalb kürzester Zeit kam eine Flut von Reaktionen. Dutzende von Menschen haben mir Fahrräder günstig angeboten, oder auch als Geschenk." Einer habe ihm gar angeboten, ihn zur Arbeit zu bringen, solange er kein neues Fahrrad hat.

Das rettende Angebot kam von einer Dame aus Kleinradmeritz. "Die hat mich kontaktiert und mir ihr Klapprad als Geschenk angeboten", erzählt Sandro. Und das Beste: "Als ich abends von der Arbeit nach Hause kam, hatte sie es schon bei mir daheim vorbeigebracht. Ich habe sie nicht einmal persönlich kennengelernt." Dieses Geschenk bewahrt Sandro nun auch vor sämtlichen weiteren Fahrraddiebstählen. "Das kann ich zusammenklappen und ohne Extra-Fahrkarte im Zug mit nach Görlitz zur Arbeit nehmen", sagt er.

Keine Möglichkeit für eine Überwachungskamera

Indes möchte Sandro Goller das leidige Problem der Fahrraddiebstähle am Bahnhof Löbau auch grundsätzlich gelöst sehen. Er schrieb daher eine Mail an die Stadt, ob es möglich sei, an dem Fahrradständer eine Überwachungskamera anzubringen. Die Stadt antwortete prompt und freundlich - eine Lösung für Sandro und andere Fahrradbesitzer konnte sie indes nicht in Aussicht stellen.

Das Hauptamt lässt Sandro Goller wissen, dass die Problematik der Stadt durchaus bekannt sei und sein Ärger nachvollziehbar - und bezeichnet seinen Vorschlag für eine Überwachungskamera auch als "durchaus sinnvoll". Das Anbringen einer solchen Kamera im öffentlichen Raum sei aber datenschutzrechtlich problematisch, weil diese einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte aller von der Kamera erfassten Personen darstellen würde. So ein behördlicher Eingriff muss besonders gerechtfertigt sein und: Die Zahl der Fahrraddiebstähle am Bahnhof Löbau rechtfertige so einen Eingriff eben nicht.

Sandro Goller ist der Stadt wegen dieser Reaktion nicht böse. Klar, man kann nicht jeden Fahrradständer in der Öffentlichkeit mit einer Kamera überwachen. Ihn macht die Welle der Hilfsbereitschaft glücklich, die er erfahren hat: "Ich bin beeindruckt, dass es solche Menschen wie diese Dame und die vielen anderen noch gibt. Selbst, nachdem ich in der Gruppe gepostet hatte, dass ich ein neues Fahrrad habe, kamen noch Angebote."

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