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PLUS Familienkompass 2020 Löbau

Paradox: Pendlerkreis lobt kurze Wege

Der Landkreis Görlitz gilt als Hochburg der Berufspendler, die lange unterwegs sind. Aber die Stimmung vor Ort ist überraschenderweise eine ganz andere.

Pendeln - ob per Bus, Auto oder Zug - ist im Kreis Görlitz verbreitet. Und auf den Straßen ist dann immer was los, wie auf diesem Archivbild in Herrnhut.
Pendeln - ob per Bus, Auto oder Zug - ist im Kreis Görlitz verbreitet. Und auf den Straßen ist dann immer was los, wie auf diesem Archivbild in Herrnhut. © Matthias Weber

Umfragen und Erhebungen haben es oft genug besungen: Görlitz ist ein Landkreis der Pendler. Über 50.000 Berufspendler hatte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im vergangenen Herbst vermeldet. Die Zahl dürfte kaum geschrumpft sein. Und dennoch: Was die Teilnehmer des Familienkompasses der Sächsischen Zeitung besonders positiv bewerteten, war die Nähe zwischen Wohn- und Arbeitsort. Knapp 66 Prozent haben die Lage mit gut und eher gut bewertet - besser sogar als der Sachsenschnitt. Klingt paradox, ist aber so. Hier einige Beispiele dafür:

Erdmute Frank: Die Gästepfarrerin von Herrnhut lebt mitten "im" Arbeitsort.

Zwei Minuten. Höchstens. Länger braucht die Gästepfarrerin der Evangelischen Brüdergemeine von ihrer Wohnung in der Herrnhuter August-Bebel-Straße nicht zum Kirchensaal. Dort trifft sie in den meisten Fällen die Gäste, die sie durch die Stadt geleitet. Auch zum Gottesacker oder zur Unität ist es nicht weit. "Für mich ist das ideal", sagt die 57-Jährige. Wie es anders sein kann, weiß sie noch aus der Zeit, als sie 2010 ihre Stelle antrat. Da pendelte sie täglich aus Niesky - eine Autofahrt von 45 Minuten. Die Zeit im Auto vermisst sie keineswegs. Im Gegenteil: So bleibt mehr Zeit für ihre Tochter oder Freunde - und Erdmute Frank kann immer auch spontan reagieren. (SZ/abl)

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Erdmute D. Frank an ihrer Arbeitsstätte: mitten in Herrnhut. Hier wohnt sie auch.
Erdmute D. Frank an ihrer Arbeitsstätte: mitten in Herrnhut. Hier wohnt sie auch. © Matthias Weber

Matthias Lehmann: Der Bürgermeister von Neusalza-Spremberg wohnt gleich neben dem Rathaus

Zwei, drei Minuten - so lange braucht Matthias Lehmann morgens zu Fuß für seinen Weg ins Büro. Der Neusalza-Spremberger Bürgermeister hat seinen Arbeitsplatz im Rathaus und wohnt beinahe nebenan auf dem Obermarkt im Zentrum der Stadt. Seit 1996 wohnt er dort. In seinem früheren Job bei Jokey Plastik in Sohland war der Arbeitsweg weiter und mit Fahrten nach Polen und Tschechien verknüpft. Jetzt erledigt er Dienstgänge gern zu Fuß. "Wenn ich zum Beispiel zur Schule oder Turnhalle muss oder Baustellen in Augenschein nehme, laufe ich lieber dorthin." So bemerkt er so manches am Wegesrand. Andere Verwaltungskollegen haben es da weiter: "Unser weitester Mitarbeiter kommt aus Uhyst bei Boxberg." (SZ/rok)

Bürgermeister Matthias Lehmann wohnt gewissermaßen nebenan: Zum Rathaus hat er es nicht weit.
Bürgermeister Matthias Lehmann wohnt gewissermaßen nebenan: Zum Rathaus hat er es nicht weit. ©  Rafael Sampedro

Thomas Mielke: Der SZ-Redaktionschef radelt wenige Minuten auf Arbeit

Der Arbeitsweg von SZ-Redaktionschef Thomas Mielke ist länger geworden, seit er vor sechs Jahren in Zittaus Südwesten gezogen ist. Damals lebte der 46-Jährige mit Frau und drei Kindern in der Innenstadt und brauchte mit seinem Fahrrad keine zwei Minuten bis in den Hof der SZ-Redaktion. Nun sind es - je nach Verkehr - vier bis sechs. Länger dauert es bis in die Löbauer Redaktion. Dahin geht es im Arbeitsalltag nur mit dem Auto. Meist dauert die Fahrt 26 Minuten. Zurzeit ist Mielke aber sehr selten in Löbau, denn die meisten SZ-Redakteure arbeiten wegen der Corona-Pandemie im Homeoffice. Sie kommunizieren per Telefon, Videoschalte, E-Mail und Chatprogramm mit ihm. (SZ)

Thomas Mielke radelt zur SZ-Redaktion auf der Zittauer Neustadt.
Thomas Mielke radelt zur SZ-Redaktion auf der Zittauer Neustadt. ©  Matthias Weber

Bärbel Michel: Nur ein paar Stufen bis in die eigene Wohnung

Etwa 60 Stufen muss Bärbel Michel überwinden, um von ihrem Wäsche- und Strickmoden-Geschäft in die eigene Wohnung zu kommen. 1993 erwarb sie das Haus Innere Weberstraße 27 von der Stadt Zittau. Damals übernahm sie auch den dortigen Laden von ihrer Schwiegermutter Gertrud Michel. Zu dieser Zeit wohnte sie aber noch in einer anderen Ecke von Zittau, erst 2003 zog sie ins eigene Haus ein. „Wenn ich nach der langen Arbeitszeit noch hin- und herfahren müsste, würde ich es nicht schaffen“, meint sie. Auch tagsüber könne sie schnell mal in die Wohnung gehen, um etwas zu holen. Alle Wohnungen sind aktuell vermietet – das war 1993 nicht der Fall. (SZ/jl)

Bärbel Michel wohnt dort, wo sie auch arbeitet: in der Inneren Weberstraße 27.
Bärbel Michel wohnt dort, wo sie auch arbeitet: in der Inneren Weberstraße 27. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Marco Matthäi: Der neue Geschäftsführer der Osteg verschafft 180 Mitarbeitern kurze Arbeitswege

Von Eibau zur Arbeit nach Zittau - für Marco Matthäi ist die halbe Stunde mit dem Auto kein Problem. Seit September ist der 39-Jährige gleichberechtigter Geschäftsführer neben Firmengründer Frank Scholze. Ab Januar wird er die Verantwortung für die 180 Mitarbeiter allein übernehmen - und damit auch eine wichtige Prämisse seines langjährigen Chefs: Frank Scholze war es in den 30 Jahren seiner Geschäftsführung immer wichtig, Aufträge in der Region zu bekommen. Die Mitarbeiter wissen: Bei der Osteg müssen sie nur im Ausnahmefall auf Montage. "Das soll auch künftig so sein", verspricht sein Nachfolger. (SZ/ju)

Marco Matthäi, der neue Geschäfsführer der Osteg, fährt von Eibau zur Arbeit nach Zittau. Auch die Wege auf die Baustellen sind für ihn und die 180 Mitarbeiter immer möglichst kurz.
Marco Matthäi, der neue Geschäfsführer der Osteg, fährt von Eibau zur Arbeit nach Zittau. Auch die Wege auf die Baustellen sind für ihn und die 180 Mitarbeiter immer möglichst kurz. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Susanne von Schmude: Zu Fuß spart Zeit und Kosten

Einen Kilometer Fußweg - weiter hat es Susanne von Schmude nicht von Altlöbau aus zu ihrem Arbeitsplatz bei Stempel Keßner am Wettiner Platz. Ihr Arbeits- und Heimweg hält die 42-Jährige fit und bringt noch weitere Vorzüge mit sich. "Ich muss nicht lange im Auto sitzen", sagt sie. Und Kosten spart sie sich auch. Seit drei Jahren arbeitet sie bei Keßners. Früher war sie in Bautzen beschäftigt. Nicht so weit. "Aber jetzt bin ich auch unabhängig von öffentlichen Verkehrsmitteln", sagt sie. Familienzeit bekommt sie obendrauf. "Auf dem Arbeitsweg bringe ich meinen Sohn in die Kita", erzählt sie - keine Suche nach einem Parkplatz vor der Kita, das schafft Lebensqualität. "Auf dem Heimweg kann ich fußläufig auch noch Einkäufe in der Stadt erledigen", sagt sie. (SZ/mva)

Susanne von Schmude kann auf dem Weg zur Arbeit und nach Hause fußläufig auch viele andere Dinge erledigen.
Susanne von Schmude kann auf dem Weg zur Arbeit und nach Hause fußläufig auch viele andere Dinge erledigen. © Markus van Appeldorn

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