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Werden digitale Schultafeln die Kreide irgendwann ganz verdrängen?

Ein Unterrichtsbesuch an der Freien Werkschule Meißen zeigt die kreativen Möglichkeiten, aber auch Grenzen von digitalem Unterricht.

An der Freien Werkschule Meißen hat die grüne Tafel leistungsstarke Konkurrenz bekommen. Deutsch- und Religionslehrer Bastian Rocktäschel zeigt, wie sich der Unterricht dadurch kreativer gestalten lässt.
An der Freien Werkschule Meißen hat die grüne Tafel leistungsstarke Konkurrenz bekommen. Deutsch- und Religionslehrer Bastian Rocktäschel zeigt, wie sich der Unterricht dadurch kreativer gestalten lässt. ©  Claudia Hübschmann

Meißen. Das Klassenzimmer ist aufgeheizt, als die Siebtklässler vom Sportunterricht zurückkommen. Nach der schweißtreibenden Doppelstunde klingt Filmschauen nach einer entspannten Religionsstunde. So kurz vor den Ferien fast ein bisschen nach Beschäftigungstherapie. Doch moderner, digitaler Unterricht sieht anders aus.

Statt Tafel wischen, wird vor Unterrichtsbeginn der Webbrowser geöffnet und die Online-Lernplattform per Fingertipp angesteuert. Der Film über die Debatte um einen Moscheebau wird über die Website der Bundeszentrale für Politische Bildung gestreamt. Einen Schlitz für DVDs oder gar Videokassetten sucht man bei der digitalen Tafel vergebens: Ein 65-Zoll-Display, das sich je nach Anwendungsbereich um 90 Grad vom Hoch- ins Querformat drehen lässt und die mattgrüne Kreidetafel grell und hämisch überstrahlt. Trotzdem sind Tafeln und Whiteboards noch nicht verdrängt. Viele Lehrer würden die digitale Tafel wirklich nur zur multimedialen Ergänzung ins Klassenzimmer schieben, berichtet der Deutsch- und Religionslehrer Bastian Rocktäschel: "Unter den Kollegen ist es ein großes Anliegen, dass die grünen Tafeln bleiben". Der Tageslichtprojektor dient hingegen nur noch als Ablage für Kreide und Geodreieck.

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Da es an der Freien Werkschule Meißen für jede Klasse einen Satz Laptops gibt, wäre es möglich, den Unterricht komplett digital zu gestalten und Arbeitsblätter gemeinsam über die digitale Tafel zu bearbeiten. Auf den Tischen der Siebtklässler liegen trotzdem Federmäppchen und Ordner: "Herr Rocktäschel", meldet sich ein Schüler aus der dritten Reihe, der in der letzten Woche krank war und nach den fehlenden Arbeitsblättern fragt. "Wie gesagt, die Materialien findet ihr alle auf der Lernplattform", antwortet Rocktäschel routiniert.

Die Vorteile der Handschrift

An der Freien Werkschule können die Schüler ab der 7. Klasse selbst entscheiden, ob sie digital mitschreiben oder ganz herkömmlich einen Ordner führen möchten. Wer digital lernt, für den entfällt die Ausrede seine Hausaufgaben zu Hause vergessen zu haben: Denn Lehrer und Schüler können jederzeit auf alle Materialien zugreifen, auch auf die Mitschriebe von Mitschülern. "Am Anfang von Klasse 7 entscheiden sich erstmal alle für die digitale Variante, aber mit der Zeit merken sie, dass ein handschriftlich geführter Ordner große Vorteile hat."

Bei so viel neuer Technik im Klassenzimmer muss der Übergang ins digitale Schulzeitalter vielen Lehrern wie ein heftiger Umbruch vorgekommen sein. Rocktäschel spricht stattdessen von einer parallel laufenden, schrittweisen Entwicklung: "Zuerst beginnen die Kollegen damit ihr analoges Unterrichtsmaterial zu digitalisieren, sobald das sicher klappt, haben die Kollegen auch Kapazitäten sich mit etwas Neuem auseinanderzusetzen."

Herrn Rocktäschel hat vor allem die Möglichkeiten begeistert, Dokumente im Klassenverbund zu bearbeiten — im analogen Zeitalter war das nur in Kleingruppen möglich. Wenn seine Schüler an einer digitalen Mindmap arbeiten, sehen sie unmittelbar was ihre Mitschüler machen und können sofort darauf reagieren: "Das ist ein großer Fortschritt, weil der Austausch in Echtzeit erfolgt und kommunikativer und qualitativer ist. Auch die Qualität der Dokumente sei höher. Damit lässt sich viel besser lernen."

Um diese Begeisterung zu streuen und Ängste zu nehmen hat Rocktäschel gemeinsam mit seiner Kollegin Laura Hoffmann Weiterbildungen durchgeführt. Vor den Schulungen herrschte im Lehrerzimmer die Angst, dass ihr Umgang mit der Technik so schlecht sei, dass sie sich vor den Schülern lächerlich machen würden. Die größte Befürchtung war allerdings, dass alles was beim analogen Unterricht so gut funktioniert, durch die neuen technischen Möglichkeiten verdrängt würde. Da es an der Freien Werkschule keinen Zwang gibt, die neue Technik zu nutzen, konnten diese Ängste ganz einfach weggewischt werden. "Einem Kollegen, der 30 Jahre lang analog gearbeitet hat, lässt sich das Digitale nicht zwanghaft aufdrücken", so Rocktäschel. "Das ist sogar gut, wenn nicht alle Lehrer ständig mit digitalen Medien arbeiten: Unser Konzept ist es, maximal 50 Prozent des Unterrichts digital zu gestalten — in jüngeren Klassen sogar noch weniger, um die Medienvielfalt zu gewährleisten."

Die mangelhaften digitalen Fähigkeiten der Schüler

Nicht nur für die Lehrer sind die neuen Unterrichtsmethoden eine Herausforderung. Auch die Schüler haben sich jahrelang an analogen Unterricht gewöhnt: "Im Grunde bringt der Großteil der Schüler im Umgang mit digitalen Medien nur sehr wenige Fähigkeiten mit", so Rocktäschel. "Bei manchen Schülern fehlt das Wissen zum richtigen Umgang mit digitalen Medien, bei anderen das Bewusstsein. Das muss kontinuierlich trainiert werden." Klar, ein paar Schüler könnten tatsächlich jedem Lehrer etwas vormachen. Die würden im digitalen Unterricht richtig aufblühen, umherlaufen und schwächeren Schülern helfen.

Auch das Zehnfingerschreiben sei im vom Smartphone geprägten Alltag der Jugendlichen aus dem Fokus geraten: "Für die Sechstklässler führen wir zum kommenden Schuljahr einen Tastaturschreibkurs ein, da viele Schüler nur mit zwei Fingern schreiben können."

Zurück im Religionsunterricht verteilt Rocktäschel Beobachtungsaufträge: Jeder Schüler muss sich auf einen Protagonisten in der Dokumentation konzentrieren, dessen Haltung zusammenfassen und kritisch mit der Eigenen abgleichen. Nach dem Film sollen sich die Schüler in einer Gruppenarbeit austauschen und anschließend ihre eigene Meinung in einem klasse-inneren Online-Forum diskutieren — für die Extraportion Medienkompetenz.

So kann das dann aussehen: Über eine intuitive Wischbewegung friert Religionslehrer Bastian Rocktäschel den Bildschirm ein und kann in verschiedenen Farben über das Standbild schreiben.
So kann das dann aussehen: Über eine intuitive Wischbewegung friert Religionslehrer Bastian Rocktäschel den Bildschirm ein und kann in verschiedenen Farben über das Standbild schreiben. © SZ

"Durch jeden dieser Medienwechsel lässt sich Aufmerksamkeit erzeugen: Wenn ich zum Beispiel einen Text lesen lasse, Dinge ausarbeiten und danach in der Gruppe besprechen lasse, ist die Aufmerksamkeit viel größer, wenn ich danach ein Online Quiz anbiete, anstatt sie einen Lückentext ausfüllen zu lassen", erklärt der Religionslehrer. "So wird der spielerische Aspekt getriggert, den sie gewöhnt sind."

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Ob sich dadurch auch der Lerneffekt steigern lässt, möchte Rocktäschel nach der kurzen Anlaufphase noch nicht bewerten. "In der Oberstufe machen wir das hingegen schon seit vier Jahren: Da ist es tatsächlich in den Phasen, in denen die Schüler am Computer recherchieren und arbeiten, sehr viel ruhiger im Klassenzimmer." Das wirke sich am Ende auch auf die Ergebnisse aus. Jüngere Klassen seien allerdings für das Ablenkungspotenzial der Laptops deutlich anfälliger. Einige Social Media Plattformen und für Kinder ungeeignete Inhalte seien natürlich gesperrt. Die Schüler würden sich jedoch teilweise mit fachfremden Themenbereichen beschäftigen oder zwischendurch ihre Mails checken.

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